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Wie wird man eigentlich Geschäftsführer der Deutschen Sporthilfe?

Ulrike Heitze
Als Wasserball-Nationalspieler erhielt Michael Ilgner während seines Studiums selbst Fördermittel von der Deutschen Sporthilfe. Heute ist der ehemalige Unternehmensberater dort Geschäftsführer und Vorstandsmitglied und sponsert jetzt seinerseits deutsche Athleten.
  • Der Alltag
  • Die Ausbildung
  • Die Laufbahn
  • Das Privatleben
  • Der Alltag
    Von seinem Schreibtisch aus hat Michael Ilgner einen hübschen Ausblick in den Garten der alten Stadtvilla in Frankfurt-Sachsenhausen. Obwohl er schon seit einem Jahr im Chefsessel der Deutschen Sporthilfe sitzt, hat er noch nicht viel Energie in die Ausstattung seines Büros gesteckt. Ein Wasserball, eine Autogrammsammlung und gerahmte Medaillen auf der Fensterbank erinnern an seine Sportlerkarriere. Von hier aus betreut der 35-Jährige mit rund 30 Mitarbeitern 3.800 Nachwuchs- und Spitzensportler, wirbt Sponsorengelder ein und vergibt jährlich zwölf Millionen Euro Fördermittel.

    Was macht die Deutsche Sporthilfe eigentlich?

    Um es ganz knapp zu formulieren: Die Stiftung wirbt seit 40 Jahren in Gesellschaft und Wirtschaft Unterstützung ein und leitet diese an zurzeit rund 3.800 Nachwuchs- und Spitzensportler weiter. Rund 90 Prozent aller deutschen Medaillenträger bei Europa- oder Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen sind so von uns gefördert worden

    Die besten Jobs von allen


    Und was machen Sie als Geschäftsführer?


    Grundsätzlich kümmere ich mich um beide zentralen Bereiche der Stiftung: die Geldbeschaffung, das heißt Vermarktung und Fundraising, und die Geldverwendung, das heißt die Förderung der Athleten. Zusätzlich geht es um Pressearbeit, aber auch um Personal und Finanzen. Die Bandbreite der Aufgaben ist so groß, wie ich sie mir in kaum einem anderen Job vorstellen könnte. Und das in Kombination mit einem Thema, das mich unheimlich begeistert: Spitzensport und Nachwuchsförderung. Deshalb fühle ich mich hier sauwohl

    Was für Aufgaben sind das beispielsweise?

    Die Themen reichen von "Was verdient die Aushilfe?" über "Wie gehe ich damit um, wenn zwei Leute im Büro nicht miteinander auskommen?" bis hin zu "Wie präsentiere ich dem Vorstand von Unternehmen X sein mögliches Sponsorenengagement?" und "Welche Sportler nehmen wir in unsere Eliteförderung auf?

    Vor kurzem haben wir unser Flaggschiff unter den Benefiz-Veranstaltungen, den alljährlichen "Ball des Sports", mit 1.800 Promi-Gästen gefeiert, da geht es zum Beispiel auch darum den Empfang des Bundespräsidenten vorzubereiten und protokollgerecht abzuwickeln

    Wo liegt der größte Unterschied zwischen Ihrem Job hier zu ihrem früheren als Unternehmensberater?

    Der größte Unterschied ist, dass Unternehmensberater Entscheidungen analytisch vorbereiten und versuchen, die handelnden Personen von der Richtigkeit ihrer Empfehlung zu überzeugen. Bei der Sporthilfe habe ich Entscheidungen zu treffen und muss sie auch verantworten und in gute Ergebnisse umsetzen

    Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?

    Ich versuche, ein bisschen vor meinem Team ins Büro zu kommen, um meinen Tag zu sortieren. Seit der Geburt unseres Sohnemanns gelingt das aber immer weniger. Zu Hause habe ich in der Regel schon die großen Zeitungen gelesen. - Ich darf jetzt endlich von Berufswegen den Sportteil zuerst lesen. - Im Laufe eines Tages stehen meist diverse Gespräche mit Mitarbeitern, Sponsoren, Kuratoren oder Sportlern auf dem Programm. Zum Konzepte machen komme ich meist erst ab 18 Uhr, wenn es hier ruhiger wird. Und gegen 20 Uhr versuche ich, hier raus zu kommen

    Sind Sie viel unterwegs?

    Ein, zwei Mal die Woche bin ich schon noch auf Reisen, aber nicht mehr wie früher in der Beratung montags in den Flieger und donnerstags oder freitags zurück. Heute bin ich einzelne Tage unterwegs und packe die dann mit verschiedenen Einzelterminen voll

    Worin unterscheidet sich die Arbeit in einer Stiftung zum Beispiel von der in einem klassischen Konzern?

    Die Bandbreite der Aufgaben ist für alle Mitarbeiter sehr breit. Sie reicht von strategischen bis zu sehr operativen Fragestellungen, vom Bundeskanzleramt bis zum Reinigungsdienst. Darüber hinaus spürt man hier sehr viel schneller die Auswirkungen seiner Entscheidungen - die Erfolge und die Mißerfolge

    Wäre Ihre jetzige Aufgabe auch ohne Sportlerkarriere machbar?

    Sie wäre machbar, aber die Erfahrung hilft sehr. Zum einen natürlich, um die Sporthilfe authentisch zu repräsentieren, zum anderen glaube ich mich besser in die Lage unserer Sportler hineinversetzen zu können und so auch offen und ehrlich mit ihnen zu reden - das beinhaltet dann auch mal "Nein" zu bestimmten Wünschen sagen zu müssen.

    Wie gehen Sie mit schwierigen Entscheidungen um?

    Ich versuche erstmal analytisch vorzugehen, oft auch mit Hilfe von Zahlen. Wenn sich aus der Analyse - angereichert mit dem Rat von Mitarbeitern und Mentoren - keine klare Entscheidung ergibt, dann gehe ich nach Hause, trinke ein Glas Rotwein mit meiner Frau und treffe die Entscheidung, wenn ich im Bett liege. Das ist aber seltener der Fall. Meistens liegt eher eine analytische Lösung nahe

    Wie führen Sie?

    Ich versuche meinen Mitarbeitern genug Spielraum zu geben, dass sie Entscheidungen treffen können und sich gefordert fühlen. Ich glaube, im Schnitt gibt man Mitarbeitern eher zu wenig Raum, um sich zu entwickeln

    Viele Chefs haben halt Angst vor dem Kontrollverlust.

    Ich glaube, es muss ein Wechselspiel zwischen Vision, Delegation und Qualitätskontrolle sein, nach dem Motto: Eine Richtung muß ich vorgeben, schaue hinterher drüber, muss aber nicht noch im hinterletzten Zitat herumstreichen.- Ich behaupte nicht, dass ich selbst dabei schon den richtigen Mittelweg gefunden habe

    Was können Sie nicht leiden?

    Zum Beispiel das Prinzip der Rückdelegation. Ich mag es nicht, wenn ein Mitarbeiter für etwas verantwortlich ist, ein Problem hat und es mir einfach vor die Füße kippt. Wie soll ich das denn lösen? Der ist doch der Spezialist. Ich möchte dann wissen, welche Optionen stehen zur Wahl und welche empfiehlt sie oder er? Und das diskutieren wir und entscheiden gemeinsam

    Was bedeutet für Sie Erfolg?

    Das kann man nicht pauschal definieren. Erfolg ist für mich zurzeit beispielsweise, wenn ich einen Vorstand eines Unternehmens von der Richtigkeit und Wichtigkeit eines Sporthilfe-Sponsorings überzeugen kann. Erfolgreich fühle ich mich aber auch, wenn ich ein kleines, operatives Problem habe und meinen Mitarbeitern oder mir plötzlich eine clevere Lösung einfällt

    Sie sind jetzt ein knappes Jahr Sporthilfe-Chef. Wie sind Sie die ersten 100 Tage angegangen?

    Ich habe einfach angefangen und gelernt. Habe möglichst schnell versucht mit den Mitarbeitern zu sprechen und mir erklären zu lassen, wie die Dinge hier bisher funktioniert haben. Nachdem ich mir eine eigene Meinung gebildet hatte, habe ich versucht, eigene Akzente zu setzen und auch entsprechende Maßnahmen umzusetzen. Dabei geht es nicht darum, jeden Stein umzudrehen, aber mit einer gewissen Konsequenz immer mal Steine, die man für schief gesetzt hält, mit den Mitarbeitern hochzunehmen und eventuell umzusetzen. Wichtig ist deshalb sicherlich auch, die richtige Balance zwischen Bewährtem und Neuem zu finden

    Sind Sie als Ex-Leistungssportler ein anspruchsvollerer Chef als der Durchschnitt?

    Ja, ich glaube schon. Ich bin ehrgeizig, will Dinge erreichen und habe sehr gerne Erfolg. Da kann es schon sein, dass ich viel von mir und automatisch von meinen Mitarbeitern fordere. Es ist eine ständige Herausforderung, das im Zaum zu halten, keine Frage. Wenn man mit dem Eifer eines ehemaligen Leistungssportlers rangeht und auf Leute trifft, die ihren Job seit 25 Jahren gut machen, dann kann man nicht einfach sagen, ich will das jetzt künftig alles ganz anders machen, weil ich jetzt hier bin.

    Wie kriegen Sie das in den Griff?

    Ich habe zwar eine Meinung, meine Vorstellungen und gebe Dinge vor. Aber ich versuche Mitarbeiter auch selbst machen zu lassen und dann erst einzugreifen, wenn es in die falsche Richtung zu laufen droht. Man darf zum Beispiel nicht zu energisch werden und die Leute platt fahren. Das ist schon eine Herausforderung, der ich mich immer wieder ausgesetzt sehe. Da lerne ich auch jeden Tag dazu

    Kann man da als Neuer im Ring viel Porzellan zerschlagen?

    Klar, als Führungskraft ist man nicht gefragt, nur zu verwalten, man ist gefragt, ein Team irgendwohin zu führen, etwas Neues zu machen. Und da wird immer etwas schief gehen. Aber man sollte nicht ständig darüber nachdenken, was man alles falsch machen kann. Wenn ich eine Entscheidung treffe, dann war die ja nie aus der Luft gegriffen, sondern es gab gute Gründe oder vielleicht auch nur ein Gefühl, dass das damals das Richtige war. Fehler sind etwas Grausames - aber auch etwas Wunderbares, weil man es hinterher anders machen kann.

    Was wünschen Sie sich von Bewerbern?

    Eigeninitiative. Leistungsbereitschaft. Teamplay. Und ein Profil. Bewerber sollen authentisch rüberbringen, was sie bisher gemacht haben und machen wollen. Ich hasse es, wenn jemand denkt, er müsste so oder so sein, und sich dann so darstellt, wie er meint sein zu müssen. Das funktioniert nicht.

    Wann hat jemand Profil?

    Wenn eine Linie in seinem Leben erkennbar ist und man für etwas steht. Klar kann man immer mal einen Fehler machen und in einem Job landen, der dann doch nicht passt. Aber wer zigmal komplett die Richtung wechselt, ist irgendwann unglaubwürdig. Und es geht eben auch nicht, dass jemand ständig nach anderthalb Jahren, wenn etwas nicht mehr spannend ist, hinschmeißt. Wie soll ich da sehen, ob der Bewerber auch mal die Zähne zusammengebissen hat

    Woraus leiten Sie Leistungsbereitschaft bei einem Bewerber ab?

    Ich schaue mir oft die Noten im Abizeugnis an, am liebsten Mathe. Und auch eine gute Uni-Note spricht erstmal für jemanden. Noten drücken schon aus, ob man einen Anspruch an sich selber, einen gewissen Hang zu Leistung und Erfolg hat. Ein schlüssiger Lebenslauf und Zeugnisse über bisher geleistetes sollten dann Nachweise für Leistungsbereitschaft zeigen

    Und die üblichen Attribute wie 23 Sprachen und zehn Auslandspraktika?

    Weil so etwas immer mehr Standard geworden ist, ist es nicht mehr so ein Differenzierungsmerkmal wie noch vor zehn Jahren. Sicherlich, praktische Erfahrung ist sehr wichtig. Aber die Zahl der Praktika hängt auch vom Studium ab. Wenn ich ein praxisnahes Studium habe und dann noch wild zehn Praktika draufpacke, dann ist das eher Aktionismus - und nicht zielorientiert. Es muss zusammenpassen und glaubhaft sein. Man sollte sich etwas dabei gedacht und nicht einfach nur des Namens wegen Praktika gesammelt haben.

    Die Ausbildung
    Michael Ilgner wuchs in Schweinfurt auf und probierte sich erfolgreich durch verschiedene Sportarten wie Leichtathletik und Schwimmen, bis er zum Wasserball kam. Dort avancierte er ziemlich zügig zum Bundesligaspieler und wurde in die Nationalmannschaft berufen. Nach dem Abi landete er für ein Jahr in der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Warendorf, bevor er zum Studium - Wirtschaftsingenieurwesen - an die Technische Hochschule nach Karlsruhe ging. Mit 24 gewann er mit dem deutschen Wasserball-Team bei den Europameisterschaften Bronze und startete 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta

    Was wollten Sie als Kind werden?

    Kranfahrer. Mein Opa hatte eine Baufirma, und ich wollte immer da oben rauf. Ich war bis heute noch nicht auf so einem Ding

    Sie haben Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe studiert. Warum nicht Sport?

    Das Fach war eigentlich seit der 11 für mich klar. Weil ich es spannend und vielfältig fand. Und Karlsruhe habe ich ausgesucht, weil mir die Schwerpunkte und die mathematische Grundausrichtung dort gefielen

    Wie kriegt man Studium, Training und Bundesliga unter einen Hut?

    Die erste Zeit war die Hölle. Ich hatte mir mit 36 oder 38 Wochenstunden extra viel ins Studium gepackt, um schneller durchzukommen, war im Nachhinein vielleicht nicht die schlauste Variante. Und dann die ständige Pendelei zum Training nach Stuttgart

    Wie lange haben Sie das durchgehalten?

    Ein Jahr. Dann bin ich zum SV Würzburg 05 zurückgewechselt und habe das Studium ein bisschen geclustert: Montag nach dem Training nach Karlsruhe und Mittwoch oder Donnerstag abend wieder zurück. Das ging dann besser

    Hört sich trotzdem nach einer ziemlichen Ochsentour an.

    Es war immer mal wieder grenzwertig, aber es hat mir viel gebracht. Ich habe früh gelernt, zu fokussieren und zu priorisieren. Ich wusste, ich komme an Tag X mit der Nationalmannschaft aus dem Trainingslager, habe dann drei Wochen zum Lernen und nach der Prüfung geht's weiter mit Sport. Diese Doppelgleisigkeit war auch positiv: Wenn es im Studium mal nicht so gut lief, dann hatte ich noch den Sport und umgekehrt.

    Haben Sie mal an eine Profikarriere als Wasserballer gedacht?

    Im fünften Semester, gleich nach dem Vordiplom, hatte ich mal ein Angebot aus Frankreich. Aber ich wollte zu den Olympischen Spielen nach Atlanta. Da musste ich für den Bundestrainer ein bisschen Präsenz vor Ort zeigen, weil ich in der Nationalmannschaft als Jüngster noch nicht so etabliert war.

    Tut Ihnen die Entscheidung leid?

    Schade finde ich es schon. Es wäre schön gewesen, im Ausland zu spielen und noch eine neue Sprache zu lernen. Aber unter den damaligen Voraussetzungen war es die richtige Entscheidung



    Die Laufbahn
    Nach dem Diplom stieg Michael Ilgner mit einer Teilzeitstelle im Beratungsunternehmen seines Bruders ein, promovierte nebenberuflich in Karlsruhe und spielte weiter in der Bundesliga. 1997, mit Mitte 20, erklärte der 103-fache Nationalspieler seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. 1999 wechselte er zur Strategieberatung Booz Allen Hamilton, betreute dort Restrukturierungsprojekte, zum Beispiel in der Automobilbranche und bei der Deutschen Sporthilfe, und stieg mit Anfang 30, nach nur drei Jahren, in die Geschäftsleitung auf. Nach sieben Jahren Beratung wurde er 2006 von der Deutschen Sporthilfe abgeworben

    Wie passten nach dem Diplom Sport und Beruf unter einen Hut?

    Als ich mit dem Studium fertig war, stand ich sportlich noch voll im Saft. Ich wollte noch nicht aufhören. Aber eben beruflich auch schon loslegen. Das hätte schwierig werden können. Mein Bruder hatte glücklicherweise bereits ein Unternehmen gegründet. Dort konnte ich dann mit einer Teilzeitstelle anfangen, habe parallel promoviert und weiter trainiert. So hatte ich eine gewisse Flexibilität

    Einer ihrer ersten Aufträge dort war, für Nokia ein Mobilfunknetz in der Schweiz zu errichten. Woher wussten Sie, wie so etwas geht?

    Zum Teil aus dem Studium und aus Praktika. Aber es war auch viel Glück dabei. Einer musste sich halt kümmern. Und das war dann eben ich. Die Anfänge der Mobilfunk-Ära waren eine Zeit, in der man früh viel Verantwortung bekam, weil einfach kein anderer da war

    Muss man da nicht ganz schön schlucken?

    Doch. Es bringt einen schon ins Trudeln, wenn man einen Blick aufs Organigramm wirft und da steht man plötzlich als Projektkoordinator relativ weit oben. - Aber das ist eine gute Chance, sich zu entwickeln. Man darf nur nicht zu sehr gefordert sein, so dass man unsicher wird und dadurch falsche Entscheidungen trifft


    Trotz der großen Projekte sind Sie dann doch bald zu Booz Allen gewechselt. Warum?

    Es gab nach zwei Jahren so einen Punkt, an dem ich vor der Entscheidung stand, noch tiefer bei meinem Bruder einzusteigen - oder noch mal was anderes zu sehen. Da habe ich mich dann für neue Anforderungen und Anstöße entschieden

    Sie sind bei Booz Allen innerhalb von nur drei Jahren zum Principal aufgestiegen. Wie haben Sie das angestellt?

    Ich denke, ich war immer voll bei der Sache, mir hat der Beruf einfach sehr viel Spaß gemacht. Ich habe da den Adrenalinkick bekommen, den ich aus dem Sport kannte. Aber ich habe auch eine Menge Glück gehabt - gute Projekte, tolle Mentoren, super Kollegen

    Kann man sich Karriere vornehmen?

    Ich glaube, es ist gefährlich, wenn man zu sehr überlegt, wie muss denn jetzt mein nächster und übernächster Schritt genau aussehen. In erster Linie muss man seinen Job gut und mit Leidenschaft machen. Für mich war es beispielsweise immer das Ziel, dass der Klient hinterher gesagt hat ?Mensch, da haben Sie uns echt weitergeholfen.' Das war mir wichtig. Die Karriere hat sich dann daraus entwickelt

    Welche Rolle hat der Sport in Ihrer Karriere gespielt?

    Beim Sport wird man zum Erfolgs- und Adrenalinjunkie. Dort habe ich lernen dürfen, wie schön es ist, Leistungsbereitschaft zu zeigen. Und man lernt, mit Erfolgen und mit Niederlagen umzugehen und sich aus beidem heraus zu motivieren. Eine Niederlage hat mich immer so sehr gewurmt, dass ich mich das ganze Wochenende schwarz geärgert und am Montag Abend umso verbissener trainiert habe, um den Fehler bloß wieder wett zu machen

    Trotz Ihrer sportlichen Erfolge sind Sie schon ziemlich früh, mit 26, von der Nationalmannschaft zurückgetreten. Warum?

    Ich hatte eine tolle Zeit, habe olympische Spiele erlebt, eine Medaille bei der Europameisterschaft gewonnen. Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass ich alles im Rahmen meiner Möglichkeiten erreicht hatte - auch wenn ich noch vergleichsweise jung war. Alles was danach gekommen wäre, wäre eine tolle phantastische Wiederholung gewesen

    Blutet einem da nicht das Herz?

    Die ersten zwei Jahre waren schon sehr, sehr schwer. Im Sport war man gewohnt, dass Leistung noch stärker, reiner belohnt und gefeiert wird. Man war jemand, stand im Mittelpunkt. Und plötzlich muss man damit zurecht kommen, dass man wieder einer von sehr vielen ist. Das kratzt schon am Ego. Und wenn es dann im Job nicht gleich so läuft, läuft man schnell Gefahr, sich in ein sportliches Comeback zu flüchten

    Auch mal drüber nachgedacht?

    Es gab schon einige Abende, an denen ich fluchend über ein paar Excel-Sheets saß, wenn dann E-Mails von den Teamkollegen aus dem spanischen Trainingslager eintrudelten. Aber auch, wenn es schwer fiel, war es der richtige Zeitpunkt für neue Herausforderungen

    Berufsbegleitend hätte der Sport nicht funktioniert?

    Mit dem Anforderungsprofil bei Booz Allen und dem vielen Reisen hätte das nicht geklappt. Ich habe da noch ein drei Viertel Jahr Bundesliga gespielt, habe die Woche über ein bisschen im Hotelpool gepaddelt und bin laufen gegangen. Aber nach einem halben Jahr ließ die Substanz langsam nach. Da habe ich lieber ganz aufgehört

    Im Gegensatz zu dem eher familiären Job bei Ihrem Bruder waren Sie jetzt plötzlich mit dem recht rigiden "Up or out" einer Unternehmensberatung konfrontiert.

    "Up or out" wird oft so verteufelt. Ich habe das nicht so empfunden. Auch die ständigen Beurteilungen waren aus meiner Sicht nicht schlimm. Da sagt dir jemand, was gut war und was du besser machen könntest. Es macht doch Spaß, wenn einem dabei geholfen wird, sich weiterzuentwickeln

    Aber so ein Zwang zur Weiterentwicklung kann einen schon unter Druck setzen.

    Die Gespräche sind aber auch ein guter Gradmesser. Und man muß so und so sein eigenes Terrain finden. Ein sehr guter Analytiker muss längst kein guter Projektmanager sein, oder ein sehr guter Projektmanager ist nicht automatisch ein sehr guter Partner. Es kommt doch vor allem darauf an, herauszufinden, wo man seine Fähigkeiten am besten einsetzt und gut aufgehoben ist. Eigentlich ist es ein sehr gutes System

    Sie sagen, Sie haben den Beraterjob geliebt. Warum sind Sie bei der Sporthilfe dann doch schwach geworden?

    Nach so vielen Jahren Strategieberatung hat es mich unheimlich gereizt, etwas operativ zu verantworten, für das ich Leidenschaft empfinde. Für Entscheidungen stehen zu müssen, Dinge umsetzen zu müssen. Ich hoffe, bei der Sporthilfe meine Lernkurve möglichst steil zu halten - und zwar in Bereichen, die ich bisher noch nicht so kannte

    Keine klassische Beraterkarriere?

    Nein, passt eigentlich gar nicht zu einem klassischen, promovierten Wirtschaftsingenieur. Nach so einer Karriere bei einer Strategieberatung wäre ein logischer nächster Schritt zum Beispiel "Leiter Strategie" in einem Konzern gewesen. Das hat mich aber nie so tausendprozentig gereizt. Dann eher operative Verantwortung übernehmen

    Das Privatleben
    Michael Ilgner ist verheiratet, hat seit Oktober einen Sohn und wohnt mit Kind und Kegel im Frankfurter Äppelwoi-Stadtteil Sachsenhausen. Das Wochenende gehört der Familie, den Freunden - und dem Sport

    Bleibt Ihnen jetzt noch Zeit zum Sport?

    Ganz ohne Sport geht es nicht. Ich laufe, ich schwimme und mache hin und wieder mal einen Triathlon. Aber jetzt, wo der kleine Mini da ist, kommt das ein bisschen kurz. Der fordert einen schon sehr.

    Wie? Gar kein Wasserball mehr?

    Wasserball habe ich nach meinem Abschied nur noch zwei Mal gespielt. Das vermisse ich aber auch nicht. Das habe ich zu intensiv gemacht, als dass ich es jetzt mit halber Kraft tun möchte

    Typische Vorstellungsgespräch-Frage: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

    Uff. Ich kann mir vieles vorstellen. In fünf Jahren möchte ich der Sporthilfe geholfen haben, im wandelnden Sponsoring- und Charity-Markt sich erfolgreich zu behaupten. Das ist erst Mal mein nächstes Ziel. Und danach? Vielleicht das hier weiter, oder mal wieder was in der Lehre, oder selber noch mal unternehmerisch tätig werden oder etwas Spannendes in einem Industrieunternehmen. Ich weiß es nicht. - Und eigentlich brauche ich es heute auch noch gar nicht genau zu wissen.

    Wo liegen Ihre Schwächen?

    Die führe ich jetzt lieber nicht alle auf. Unter anderem spreche ich zu wenig Sprachen. Darum habe ich mich in der Schule und an der Uni nicht genug gekümmert.

    Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

    Viel Zeit mit meiner Frau und meinem kleinen Sohn verbringen. Ich bin ein Familienmensch. Ich bin auch gern mit meinen Eltern Geschwistern und Freunden zusammen

    War Elternzeit ein Thema für Sie?

    Nein. In diesem Job ginge das auch gar nicht. Ich habe hier mit dem Team etwas angefangen und das muss ich eine Weile durchziehen. Natürlich ist jeder ersetzbar, auch ich. Aber ich bin meiner Frau sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, das hier Angefangene jetzt auch fortzuführen

    Ihre Frau ist im Augenblick zuhause?

    Ja, der Kleine ist erst ein paar Monate alt. Wie und wann Sie am besten in ihren Job zurückkehren wird, versuchen wir gerade herauszufinden

    Dieser Artikel ist erschienen am 15.02.2007