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Wie wird man eigentlich Generalarzt?

Die Fragen stellte Katja Stricker
Erika Franke ist derzeit die ranghöchste Frau bei der Bundeswehr und leitet das Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Dabei ist sie eher per Zufall beim Bund gelandet

Der Alltag
Die Truppenfahne der Bundeswehr steht direkt neben dem Schreibtisch - und ist der einzige Farbtupfer in einem sonst eher in matten Weiß-, Blau- und Grautönen gehaltenen Büro. An der Wand hängen Fotos von Bundespräsident Köhler und Verteidigungsminister Jung. Truppenfahne und Bilder gehören zum Standard im Büro eines kommandierenden Offiziers - und genau das ist Erika Franke, 53. Seit April 2006 leitet die Medizinerin das Bundeswehrkrankenhaus Ulm, wenig später wurde sie zum Generalarzt befördert - als zweite Frau in der Geschichte der Bundeswehr

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Die Ausbildung - Die Laufbahn - Das Privatleben


Weil Sie aus den Neuen Ländern kommen, wurden Sie in der Presse bereits als die "Angela Merkel der Bundeswehr" tituliert. Wie gefällt Ihnen der Vergleich?

Es wäre vermessen, wenn ich den Vergleich annehmen würde. Ich persönlich bewundere diese Frau und habe Achtung vor dem, was sie leistet

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Ich bin Frühaufsteherin, sitze spätestens um 6.30 Uhr am Schreibtisch. Die Zeit bis 8 Uhr nutze ich zur konzeptionellen Arbeit und zur Vorbereitung auf das Tagesgeschäft. Und das ist außerordentlich vielschichtig, fordert ständiges Umdenken und volle Konzentration. In der Regel finden über den gesamten Arbeitstag verteilt Besprechungen zu Planung und Organisation des Dienstbetriebes sowie zu aktuellen Problemen statt. Darüber hinaus sind Telefonate, Unterrichtungen durch Verantwortliche für Spezialbereiche und selbstverständlich die Bearbeitung von Postvorgängen die bestimmenden Faktoren meines täglichen Arbeitspensums

Bleibt da noch Zeit für Kontakt zu Patienten oder für Forschungsarbeit im Labor?

Nein, das, was ich mache, ist pures Management

Vermissen Sie die Arbeit im Labor?

Nun nicht mehr. Aber ich versuche, immer mal wieder ein bisschen Laborluft zu schnuppern, sei es in unserem Labor im Bundeswehrkrankenhaus oder im benachbarten Universitätsklinikum. Von der ureigenen Labortätigkeit bin ich inzwischen sehr weit entfernt

Sind Sie mehr als Soldatin oder Ärztin?

In der täglichen Praxis stellt sich diese Frage so nicht. Von mir werden einerseits Führungsentscheidungen erwartet, die eher für den Offizierberuf sprechen. Andererseits habe ich ein etabliertes Krankenhaus der Schwerpunktversorgung mit ca. 1400 Mitarbeitern zu leiten, was ohne medizinisches Grundwissen nicht möglich ist. Deswegen fließen in alle wesentlichen Entscheidungen, die ich zu treffen habe, meine beruflichen Erfahrungen als Arzt mit ein.

Welche Werte möchten Sie als Führungskraft vorleben?

Teamfähigkeit und Kommunikation sind mir sehr wichtig. Zudem schätze ich es, die Meinung anderer zu hören. Daher sitze ich oft mit meinen Mitarbeitern in Diskussionsrunden zusammen - aber nie länger als eine Stunde. Wenn bis dato kein Ergebnis vorliegt, wird die Sache unproduktiv. Um es kurz zu sagen: Führe so, wie Du selbst geführt werden möchtest. Diese Orientierung von Kant versuche ich zu verwirklichen. Dabei setze ich auf Teamgeist, Achtung und Vertrauen sowie offene Kommunikation, Effizienz und Effektivität

Die Ausbildung
Erika Franke wird am 8. Mai 1954 in Ost-Berlin geboren und wächst in Liebenwalde auf. Nach dem Abitur studiert sie Humanmedizin an der Humboldt-Universität Berlin und erlangt 1978 die Approbation. Mit 31 Jahren schließt sie ihren Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie ab

War Ärztin schon immer Ihr Traumjob?

Als Jugendliche habe ich in den Ferien in unserem städtischen Krankenhaus gearbeitet und mir etwas dazu verdient - ich denke, damals ist der Wunsch entstanden, später den Beruf des Arztes auszuüben

Das Medizinstudium bedeutet ja ziemlich viel Auswendiglernen. Waren Sie eine zielstrebige Studentin?

Ich denke ja. Mit gesundem Ehrgeiz und dem nötigen Fleiß habe ich sowohl das Studium als auch alle anderen Etappen meines Berufsweges absolviert.

Sie haben ja die Spezialisierung mit Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie gemacht. Warum?

Eigentlich wollte ich Chirurgin werden und hatte die Facharztausbildung bereits angefangen. Dann kamen kurz hintereinander unsere beiden Kinder zur Welt. Als Chirurg muss man immer verfügbar sein, hat ständig wechselnde Dienste - das ließ sich mit den kleinen Kindern nicht vereinbaren. Die Entscheidung für das Fachgebiet Mikrobiologie war eher Zufall. Aber ich habe sie nie bereut

Die Laufbahn
Als promovierte Ärztin arbeitet Erika Franke bis zur deutschen Einheit im Oktober 1990 am Krankenhaus der Volkspolizei in Ost-Berlin. Mit der Übernahme durch die Bundeswehr wird sie stellvertretende Leiterin am Zentralen Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Berlin. Seitdem trägt sie die Uniform der Heeresstreitkräfte: schwarze Hose, blaues Hemd mit dunkelgrauer Krawatte - bei offiziellen Terminen gehört dazu eine graue Jacke

Sie sind eher zufällig zur Bundeswehr gekommen?

Ja, die Bundeswehr hat in der Wendezeit in den neuen Ländern Krankenhäuser gesucht, um auch dort die sanitätsdienstliche Versorgung von Soldaten sicherzustellen. Dazu gehörte unter anderem auch das damalige Krankenhaus der Volkspolizei in Ost-Berlin, in dem ich als Mikrobiologin gearbeitet habe. Mit der Umwandlung in ein Bundeswehrkrankenhaus wurde auch das dort tätige Personal übernommen - und da gehörte ich dazu

Mussten Sie die Grundausbildung beim Bund nachholen?

Nein - die Grundausbildung im herkömmlichen Sinne wurde mir erlassen. Dafür wurde ich in Lehrgängen und Seminaren geschult

Auf die Fußmärsche und das Schlammrobben konnten Sie sicher verzichten?

Das schon, aber manchmal habe ich mir gewünscht, die Stabsstrukturen und Verfahrensweisen in der Bundeswehr von der Pike auf gelernt zu haben. So musste ich oft hinterfragen, in welcher Dienstvorschrift was und wie geregelt ist

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Ich habe damals mit meiner Familie in unmittelbarer Nähe zum Brandenburger Tor gewohnt und konnte die Geschehnisse live verfolgen. Ehrlicherweise muss ich sagen, meine Gefühle waren wie Wechselbäder. Die Ereignisse mussten erst einmal in meine persönliche Welt eingeordnet werden

Und plötzlich waren Sie nicht mehr nur Ärztin, sondern auch Soldatin? Ist Ihnen der Übergang schwer gefallen?

Es war ein unspektakulärer, schleichender Prozess, der sich über Monate hingezogen hat. Vorrangig stand die Aufgabe, den Krankenhausbetrieb aufrecht zu erhalten. Zudem hatte ich Personalverantwortung und konnte mich nicht einfach davonstehlen. Also habe ich mich mit den neuen Strukturen arrangiert - und nebenbei lief der ganz normale Krankenhausalltag weiter. Ich habe mich damals nicht bewusst für die Bundeswehr entschieden. Ich bin rein gewachsen und habe festgestellt, dass ich mich damit identifizieren kann. Lassen Sie mich erwähnen, dass mich in diesem Prozess erfahrene Bundeswehrangehörige begleitet haben, mit denen mich heute noch eine enge Freundschaft verbindet

Und sind sehr erfolgreich geworden. Haben Sie Ihre weitere Karriere bei der Bundeswehr bewusst geplant - etwa mit dem Ziel es bis zum General zu schaffen?

Nein, dies ganz sicher nicht. Karriere war und ist für mich nicht die alles entscheidende Zielgröße. Wichtiger sind mir da Anerkennung und Wertschätzung der Leistung. Ich habe immer versucht, flexibel zu sein und die an mich gestellten Aufgaben bestmöglich zu erfüllen. Wenn ich mich einer Herausforderung stelle, dann gehe ich die Sache mit ganzer Kraft und vollem Elan an.

Wie fällen Sie solche Entscheidungen?

Entscheidungen, die mit Konsequenzen verbunden und von längerfristigem Bestand sind, lasse ich reifen und beziehe auch das betreffende Umfeld in die Entscheidungsfindung ein. Weniger weit reichende Entscheidungen treffe ich eher intuitiv bzw. entscheide auch mal nach Bauchgefühl

1997 und 2000 waren Sie jeweils für mehrere Monate auf dem Balkan im Auslandseinsatz. Hatten Sie Angst?

Angst ist nicht das richtige Wort. Aber vor dem ersten Einsatz war ich schon sehr unruhig und gespannt, weil ich nicht wusste, was mich dort erwartet. Wie sieht so ein Feldlager aus? Wie lebt und arbeitet es sich dort? Werde ich den Anforderungen gerecht? Wie hoch ist die Bedrohung tatsächlich?

Und wie gefährlich war es?

Ich habe es damals nicht als ein sehr großes Risiko empfunden. Wir wurden gut auf den Einsatz und die damit verbundenen Gefahren vor Ort vorbereitet. Ich sehe das vielleicht zu pragmatisch, aber das gehört zu unserem Beruf einfach dazu. Bei so einem Kriegseinsatz - welche Bilder nimmt man mit nach Hause?Ganz vielfältige. Darunter Bilder bzw. Eindrücke, die mich heute noch bewegen. Vielleicht ein Beispiel: Ich war mit einem Erkundungsteam unterwegs und wir stießen zufällig auf ein Rückkehrerheim. Dort lebten Menschen auf engstem Raum unter hygienisch unvorstellbaren Bedingungen, ohne Wasser und ohne Strom. Im Heim wurde mir ein frisch am Herzen operiertes Kind gezeigt - aber es gab keine Medikamente. Diese Not und große Armut in unserer unmittelbaren Nachbarschaft hat mich betroffen und nachdenklich gemacht

Solche Bilder relativieren vieles hier im Alltag - oder?

Auf jeden Fall. Man lernt das, was man für selbstverständlich erachtet, zu würdigen und Alltägliches anders zu bewerten. Zum Beispiel habe ich während des Einsatzes die Bedeutung von Gemeinschaft, Kameradschaft und Zusammenhalt spürbar erlebt und schätzen gelernt.

Hat es einen Unterschied gemacht, dass Sie eine der wenigen Frauen dort waren?

Nein - und das wäre auch nicht in meinem Sinne gewesen. Ich möchte, im Übrigen wie die meisten Soldatinnen, auch heute keine Vergünstigung oder Sonderbehandlung, sondern nur so normal wie auch in anderen Berufen, meinem Job nachgehen. Wobei ich es trotzdem als angenehm empfinde, wenn mir ein männlicher Begleiter z.B. in den Mantel hilft oder die Tür aufhält. Ich glaube, diese Art von Höflichkeiten oder Aufmerksamkeiten Frauen gegenüber darf auch weiterhin den Unterschied ausmachen

Wie ist ihre Familie mit der Trennung klar gekommen?

Meine Familie hat meinen Beruf und die damit verbundenen Belastungen schon immer akzeptiert. Und unsere Kinder waren bei meinem ersten Einsatz bereits in einem Alter, wo sie die Umstände begreifen konnten. Die monatliche Telefonrechnung war gigantisch - aber regelmäßiger Kontakt nach Hause ist in so einer Situation wichtig.

Sie sind zurzeit die ranghöchste Soldatin in der Bundeswehr. Hat es für Ihre Karriere eine Rolle gespielt, dass Sie eine Frau sind?

Das hoffe ich natürlich nicht. Personalentscheidungen sind von vielen Faktoren abhängig, aber ich vertraue darauf, dass Leistung und Kompetenz auch in meinem Falle die entscheidenden Kriterien waren. Frauen gehören mittlerweile zum Alltagsbild der Bundeswehr. Ich sehe mich da, wenn auch zur Zeit als ranghöchste Soldatin, nicht als etwas Besonderes

Würden Sie jungen Frauen oder auch ihrer eigenen Tochter raten zur Bundeswehr zu gehen?

Wer sich mit den Grundsätzen identifizieren kann, für den ist die Bundeswehr ein guter Arbeitgeber mit sehr vielseitigen Möglichkeiten und Entwicklungschancen. Auch für Frauen. Was die eigenen Kinder angeht: Bei unserer Tochter war das nie ein Thema, aber unserem Sohn habe ich abgeraten, als er zur Bundeswehr gehen wollte. Ich war ehrlich gesagt, sogar dagegen - da konnte ich nicht aus meiner Haut als Mutter. Er hat es trotzdem getan - und das akzeptiere ich natürlich und bin heute auch sehr stolz auf ihn. Die Sorge, wenn es um seinen Einsatz im Krisengebiet geht, bleibt dennoch

Was muss man mitbringen, um bei der Bundeswehr Karriere zu machen?

Die Bundeswehr basiert im Grundsatz auf einem System der Hierarchie und des Gehorsams. Man muss daher den Willen mitbringen, sich ein- aber auch unterordnen zu können und zu wollen. Das schließt jedoch nicht aus, dass das persönliche Engagement für die jeweilige Sache gefragt ist.

Sie selber haben ihre Kinder kurz nach dem Studium bekommen - und waren weiterhin voll berufstätig. War das in der DDR einfacher?

Vielleicht nicht einfacher, aber unbeschwerter. Die Kinder waren klein, als ich in der Facharztausbildung war. Tagsüber waren unsere Kinder im Betriebskindergarten und wurden gut umsorgt. Wenn die Kinder abends im Bett waren, habe ich gelernt und an meiner Promotion geschrieben.

Das Privatleben
Erika Franke ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. Ihre Familie lebt in Berlin. An den Wochenenden pendelt sie von Ulm in die Hauptstadt. Das gehört zum Alltag eines Soldaten

Nervt Sie die ständige Pendelei?

Mit dieser Frage beschäftige ich mich nicht. Das Pendeln gehört zu meinem Berufleben. Ich arbeite gern im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus und ich sage bewusst: uns gefällt es gut hier im Ländle. Mein Mann ist auch regelmäßig in Ulm und wir erkunden gemeinsam Stück für Stück dieser wunderschönen Region. Trotzdem ist und bleibt vorerst Berlin mein Mittelpunkt - dort habe ich meine Familie

Wie schalten Sie ab?

Nach der Arbeit brauche ich meinen persönlichen Freiraum und suche bewusst Ruhe und Entspannung. Ich genieße die Spaziergänge durch die Natur, z.B. hier am Ulmer Eselsberg, lese aber auch sehr gern. An den Wochenenden in Berlin ist Familie pur angesagt. Wenn ich meine beiden Enkel um mich habe, vergesse ich alles andere. Dann bin ich nur Oma - und das ganz entspannt

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?

Zunächst wünsche ich mir noch einige Jahre des erfolgreichen und zufriedenstellenden Wirkens in meinem Beruf. Danach hoffe ich, gesund in Pension zu gehen, für die Familie da zu sein und mit meinem Mann ein paar schöne Reisen zu unternehmen.

Dieser Artikel ist erschienen am 28.08.2007