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Wie wird man eigentlich Comtrade-Chefin, Frau Sievers?

Als Babette Sievers 2003 den Chefposten beim Hamburger IT-Dienstleister Comtrade übernahm, stand die Firma kurz vor der Pleite. In den vergangenen drei Jahren hat die promovierte Juristin das Unternehmen erfolgreich saniert.
Der Alltag
Die Ausbildung
Die Laufbahn
Das Privatleben
Der Alltag
Im dritten Stock des Medienzentrums Kampnagel im Hamburger Stadtteil Winterhude hat Babette Sievers, Vorstandschefin des IT-Dienstleisters Comtrade, ihr Büro. Die 41-Jährige mag es schnörkellos: Das helle Eckzimmer ist mit schlichten Büromöbeln aus Holz eingerichtet. Glas dominiert den Raum: Zwei Wände bestehen komplett aus Fenstern. Und auch die Tür zum Flur ist aus Glas

Stört es Sie nicht, dass Ihnen jeder auf den Schreibtisch guckt?

Meine Mitarbeiter können ruhig sehen, was ich den ganzen Tag so treibe

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Wie sieht ein typischer Tag aus?

Feste Rituale habe ich nicht. Wie mein Tag aussieht, hängt von meinen Aufgaben und Terminen ab. Zum Zeitung lesen komme ich im Büro selten. Das hole ich meist abends zuhause nach. Ich versuche, die Dinge so strukturiert und komprimiert anzugehen und zu erledigen, dass sie möglichst wenig Zeit kosten

Sind Sie viel unterwegs?

Zum Glück wesentlich weniger als bei meinen früheren Jobs. Dieses durch die Weltgeschichte reisen, bedeutet immer viel tote Zeit - auf Flughäfen, Bahnhöfen, im Stau

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Wir sind ein kleines Unternehmen, da muss jeder auch mal Dinge mitmachen, die normalerweise nicht in seinen Bereich fallen. Ich versuche, mit gutem Beispiel voran zu gehen. Ich lasse meinen Mitarbeitern sehr viel Freiheit und schenke jedem einen üppigen Vertrauensvorschuss, kann aber auch ungemütlich werden, wenn jemand damit nicht verantwortungsbewusst umgeht

Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Ich habe einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Sicher ein Grund, warum ich Jura studiert habe. Das bedeutet aber auch, dass ich das Unternehmen leistungsbezogen führe. Für Leute, die sich auf Kosten des Teams ausruhen, habe ich überhaupt kein Verständnis. Da reagiere ich allergisch.
Auf der anderen Seite habe ich immer ein offenes Ohr, wenn es um persönlichen Schicksale meiner Mitarbeiter geht. Schließlich trage ich als Chef soziale Verantwortung für meine Angestellten. Mein Vater war Bischof, mein Bruder ist Pastor, ich bin also mit einem christlichen Wertesystem aufgewachsen, das mich geprägt hat und das ich auch im Job lebe.

Was schätzen Ihre Mitarbeiter an Ihnen?

Ich bin sehr geradlinig, sage offen meine Meinung.

Was nervt?

Ich bin chaotisch oder besser ausgedrückt: Ich habe meine eigene Ordnung. Zurzeit ist es hier ziemlich aufgeräumt, aber hin und wieder liegen auf meinem Schreibtisch gewaltige Papierberge. Ich weiß dann meist genau, wo was ist, aber für meine Assistentin ist es natürlich extrem schwierig, sich dadurch zu finden. Und ich neige vielleicht dazu, andere zu überfordern.

Sie erwarten viel von ihren Mitarbeitern?

Auf jeden Fall. Aber sicher nichts Unmögliches und nie mehr, als von mir selber.

Die Ausbildung
Geboren und aufgewachsen ist Babette Sievers in Schleswig-Holstein. Ihr Vater war Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg. Nach dem Abitur hat sie an der Universität Kiel, Tübingen, Innsbruck und in Seattle (USA) Jura studiert und promoviert.

Sind Sie gerne zur Schule gegangen?

Überhaupt nicht. Die 13 Jahre waren echte Quälerei. Ich bin auf einem Gymnasium gewesen, das seine Schüler überhaupt nicht gefördert hat, wo es die Lehrer nicht geschafft haben, meinen Wissensdurst zu stillen. Vieles habe ich mir daher selber beigebracht, Mengen an Büchern verschlungen. Nach dem Abi hatte ich das Gefühl, endlich durchstarten zu können.

Was wollten Sie früher werden?

Stewardess, weil ich durch die Welt fliegen und alles angucken wollte.

Warum ist es Jura geworden?

Eigentlich wollte ich extra nicht Jura studieren, weil es in meiner Familie schon viele Juristen gibt. Also habe ich nach dem Abi ein Arbeitsamt-Buch, in dem alle möglichen Berufe vorgestellt wurden von hinten bis vorne durchforstet. Aber kein Job hat mich richtig begeistert. Also habe ich doch Jura studiert, weil ich mir möglichst viele Wege offen halten wollte.

Laufbahn
Babette Sievers erster Job führt sie in eine Kanzlei nach Brüssel. 1997 steigt sie bei Mannesmann in Düsseldorf in den Bereich M&A ein und gehört während der Übernahmeschlacht durch Vodafone zum Abwehrteam von Mannesmann-Chef Klaus Esser. Als dem britischen Mobilfunkriesen trotz aller Bemühungen die Übernahme gelingt, wechselt Sievers 2000 zum Softwarehersteller Ceyoniq nach Bielefeld. Doch bereits zwei Jahre später meldet das New-Economy-Unternehmen Insolvenz an. Im Juli 2002 kommt sie mit 37 Jahren in den Vorstand von Comtrade und übernimmt ein gutes Jahr später den Vorsitz. Doch auch die Hamburger IT-Firma steht kurz vor der Pleite. In den nächsten drei Jahren gelingt es Sievers das angeschlagene Unternehmen erfolgreich zu sanieren.

Wie haben Sie die Übernahmeschlacht bei Mannesmann erlebt?

Das war ein Traumprojekt für einen Juristen - und mit Sicherheit der größte Wirtschaftskrimi, den es je in Deutschland gegeben hat. Als die Schlacht verloren war, stand für mich fest, dass ich wechseln würde. Ein anderer Großkonzern kam nicht in Frage, denn wer hätte mir zu diesem Zeitpunkt einen spannenderen Juristen-Job anbieten sollen. Ich wollte in eine kleinere Firma, wo ich mehr im Management mitlenken kann. Das hat mich gereizt.

Sie sind von der Old- zur New-Economy gewechselt. Wie groß war das Risiko, das Sie dabei eingegangen sind?

Größer als ich dachte, wie sich im Nachhinein rausstellte. Dass Ceyoniq kurze Zeit später Pleite gehen würde, damit hätte ich niemals gerechnet. Was ich in der Bewerbungsphase von der Firma mitbekommen hatte, hörte sich solide und sehr interessant an.

Was war Ihr größter beruflicher Erfolg?

Ganz klar, dass ich Comtrade, die ebenfalls kurz vor der Insolvenz standen, wieder in ruhige Fahrwasser steuern konnte. Um ehrlich zu sein: Wenn ich vorher gewusst hätte, wie schlecht es um Comtrade stand, hätte ich den Vorstandsjob niemals angenommen. Der Brocken an Arbeit wäre mir zu groß gewesen.

War der Wechsel zu Comtrade ein Fehler?

Zu Beginn habe ich Zweifel an meiner Entscheidung gehabt. Jetzt, wo das Unternehmen gerettet ist und alles gut läuft, kann ich natürlich sagen, ich habe alles richtig gemacht. Aber es liegen auch drei Jahre harte Arbeit hinter mir.

Frauen sind in Deutschland nach wie vor Mangelware auf Vorstandsposten. Warum?

Ein Grund ist sicher, dass deutlich mehr Männer eine entsprechende Karriere anvisieren, als Frauen. In Deutschland müssen Frauen immer noch die Entscheidung treffen: Karriere oder Familie. Das ist in anderen Länder viel besser organisiert. In Belgien beispielsweise gehen Mütter spätestens drei Monate nach der Geburt wieder arbeiten. Da gibt es aber auch ausreichend Babykrippen. Frauen hierzulande, die beides wollen, schaffen es häufig gar nicht erst in Führungspositionen. Deswegen habe ich die Entscheidung getroffen, keine Kinder zu bekommen.

Hat das auf Ihrem Karriereweg je eine Rolle gespielt, dass Sie eine Frau sind?

In der Bewerbungsphase, bevor ich bei Mannesmann anfing, hat man mir bei mehreren Vorstellungsgesprächen sehr deutlich gesagt, dass man eigentlich keine Frau einstellen wolle, sondern lieber einen annähernd gleich qualifizierten Mann suche. Als ich dann im Unternehmen anfing, hat sich das sehr schnell gedreht und ich hatte ein sehr gutes Standing. Daher würde ich sagen: Als Frau ist es schwerer, den Einstieg in ein Unternehmen zu finden, aber wenn dies geschafft ist, hat sie vielleicht sogar bessere Karrierechancen als ihre männlichen Kollegen.

Was würden Sie jungen Frauen raten, die Karriere machen wollen?

Frauen müssen sich erstmal eine Eintrittskarte lösen, indem sie Qualifikationen ansammeln. Meine Erfahrung ist es, dass Frauen am Anfang der Karriere mehr bieten müssen als männliche Bewerber. Deshalb habe ich nicht nur den deutschen Studienabschluss, sondern auch den amerikanischen und noch oben drauf promoviert.

Kann man Karriere planen?

Ich glaube nicht, dass man sagen kann, in fünf Jahren mach ich dies oder jenes. Man kann sagen: Ich möchte weiterkommen, etwas Interessantes machen und Augen und Ohren offen zu halten, um neue Möglichkeiten nicht zu verpassen.

Das Privatleben
Babette Sievers lebt mit ihrem Partner in Hamburg. Als echte Norddeutsche liebt sie das Meer und segeln. Da längere Urlaub in den letzten Jahren nicht drin waren, ist sie ein Fan von spontanen Wochenendtrips.

Können Sie gut abschalten?

Ich versuche es. Ich definiere mich nicht über meinen Job. Daher kann ich Privatleben und Job gut trennen. Das ist sicher ein Unterschied zwischen Mann und Frau. Für viele Männer ist es auch im Privatleben wichtig, welche Position sie im Job haben. Zuhause spielt das für mich keine Rolle. Da bin ich nur Babette.

Wie wichtig ist Work-Life-Balance?

Sehr wichtig. Wer Karriere machen will, muss sein Privatleben häufig zurück stellen. Sonst kommt man nicht voran, dafür ist der Wettbewerb einfach zu hart. Ich habe gelernt, meine wenige Freizeit nicht zu vertrödeln, sondern sie sehr bewusst zu nutzen.

Wie zum Beispiel?

Ich gehe sehr gerne segeln - und wenn es nur für einen Tag an der Ostsee ist. Sobald ich auf dem Wasser bin, denke ich nicht mehr an den Job oder Probleme. Da habe ich genug anders zu tun. Oder ich fahre mit meinem Partner spontan übers Wochenende weg. Neulich waren wir zwei Tage in Venedig, bei traumhaftem Wetter. Dann denke ich sicher nicht an die Firma.

Nehmen Sie Ihr Diensthandy mit in den Urlaub?

Ja. Ich möchte eigentlich dahin kommen, zu sagen, zwei oder drei Wochen im Jahr muss es auch mal komplett ohne mich gehen, aber soweit bin ich noch nicht. Wie wichtig ist das private Umfeld?

Der Rückhalt bei Partner, Familie und Freunden ist mir sehr wichtig. Wenn Sie einen anstrengenden Job haben, brauchen Sie auch mal jemanden, wo Sie das loswerden können.

Was bedeutet Karriere für Sie?

Etwas Sinnvolles und Interessantes zu machen. Bei Comtrade beispielsweise habe ich ein Unternehmen saniert und Arbeitsplätze erhalten. Darauf bin ich stolz. Ich möchte am Ende meines Lebens sagen, ich habe etwas bewegt. Und nicht: Ich habe eine Million von A nach B geschaufelt.

Gibt es einen anderen Job, den Sie gerne machen würden?

Wenn ich es mir irgendwann finanziell leisten kann, könnte ich mir gut vorstellen, noch mal etwas ganz anders zu machen, etwas Soziales. Eine Bekannte hat ihre Partnerschaft in einer sehr renommierten Kanzlei zurück gegeben und arbeitet jetzt im Stiftungswesen - so was imponiert mir.

Die Fragen stellte Katja Stricker.

Die besten Jobs von allen

Dieser Artikel ist erschienen am 18.07.2006