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Wie wird man eigentlich Chef von Yahoo Germany?

Die Fragen stellte Claudia Obmann
Terry von Bibra, 42, gebürtiger Amerikaner mit deutschen Wurzeln, leitet seit einem Jahr die Geschicke von Yahoo Germany. Nach sechs Jahren bei Amazon war die Zeit reif für eine neue Herausforderung. Wie verschafft sich ein studierter Germanist und Werbefotograf Respekt im Topmanagement? "Die Firmen, bei denen ich mich bewarb, hatten schon ein Problem mit dem Fotografen, der ins Marketing will. Heute empfinde ich meine Managementaufgabe erheblich kreativer, verglichen mit meiner vorherigen Arbeit."
Wie wird man eigentlich Chef von Yahoo Germany, Freiherr von Bibra?

Terry von Bibra, 42, gebürtiger Amerikaner mit deutschen Wurzeln, leitet seit einem Jahr die Geschicke von Yahoo Germany. Wie verschafft sich ein studierter Germanist und Werbefotograf Respekt im Topmanagement?

Zu seinem verglasten Mini-Büro hat Terry von Bibra ein besonderes Verhältnis: Vor sechs Jahren verhandelte er dort, damals im Auftrag von Amazon, mit seinem Vorvorgänger auf dem Yahoo-Chefsessel - ohne zu ahnen, dass er einmal selbst darauf landen würde. Sein Stehpult nutzt er stets, wenn er am Telefon verhandeln muss: Gerade zu stehen und vernünftig zu atmen, verleiht den Aussagen mehr Gewicht, findet der Mann der schnellen Entschlüsse.

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Die Ausbildung:
Ab 15 rackerte er drei Sommerferien lang bei seinem Dad, dem Ingenieur, auf den kalifornischen Ölfeldern. Von seinem ersten Gehalt kaufte sich der Teenager einen Fotoapparat. Nach der Highschool studierte von Bibra zunächst Germanistik im kalifornischen Santa Barbara und an der LMU in München, danach Werbe-Fotografie am privaten Art Center College of Design in Pasadena, USA. Zum Auslandspraktikum als Fotoassistent zog es ihn wieder nach München.
Mussten Sie lange überlegen, ob Sie den Job bei Yahoo annehmen?
Nein, nach sechs Jahren bei Amazon war die Zeit reif für eine neue Herausforderung

Welche Rolle spielten Connections bei Ihrem Wechsel zu Yahoo?
Eine entscheidende. An den Yahoo-Geschäftsführerposten bin ich durch Dominique Vidal - meinen jetzigen Chef - gekommen. Er war, als ich noch bei Amazon tätig war, einer meiner Geschäftspartner, dem ich damals allerdings die Zusammenarbeit kündigen musste. Umso überraschter war ich, als er mir später diesen Job anbot ..

Hat Ihnen vielleicht auch Ihr amerikanischer Pass geholfen?
Mein deutsch-amerikanischer Hintergrund war schon Amazon sehr wichtig. Ich war ein Amerikaner, der seit neun Jahren in Deutschland lebte. So wurde ich zur Schnittstelle zwischen den amerikanischen Mitarbeitern und den deutschen

Fühlen Sie sich als Mittler zwischen den Welten?
Zwischen zwei Weltanschauungen auf jeden Fall. Um in meinem Job erfolgreich zu sein, muss ich genauso gut mit deutschen Mitarbeitern, Geschäftspartnern, Kunden und Behörden umgehen wie mit den Kollegen in der amerikanischen Zentrale. Denn die dortigen Denkweisen und Einstellungen sind deutschen Geschäftsverhältnissen zum Teil fremd

Was unterscheidet Deutsche von Amerikanern? Geben Sie uns ein Beispiel.
Wenn ich etwa einem amerikanischen Kollegen etwas vorschlage und sein Umgang ist freundlich und offen, darf man das nicht als Zustimmung interpretieren. Er ist deshalb nicht zugänglicher für ein Argument als ein Deutscher, der nüchtern und eher zurückhaltend reagiert. Für mich ist es leicht, solche Verhaltensmuster korrekt zu interpretieren.

Die Laufbahn:
1989 eröffnet Werbefotograf Terry von Bibra in München sein eigenes Studio. 1996 sattelt er um, absolviert an der Rotterdam School of Management ein MBA/MBI-Studium. 1998 startet er bei der deutschen Amazon-Tochter in München, fädelt als Produktmanager Kooperationen ein und verantwortet zuletzt das europäische Online-Marketing-Geschäft. Seit gut einem Jahr leitet er Yahoo Germany und fungiert neuerdings beim Web-Portal auch als Vizepräsident für Zentraleuropa.
Gibt es Werte, die im Geschäftsleben auch grenzüberschreitend gelten?
Offenheit, Verbindlichkeit und Vertrauen sind überall wichtig, bei Mitarbeitern wie Kooperationspartnern. Wir haben schließlich ein großes gemeinsames Ziel: mit möglichst vielen unserer Produkte die Nummer eins am deutschen Markt zu werden, und zwar qualitativ besser als der jeweilige Spezialist

Wie lang schuften Sie dafür täglich?
Von morgens acht oder neun Uhr bis Mitternacht, mit Pausen zum Essen und um die Familie zu sehen

Wenn man sich ansieht, wo Sie heute sitzen: Hätten Sie nicht besser gleich BWL studiert?
In den USA ist es komplett anders als hier, wo ich schon als Teenager meine, mich festlegen zu müssen, was ich mit 50 machen werde. Ob man Manager, Mediziner oder Jurist werden möchte: In den Staaten steht erst mal Allgemeinbildung auf dem Plan. Beim amerikanischen General-Arts-Studium nimmt man im ersten und zweiten Jahr alle möglichen Fächer. Ich habe so zum Beispiel Deutsch gelernt. Erst im dritten Jahr entscheidet man sich, was das Hauptfach ist. Da habe ich deutsche Literatur gewählt - das erweitert den persönlichen Horizont

Was spricht denn gegen die deutsche Zielstrebigkeit?
Ich halte es für verkehrt, wenn junge Leute sich zu früh festlegen. Was jemand studiert, ist vielleicht nicht unwichtig, aber auf keinen Fall allein bestimmend für den beruflichen Werdegang. Die Idee von 18- oder 19-Jährigen, ich muss nur BWL studieren, dann werde ich automatisch ein toller Manager, wiegt sie im Studium sogar oft in falscher Sicherheit

Wieso?
Weil für den Erfolg ganz andere Dinge zählen als graue Wirtschaftstheorie. Viel wichtiger ist es zu lernen, wie ich optimal mit anderen Menschen kommuniziere, sie motiviere und Projekte erfolgreich und zuverlässig organisiere.

Und das alles haben Sie im Literaturstudium gelernt?
Nein (lacht). Erst anschließend in meinem Foto-Studium. Ich musste jede Woche fünf Aufträge organisieren, also ein Konzept erstellen, Equipment ausleihen, kostenlose Modelle auftreiben, das Foto machen und mich dann noch um die Nachproduktion kümmern. Ein besseres Training in Projektmanagement hätte ich gar nicht bekommen können

Sie waren schon sieben Jahre lang Werbefotograf - sogar mit eigenem Studio. Warum sattelten Sie überhaupt um?
Der Beruf ist nicht nur in Deutschland schwierig. Mein Studio lief zwar gut, aber ich sah kaum Ausbaupotenzial. Und in der Werbung ist man als Fotograf ohnehin am Ende der Wertschöpfungskette - ich sollte lediglich Kampagnen bildtechnisch umsetzen, die bereits von Kunden und Agenturen in Stein gemeißelt waren. Die eigene Kreativität war viel weniger gefragt, als ich mir das gewünscht habe.

Das Privatleben:
Zu Hause herrscht Multikulti. Der in Los Angeles geborene Terry von Bibra mit einem Ururgroßvater aus Oberfranken ist mit einer deutsch-italienischen Innenarchitektin verheiratet. Das Paar lebt mit drei Kindern und einem Dackel im Münchener Süden. Von dort radelt der Freiherr täglich sieben Kilometer mit dem Mountainbike ins Büro.
Und wie kreativ ist Ihr Job heute?
Ironischerweise empfinde ich meine Managementaufgabe als erheblich kreativer, verglichen mit meiner vorherigen Arbeit als Werbefotograf. Hier kann ich so viele unterschiedliche Elemente aus dem Meer der Möglichkeiten zusammenbringen - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt

Hatten Sie kein Akzeptanzproblem? Ein Schöngeist kann keine Bilanzen lesen, heißt es ja oft.
Die Firmen, bei denen ich mich bewarb, hatten schon ein Problem mit dem Fotografen, der ins Marketing will. Zum Glück wollte die US-Firma Amazon eine deutsche Niederlassung aufbauen und war sehr offen für Quereinsteiger. So konnte ich schnell Verantwortung übernehmen.

Aber auf Ihre Kreativität allein haben Sie sich dann doch nicht verlassen ...
Nein. Als ich beschloss, mich beruflich zu verändern, habe ich mich bewusst für ein MBA/MBI-Aufbaustudium entschieden - als Brücke zwischen meiner Arbeit als Foto-Designer und künftigem Marketing-Mann.

Wird man mit MBA ernster genommen?
Klar, das Studium war vor allem für mich selbst wichtig. Ich bin mir sicher, wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte ich öfter zu hören bekommen: Woher wollen Sie das wissen? Jetzt habe ich das Selbstbewusstsein, um zu sagen: Ich kann das.

Arbeiten Sie manchmal von zu Hause aus?
Während der Woche kaum, aber im Urlaub. Das empfinde ich als großen Luxus

Luxus?! Sie finden den deutschen Urlaubsanspruch sicher ziemlich absurd. Nein. Ich bin selbst schuld, wenn ich im Urlaub weiterarbeite. Es gibt niemanden, der das von mir verlangt. Eigentlich müsste ich mir sagen: Finde eine bessere Balance!

Der Mini-Fußball hier auf dem Tisch - ist der für den Ausgleich gedacht?
Nein, dafür habe ich die hier (er schüttet Lederbälle aus einer Hülle und beginnt mit dreien zu jonglieren).

Toll. Schaffen Sie auch fünf?
Klar, auch das kann ich noch steigern!?

Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2006