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Wie wird man eigentlich.... Chef-Headhunter?

Das Gespräch führte Ulrike Heitze.
Seit Mai 2005 leitet Tiemo Kracht die Personalberatung Heidrick & Struggles Deutschland und steht damit einem der größten Headhunter-Unternehmen vor. Als verlängerter Arm der US-Mutter schlägt er seither einen harten Sparkurs ein.
Seit Mai 2005 leitet Tiemo Kracht die Personalberatung Heidrick & Struggles Deutschland und steht damit einem der größten Headhunter-Unternehmen vor. Als verlängerter Arm der US-Mutter schlägt er seither einen harten Sparkurs ein.Die Ausbildung
Die Laufbahn
Das Leben

Der Alltag

Das Ölgemälde des Hamburger Rathauses von Christian Henze ist eines der wenigen persönlichen Accessoires, die Tiemo Kracht beim Einzug in das Büro seines Vorgängers mitgebracht hat. Ein fröhlicher Farbklecks neben der sonst so beraterüblich hochwertigen, aber langweiligen Standardkunst. Vom geschmackvoll-unauffälligen Dachgeschossbüro über Hamburgs Luxus-Shoppingadressen steuert Kracht seit Mai 2005 die deutsche Niederlassung der US-Personalberatung Heidrick & Struggles. Seine ersten Amtshandlungen: Teure Bürolagen abstoßen, Mitarbeiter auf Sparkurs trimmen und zur Not entlassen.

Sie sind erst ein paar Monate Chef hier und mussten gleich ziemlich unpopuläre Entscheidungen treffen. Wie fühlen Sie sich?
Für mich war entscheidend, dass ich die Veränderungen für erforderlich hielt. So kann ich auch mit Überzeugung dahinter stehen. Wir haben uns als Dienstleistungsunternehmen auf veränderte Marktbedingungen eingestellt. Die Globalisierung macht auch vor unserer Branche nicht halt und stellt nationale Strukturen in Frage. Wir setzen daher auf Branchenfokussierung, international arbeitende Projektteams und gleichzeitig starke nationale Präsenz. Wir haben die Organisation verschlankt, identische Bereiche europaweit zusammengelegt - insbesondere im Finanzbereich - und bestimmte Geschäftsfelder wie das Interim Management neu strukturiert. Dies hatte auch personelle Entscheidungen zur Folge. Stimmt, das waren zum Teil unpopuläre Entscheidungen. Aber langfristig werden sie uns deutlich weiter bringen als ein Verharren in den alten Strukturen.

Macht denn ein neuer Job unter solchen Voraussetzungen überhaupt Spaß?
In einer Aufbau- und Expansionsphase ist der Spaßfaktor sicherlich größer. Im Management geht jedoch auch und gerade um Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein, und eine Restrukturierung ist aufreibend. Aber wenn man überzeugt ist, dass man das Unternehmen dadurch langfristig stabil entwickelt, dann stellt sich "Spaß" später ein. Sichere Arbeitsplätze für jeden einzelnen Mitarbeiter und zufriedene Kunden sind mir dann wichtiger. Und meine Familie ist mir in solchen Situationen ganz großer Rückhalt und Energiequelle.

Braucht man Rambo-Qualitäten, um ein guter Sanierer zu sein?
Wenn Sie einen so tief greifenden Veränderungsprozess organisieren, wie ich es in den letzten Monaten getan habe, kommen Sie an Top-Down-Entscheidungen nicht vorbei. Auch wenn Sie Mitstreiter als Change Agents brauchen - gänzlich demokratisieren können Sie das nicht. Das war die Kür dieses Prozesses. Da habe ich sicherlich auch Kritik auf mich gezogen. Aber wenn Sie in einer Führungsaufgabe aktiv werden, egal unter welchen Vorzeichen, können Sie nicht Everybody's Darling sein.

Wie sieht ein normaler Tag im Leben eines Heidrick & Struggles-Geschäftsführers aus?
Ein Standardarbeitstag beginnt so gegen 7:30 Uhr zu Hause. Da sichte ich die Tagespresse, schaue die E-Mails aus Übersee durch. Die Fahrt aus der Lüneburger Heide ins Büro dauert eine dreiviertel Stunde, da telefoniere ich schon mal mit Klienten und Kandidaten. Neben administrativen Aufgaben ist mein Tag dann im Wesentlichen durch Kandidatensinterviews und Klientengespräche sowie die interne Kommunikation mit Mitarbeitern und Partnern geprägt. Auch gilt es, zeitnah die Exposés über die Kandidaten zu erstellen, die gerade evaluiert wurden. Daneben ist mein Beruf auch mit sehr viel Reisen verbunden. In manchen Wochen bin ich nicht einen Tag in Hamburg, sondern toure quer durch Deutschland und Europa.

Wann machen Sie Feierabend?
Die Zeit nach 19.00 Uhr ist die beste Zeit, um Gesprächspartner zu erreichen. Dann ist der normale Berufstag vorbei und man hat Ruhe um zu konferieren. Insofern wird es oft ziemlich spät. Womit motivieren Sie Ihre Mitarbeiter?
Ein Prinzip lautet: Management by Empowerment, d.h. Mitarbeiter durch Verantwortung, Entscheidungsspielräume und Eigenständigkeit in die Pflicht zu nehmen. Ich versuche zudem, über intensive Kommunikation Überzeugungsarbeit zu leisten, Entscheidungen transparent zu machen und die Langfristorientierung zu verdeutlichen - manchmal fehlt im Alltag dazu die Zeit, wenn ich dies selbstkritisch anfügen darf.

Die FAZ kolportierte vor kurzem, dass Sie wieder auf dem Absprung sind. Was ist da dran?
Gar nichts. Gerade jetzt, wo wir hier Erfolge einfahren und die Kennziffern gut sind, warum sollte ich da gehen wollen? Manche Gerüchte sind so abwegig, dass ich sie nicht mal ignoriere.

Kann man Karriere planen?
Das Leben ist bunt und sicherlich dominieren Zufälle, plötzliche Chancen. Ein Stück weit ist sie planbar. Die besten Planungsgrößen, die Sie haben können, sind Leistung und Erfolg. Deshalb schaffen Sie sich wohl gute Voraussetzungen durch lebenslange Lernbereitschaft und überdurchschnittliche Leistungs- und Einsatzbereitschaft.

Ist im Moment nicht jeder Berufseinsteiger überdurchschnittlich einsatzbereit?
Es gibt Mitarbeiter, die sind fleißig, präsent, bringen gute Leistung und fügen sich nahtlos in die Unternehmensstruktur ein. Sie stellen sich aber nicht täglich die Frage "How can I make a difference?", "Wie kann ich Innovation und Kreativität im Unternehmen pushen?"
Aktiv mitdenken über das normale Business-Programm hinaus. Damit wird man zum Opinion Leader und eröffnet sich andere Karrierechancen als nur die Regelbeförderung.

Auf sich aufmerksam machen, heißt aber auch, die anderen hinter sich zu lassen. Also Ellenbogen raus und los?
Ich glaube, man kann auch auf sich aufmerksam machen, ohne anderen zu schaden. Wer nach außen signalisiert, dass er zum Wohle des Unternehmens über neue Produkte oder über Verbesserungen nachdenkt, differenziert sich im positiven Sinne als Querdenker und Leistungsträger, ohne andere in den Schatten zu stellen. Die große Aufgabe besteht dann darin, auch noch teamfähig zu bleiben. In unserer heutigen Arbeitswelt schaffen Sie es nicht mehr als Einzelperson und schon gar nicht als Egomane. Um Ideen Flügel zu verleihen, brauchen Sie das Team.

Das kann in einem Team aber ein gewaltiges Gewühle geben.
Das ist eine Frage der Strukturierung, der Zusammenbindung des Teams, jeder soll seine Chance bekommen, sich einzubringen, letztlich können Sie zumindest in einer Managment-Rolle nicht rein demokratisch agieren. Verantwortungslinien müssen klar erkennbar bleiben.

Aber mal ehrlich, es gibt so verdammt viele schlechte Chefs und nicht weniger viele gefrustete Mitarbeiter, die gerade deshalb keine Höchstleistungen abliefern.
Ich glaube, das sind noch die Nachwehen der alten Deutschland AG, wo Schlüsselfunktionen nicht selten aus bestimmten Netzwerken heraus besetzt wurden, Beziehungen vor Qualifikation. Da hat es schon ein Umdenken gegeben, in den sich verschlankenden Unternehmen nimmt das Gewicht der Führungskraft stark zu, Fehlbesetzungen reflektieren krasses Missmanagement. Heute steht die Sozialkompetenz im Vordergrund. Chefs müssen auch und gerade Arbeitslust organieren, darin stecken: Arbeit, Lust und Organisation. Treiben lassen, ausprobieren? - Kann man sich das heute als Absolvent noch leisten?
Ich denke, es wäre ein kapitaler Fehler, die berufliche Entfaltung auf die Frage auszurichten: Was sollen die Leute denken? Denn dann bin ich in meiner gesamten beruflichen Orientierung fremdbestimmt. Ich reflektiere immer nur darüber, wie mein Lebenslauf von anderer Seite interpretiert wird.

Was würden Sie vorschlagen?
Es ist wichtig, die charakterliche Entwicklung nicht auszublenden. Folgen Sie zumindest ein Stück weit eigenen Leidenschaften und nicht dem, was Karriere oder Ansehen verspricht. Ich habe mich bisher immer bemüht, das zu tun, was mir jeweils Spaß gemacht hat und mir nie die Frage gestellt: Was bringt es langfristig? Und dieses Bündel an Erfahrung stellt heute eine wesentliche Basis für meinen beruflichen Erfolgs dar und ich würde es genauso wieder machen.

Und wie sieht die Realität aus?
Viele Bewerber empfehlen sich gern als High Potential durch internationale Praktika und ein Studium an renommierten Universitäten. Aber dabei ist oft die Persönlichkeitsentwicklung auf der Strecke geblieben. Viele Unternehmen haben erkannt, dass "high potential" auch bedeuten kann, ein charakterlicher Krüppel zu sein, weil man sich letztlich immer nur einem bestimmten Entwicklungskorsett angepasst hat. Da kann sich die Persönlichkeit doch gar nicht entwickeln.

Aber völlig am Markt vorbeibenehmen, kann es doch auch nicht sein, oder?
Nein, Sie sollen nicht den Markt ausblenden, aber man muss sich doch selber treu sein und sich berufliche Ziele stecken, die mit persönlichen Präferenzen in Einklang zu bringen sind. Wenn ich heute weiß, dass bestimmte Berufsfelder keine Perspektiven bieten, dann sollte man noch mal nach weiteren Präferenzen in sich suchen. Zu meiner Zeit war es eben das Lehramt. Deshalb habe ich das Thema auch nicht weiter verfolgt.

Was muss ein Absolvent mitbringen, um Ihr Wohlgefallen zu finden?
Ich stelle meine Bewertung der Person sehr stark auf die Persönlichkeit ab. Papier ist sehr geduldig ist. Insofern sollte man sich, nicht so sehr von ausgewalzten Lebensläufen, von schönen Worten und der Ansammlung von renommierten Universitäten und Unternehmen leiten lassen, sondern man muss sich wirklich ein Bild von der Person und der Persönlichkeit machen. Ich will wissen, wo ein Bewerber Mehrwert geschaffen hat. Was ist am Ende die innere Motivation der Personen, mit der sie durchs Leben gehen? Das ist letztlich, was wir hier im täglichen Geschäft in der Personalberatung herausfiltern. Kompetenzdefizite können Sie ausgleichen, Persönlichkeitsdefizite sind schwer abbaubar.

Was würden Sie einem Studenten aus der zweiten Reihe raten?
Ich glaube, dass diese Absolventen die besten Chancen haben durch exotische Kombinationen von Fähigkeiten. Wenn jetzt jemand ein durchschnittliches BWL-Studium absolviert, aber perfekt Chinesisch spricht, dann hat er sicherlich beste Berufschancen. Das Chinesische und Russische ist im Moment besonders gefragt, die Sprachen der Wachstumsregionen.

Personalberater beklagen, dass die Bewerber längst nicht so mobil einsetzbar sind wie von ihnen behauptet.
Ja, das stimmt. Zum einen liegt das sicherlich an den englischen Sprachkenntnissen: Viele schreiben in ihre Lebensläufe "fließend" oder "verhandlungssicher" rein und straucheln, wenn wir das Gespräch auf Englisch weiterführen. Mit der englischen Sprache sollten Sie heute umgehen können, wie mit Messer und Gabel. Darüber hinaus kleben viele tatsächlich an ihren räumlichen Präferenzen. Aber ich denke, wenn Sie sich heute die Lebensläufe von einem Herrn Kleinfeld bei Siemens oder einem Herrn Dieckmann bei der Allianz anschauen, dann können Sie die ein Stück weit auch als Messlatte nehmen für die Anforderungen an Sprachkenntnisse, an Mobilität, an Einsatz- und Leistungsbereitschaft. Die Ausbildung

Tiemo Kracht wächst bei seiner Mutter in Schleswig auf. Zwischen Abi und Studium - Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Kiel - absolviert er eine journalistische Ausbildung bei verschiedenen Lokalzeitungen Schleswig-Holsteins. Während seiner Uni-Zeit engagiert er sich parteipolitisch und als Pressesprecher für eine Menschenrechtsorganisation. Das Studium finanziert er über Nebenjobs als Politik-Hiwi und bei der Provinzial Versicherung. Nach vier Jahren, mit 23, schließt er das Studium ab und erhält von der Uni Kiel ein Auslandsstipendium und ein Promotions-Angebot. Aus dem geplanten Jahr an der Pennsylvania State University, wo er als Instructor im Fachbereich Politikwissenschaft arbeitet und promoviert, werden schließlich drei.

Was wollten Sie als Kind werden?
Anfangs wollte ich Lehrer werden, weil mir Schule immer Spaß gemacht hat und ich die Rolle des Lehrers als Wissensvermittler und Erzieher sehr respektiert habe. Aber weil ich auch gerne mit Sprache gearbeitet habe, wollte ich schließlich Journalist werden wollte.

Was haben Sie als Student bei der Provinzial gemacht?
Meist Altverträge auf neue Konditionen umgestellt und dabei Hunderte von Haushalten in Schleswig-Holstein aufgesucht. Das war interessanter als es klingt: Ich habe die unterschiedlichsten Menschen und ihre Lebensgeschichte kennen gelernt. Wenn Sie das mal über die Jahre gemacht haben, dann verliert auch der Begriff Vertrieb etwas von seiner Anrüchigkeit.

Promoviert haben Sie dann allerdings über weniger Profanes.
Aber spannend war es auch: Mein Thema hieß "Willensbildungsprozesse in der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik" am Beispiel der "Strategic Defense Initiative" von Ronald Reagan, mit der er damals eine Weltraumverteidigung installieren wollte. Ich habe mal aufgezeigt, wie sich so ein Projekt im Geflecht einer offenen Gesellschaft verfängt und was am Ende als Filtrat herauskommt.

Was verbindet Sie mit den Staaten?

Als ich dort lebte, hatte ich innerlich schon mit Deutschland abgeschlossen. Nach drei Jahren ist man ziemlich integriert, mit eigener Wohnung, eigenem Auto, eigenem Bankkonto. Auch das Universitätswesen hat mir sehr zugesagt. Es ist mit deutlich mehr Ressourcen ausgestattet. Ich wollte ja mal Lehrer werden und hätte mir eine Hochschulkarriere dort gut vorstellen können. Die ersten Bewerbungen um eine so genannte Assistant Professor-Ship-Stelle hatte ich schon geschrieben. Die Laufbahn

Nach seiner Rückkehr aus Amerika wird Kracht erst Pressesprecher von Werner Münch, damaliger CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, wechselt dann ins Marketing zur NordLB in Hannover. 1995 wirbt ihn die Personalvermittlung Ray & Berndtson als Berater ab, Kracht wird Partner, Gesellschafter und 2001 Geschäftsführer. 2004 steigt er bei der Personalberatung Heidrick & Struggles als Senior Partner ein. Im Mai 2005 übernimmt er die Geschäftsführung.

Was hat Sie davon abgehalten, in den USA Ihre Karriere zu machen?
Der 9. November 1989, die Wiedervereinigung. Zu dieser Zeit war ich noch drüben. Auf der einen Seite fand ich es zwar sehr reizvoll, den ganzen Prozess mit den Augen des Auslands betrachten zu können, aber auf Dauer mochte ich das nicht nur über CNN miterleben. Ich wollte so unmittelbar wie möglich an dem ganzen Prozess teilhaben und habe mich von den USA aus blind in den Staatskanzleien der fünf neuen Bundesländer beworben. Dann ging es nach Magdeburg in das Presse- und Informationsamt der Landesregierung.

Im Osten waren Sie dann aber nur drei Jahre.
Ich wollte mich langfristig nicht in irgendeine politische Abhängigkeit begeben und die Landesregierungen waren ja damals nicht sonderlich stabil. Die Wirtschaft reizte mich mehr. Und als der Staatsvertrag über die gemeinsame Landesbank von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern erfolgte, bot man mir die Verantwortung für die dortige Medienbetreuung an.

Nach Presse und Marketing bekam ihre Laufbahn aber mit dem Einstieg ins Headhunter-Geschäft dann plötzlich einen ganz anderen Dreh. Wie das?
Ray & Berndtson hatte mich 1994 mal auf einen Presse-Job bei Gerling angesprochen. Da habe ich das Metier Personalberatung und Headhunting erstmals kennen gelernt und fand es extrem spannend. Als vertraulicher Gesprächspartner des Top-Managements ist man in Kenntnis der aktuellen Unternehmensstrategie immer dem Markt voraus, und in keinem Metier erlebt man Erfolgs- und Misserfolgsstorys so hautnah wie als Problemlöser in der Personalberatung. Später war bei Ray & Berndtson dann eine Beraterstelle im Bereich "Banken und Versicherungen" vakant und ich wurde gefragt, ob ich den Job haben wolle. So bin ich ins kalte Wasser gesprungen.

Und wie kalt war das Wasser?
Am Anfang war meine Lernkurve schon sehr steil. Wobei ich aber den Vorteil hatte, mich schon in der Banken- und Versicherungsbranche auszukennen. Die Unternehmen bieten Quereinsteigern außerdem Integrationsprogramme und Trainings wie Interview- und Fragetechnik.

Sie haben in Ihrer Karriere öfter hart die Richtung gewechselt. Zufall oder Absicht?
Zu Beginn meiner Laufbahn wollte ich bewusst in unterschiedlichsten Ländern und Funktionen Erfahrungen sammeln, um mich dann für eine Richtung zu entscheiden. Mir persönlich hat es gut getan, dass ich zunächst auf die viel beschworene Stringenz verzichtet habe. Experimente schaffen eine größere Erfahrungstiefe und fördern die Persönlichkeitsentwicklung.

Kann man diese Strategie Absolventen heute guten Gewissens weiterempfehlen?
Man sollte die charakterliche Entwicklung nicht ausblenden. Folgen Sie zumindest ein Stück weit eigenen Leidenschaften und nicht dem, was Karriere oder Ansehen verspricht. Ich habe mich immer bemüht, das zu tun, was mir Spaß gemacht hat und mir nie die Frage gestellt: Was bringt es langfristig? Diese Erfahrungen stellen heute eine wesentliche Basis für meinen Erfolg dar und ich würde es genauso wieder tun.

Sie waren schon Geschäftsführer, als Sie sich von Heidrick & Struggles für einen normalen Beraterposten abwerben ließen. Wieso?
Ich war damals 38 und hatte in Sachen Status, Karriere und Einflussmöglichkeit das Ende der Fahnenstange bei Ray & Berndtson erreicht. Sollte es das also für die nächsten 20, 25 Jahre gewesen sein? Und mit Blick auf die Globalisierung fand ich Heidrick mit seiner Internationaliät für die Zukunft besser aufgestellt als unser Franchisesystem. Das Leben

Tiemo Kracht wohnt mit seiner Frau und den drei Kindern - elf Jahre, drei Jahre und acht Wochen - im beschaulichen Hanstedt in der Nordheide. Neben seiner Familie widmet er sich in seiner Freizeit am liebten seinen Büchern, vorzugsweise historischer und politischer Sachliteratur.

Was muss ein Job haben, damit er Ihnen Spaß macht?
Ich fühle mich wohl, wenn ich erstens in einem intakten Team und zweitens ergebnisorientiert arbeiten kann. Ich hasse es, Hamster im Laufrad zu sein. Ich will was bewirken, Ergebnisse erzielen. Drittens wäre mir wichtig, dass ich meine hanseatischen Werte in einem Unternehmen wieder finde und sie dort leben kann.

Welche Werte sind das?
Ehrlichkeit, Offenheit und Rückgrat. Mir sind unbequeme Personen, die charakterfest sind und sich selbst treu bleiben, deutlich sympathischer als ewige Opportunisten. Und ich denke auch, dass eine gute Balance zwischen Privat- und Berufsleben wichtig ist. Kein Unternehmen tut gut daran, seine Angestellten gänzlich absorbieren zu wollen und auszupressen. Man muss den Mitarbeiter in seiner ganzen Existenz wahrnehmen und dazu gehört eben auch dessen berechtigtes Interesse an Privat- und Familienleben. Was ich letztlich auch für mich selbst in Anspruch nehme. In einer Führungsrolle ist auch eine gewisse Distanz erforderlich.

Darf man schon beim Berufsstart auf die Work-Life-Balance schielen?
Ich selbst bin nicht in die Situation gekommen, weil ich spät geheiratet habe und spät Vater geworden bin. Ich konnte von einer relativ etablierten beruflichen Basis in die Familienverantwortung hinein wachsen. Wenn Sie noch am Anfang stehen, bedeutet das natürlich, dass Sie auch Ihr Zeitbudget entsprechend aufteilen müssen. Die Freiheiten nimmt man sich dann vielleicht erst zwischen 30 und 40, wenn die ersten Schritte gegangen sind.

Die besten Jobs von allen

Dieser Artikel ist erschienen am 23.01.2006