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Wie wird man eigentlich Buchmesse-Chef?

Die Fragen stellte Sabine Scheltwort
Andere kaufen Aktien, er kauft Bücher. Jürgen Boos, Chef der Frankfurter Buchmesse, mag in keiner anderen als der Verlagsbranche arbeiten. Der 44-Jährige leitet seit Anfang 2005 den weltgrößten Branchentreff.
Kein gemütlicher Job, den Sie da übernommen haben. Ihr Vorgänger wurde vorzeitig demontiert, monatelang suchte der Börsenverein nach einem Messe-Direktor. Warum haben Sie zugesagt?
Nach so vielen Jahren in der Buchbranche weiß ich, was ich kann. Mich fasziniert die Mischung hier. Zum einen muss ich betriebswirtschaftlich denken, zum anderen ist es people?s business. Es geht um Belletristik ebenso wie um Fachliteratur und die Ausweitung in andere Medien wie Online.

Und wie geht man damit um, dass der Vorgänger seinen Stuhl nicht räumen will?
Wir haben uns zusammengesetzt, und es war sehr schnell klar, dass es nicht geht, zu zweit die Messe zu leiten

Die besten Jobs von allen


Wie viel Ihrer täglichen Arbeit macht ?Politik? aus, wie viel ist Handwerk?
Zwei Drittel verwende ich für den Ausgleich zwischen den Interessen. Wir haben im Grunde 7.500 Gesellschafter, die im Börsenverein zusammengeschlossen sind. Die Messe ist außerdem nicht nur wirtschaftliche Plattform. Wir haben auch einen kulturellen Auftrag, und wir verstehen uns als Kämpfer für die Meinungsfreiheit ? wenngleich das in den siebziger und achtziger Jahren sicher eine wichtigere Rolle spielte

Wie führen Sie Ihre knapp 70 Mitarbeiter?
Man muss viel zuhören und viel delegieren. Das setzt Vertrauen voraus. Aber das entsteht von allein, wenn es keine Machtgeheimnisse gibt. Wir pflegen einen sehr offenen Umgang miteinander

Welche Ziele verfolgen Sie jetzt?
Die Messe soll auf jeden Fall weiter wachsen, vor allem international. Wir sind schon in 26 Ländern vertreten und wollen auch nach China, möglichst mit einem Kooperationspartner. Mit der Berlinale wollen wir eine Plattform für den Rechtehandel im Film einrichten

Nach einer Lehre zum Verlagsbuchhändler im Freiburger Herder Verlag studierte der gebürtige Lörracher in Saarbrücken und Mannheim BWL. 1990 schloss er als Diplom-Kaufmann ab. Er spricht verhandlungssicheres Englisch, Französisch, Italienisch und etwas Russisch

Wieso zog es Sie in die Verlagsbranche?
Ich konnte mir nie etwas anderes vorstellen. Mein Onkel hatte eine Buchhandlung, für die ich Bücher ausgetragen habe. Im Herder Verlag bekam ich eine exzellente Ausbildung, erfuhr etwas über Literatur, aber auch über Theologie und Praktisches wie das Buchbinden. Dort habe ich sehr viele Kontakte geknüpft, von denen ich später immer wieder profitiert habe. Danach wollte ich unbedingt ins Lektorat

Warum BWL statt Germanistik?
Geisteswissenschaftler gebe es zuhauf in der Branche, aber an Betriebswirtschaftlern fehle es, haben mir die Fachleute gesagt. Und das stimmte. Damals haben die Verlage die Kostendeckungsbeitragsrechnung gerade erst entdeckt, zwanzig Jahre später als andere Branchen

Sind Ihre Wirtschaftskenntnisse der Grund, dass man Sie zum Chef der größten Branchenmesse gemacht hat?
Das allein würde nicht reichen. Entscheidend war sicher, dass ich in der Branche sehr gut vernetzt bin und international gearbeitet habe

Boos stieg 1991 bei Droemer als Verkaufsleiter für Norddeutschland ein, wechselte 1992 als Vertriebschef zu Hanser, ging 1993 als Mitglied der Geschäftsführung zu Lange & Springe nach Berlin. 1996 wurde er Head of International Sales beim wissenschaftlichen Springer Verlag, 1997 wechelte er in die Geschäftsführung von Wiley-VCH, einer Tochter des US-Wissenschaftsverlags Wiley, wo er für Marketing und Vertrieb verantwortlich war

Anfangs sah es bei Ihnen eher nach unentschlossenem Job-Hopping aus als nach gezielter Karriere.
Dass ich schon nach einem Jahr von Droemer zu Hanser wechselte, war kurioserweise Ergebnis einer Wette. Ich hatte mit meinem Chef gewettet, dass der Autor Elias Canetti noch nicht gestorben ist. Das bekam die Marketingchefin von Hanser im Münchener Verlagskreis mit. Sie war begeistert, dass es einen Betriebswirt gibt, der auch Belletristik liest, und warb mich als Verkaufsleiter ab. Aber es stellte sich schnell heraus, dass der Verlag zu klein war für Marketingchefin und Verkaufsleiter. Deshalb sagte ich zu, als Lange & Springer Wissenschaftliche Buchhandlung mir die Geschäftsführung in Berlin anbot. Eine spannende Sache, weil sie weltweit Vertriebsbüros hatte, unter anderem in Moskau, Warschau, Bologna.

Um Springer gab es dann ein ziemliches Hin und Her.
Der Verlag stand in Verkaufsverhandlungen mit Bertelsmann. Er wusste nicht so recht, wo er hin wollte. Damals hieß es, ich solle mit der Abteilung nach London gehen. Aber das war alles sehr vage, und als 1997 Wiley-VCH anrief, habe ich ja gesagt. Also Weinheim statt London ? meine Frau war wenig begeistert. Wir haben uns dann entschlossen, nach Heidelberg zu ziehen ? immerhin ein bisschen größer als Weinheim

Wo kann man sich besser entfalten ? in einem kleinen oder großen Verlag?
Möglichkeiten bieten sich überall. Ich habe immer Glück gehabt. Es war wunderbar, mit einer Verlegerpersönlichkeit wie Michael Krüger bei Hanser zusammenzuarbeiten. Es war toll, für Springer international arbeiten zu können. Und bei Wiley habe ich auch noch mal viel gelernt.

Wollten Sie je die Branche wechseln?
Nein.

Auch wenn Sie da mehr verdienen könnten?
Ein früherer Kommilitone hat inzwischen ein börsennotiertes Unternehmen, ein anderer lebt in Monaco und muss gar nicht mehr arbeiten. Aber das fände ich nicht interessant. Ich habe mir immer lieber einen Schwung voll Bücher gekauft

Zwei bis drei Tage in der Woche ist Boos unterwegs. In Dehli trifft er den indischen Kulturminister, in Peking den chinesischen Informationsminister. Wenn der 44-Jährige rechtzeitig zu Hause ist, liest er seinem fünfjährigen Sohn Gutenachtgeschichten vor

Kommen Sie überhaupt noch zum Lesen?
Ich reise viel und habe immer ein Buch dabei. Im Moment natürlich vor allem Literatur aus unserem Gastland Korea. Wer mich zuletzt sehr beeindruckt hat, auch wenn das jetzt pflichtbewusst klingt, war Orhan Parmuk, der Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels

Ist rein gar nichts lästig an ihrem Job?
Na ja, vielleicht das Posieren für die Fotos im Moment. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Buchmesse-Direktor so sehr in der Öffentlichkeit steht.

Lassen die Bücher noch Zeit für ein anderes Hobby?
Ich fahre gern mit einem alten Motorrad, einer Herkules von 1978. Kürzlich war ich am Wochenende mit einem Freund in der Auvergne bei einem Oldtimer-Rennen. Leider bin ich schon nach fünf Kilometern runtergefallen. Das war zu ärgerlich

Wagen Sie auch mal Sprünge mit dem Motorrad?
Wissen Sie ? wenn Sie schnell vorankommen wollen, dann müssen die Räder auf dem Boden bleiben.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.10.2005