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Wie wird man eigentlich Bayer Chef?

Martin Roos
Werner Wenning, 60, verheiratet, zwei Töchter, ist Vorstandsvorsitzender der Bayer AG - und das, ohne jemals studiert zu haben. Wie hat der fußballverrückte Junge aus Leverkusen-Opladen das bloß gemacht? Mit Aspirin schlucken wohl kaum.
Der Alltag
Die Ausbildung
Die Laufbahn

Der Alltag

Der lange Gang zu Werner Wennings Büro ist gesäumt von Gemälden, die ein halbes "Museum of Modern Art" füllen könnten. Nolde, Kirchner, Kollwitz, Heckel sind nur ein paar der Berühmtheiten. Am Ende des Gangs dann Wennings elegantes, aber keineswegs monumentales Büro. Auf seinem Schreibtisch neben einer Sitzgruppe steht eine kleine Skulptur: ein Bulle, den die New Yorker Börse ihm anlässlich des Bayer-Börsengangs im Januar 2002 schenkte. An der Wand Spanien: Bilder von Eduardo Chillida und Joan Miró.

Herr Wenning, in Ihrer internen Konzernzeitung "Direkt" werden Sie als "echte Kante - wie man in Westfalen sagen würde" beschrieben.
Wenning: Das bezieht sich auf meine Größe, 1,92 Meter. Geboren bin ich im Rheinland, in Leverkusen-Opladen. Meine Eltern kommen aus Westfalen.

Sind Sie auch so stur wie die Westfalen?
Zunächst mal bin ich ja ein Rheinländer. Dann war ich viel im Ausland und habe wohl von überall ein paar Eigenschaften mitgenommen. Sturheit - glaube ich - sagt man mir aber nicht nach.

Mit welchem Satz bringt sich ein Bewerber bei Ihnen um alle Chancen?
Wenn er gleich wissen will, was er bei uns verdienen kann und keine klare Vorstellungen davon hat, was er in der Aufgabe, für die er sich bewirbt, machen will, dann hat er verloren.

Muss er Aspirin mögen?
Er muss es nicht mögen - auch wenn es zweifellos eines der erfolgreichsten Arzneimittel überhaupt ist. Aber er muss Sympathie für unsere Produkte haben und bereit sein, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren.

Er darf also auch Medikamente anderer großer Hersteller probieren?
Er darf alles das tun, was für ihn gut ist.

Woran scheitern Führungskräfte heute am meisten?
Leute, die richtig scheitern, gibt es ja gar nicht so viele. Als globales Unternehmen erwarten wir von unseren Führungskräften, dass sie stets neue Aufgaben zum Beispiel auch im Ausland übernehmen. Manchmal ist die Flexibilität der jungen Manager aufgrund ihres persönlichen Umfelds aber nicht groß genug. Daran kann ein weiterer Karriereschritt scheitern.

Waren Sie selbst immer flexibel?
Ich habe in meiner Laufbahn zwölf unterschiedliche Aufgaben übernommen. Und das sehr gerne. Mit meiner Familie bin ich zehn Mal umgezogen.

Was war bisher Ihr größter Fehler?
Ich habe bestimmt nicht immer alles richtig gemacht. Aber an einen gravierenden Fehler kann ich mich nicht erinnern.

Welche Leitfigur hat Sie beruflich besonders inspiriert?
Ich habe beruflich keine Vorbilder. Ich habe mich immer daran gehalten, das zu tun, von dem ich überzeugt war.

Wie motivieren Sie Ihre Mitarbeiter?
Ich versuche sie von der Sache zu überzeugen, aber auch von den handelnden Personen. Ich bewerte ihre Leistungen, indem ich sie lobe und indem ich mich freue, wenn sie erfolgreich sind. Ich halte es einfach für unabdingbar, Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass man an sie glaubt und sich persönlich für sie einsetzt.

Wie würden Sie Ihre Personalführung beschreiben?
Ich mache die Vorgaben und versuche sie gut zu beschreiben. Wir diskutieren gemeinsam, was unsere Ziele sind. Ich ermutige die Mitarbeiter offen zu diskutieren, auch kontrovers. Dann wird eine gemeinsame Lösung gefunden, für die sich die Mitarbeiter dann aber auch 100 Prozent einsetzen sollen.

Die meisten Fehler passieren, weil man zu wenig miteinander spricht. Gilt das auch für Bayer?
Kommunikation spielt eine ganz entscheidende Rolle. Bayer hat einen sehr tiefgreifenden Restrukturierungsprozess hinter sich. Um diesen Prozess und die Ziele, die damit verbunden sind, den Mitarbeitern klar zu machen, waren viele Gespräche und Vorträge nötig.

Wie haben Sie das gemacht?
Ich bin durch die Welt gereist. Wir haben bei allen regionalen Führungskräftetagungen die Mitarbeiter über das "Warum" informiert und darüber diskutiert. Mir lag viel daran, die Diskussionskultur in den jeweiligen Abteilungen und Konzerntöchtern weiter nach vorn zu bringen.

Konnte man Sie anmailen und sich beschweren?
Man konnte alles. Wir haben alle Medien genutzt - vom Bayer-News-Channel bis zu den IT-Medien - um die Mitarbeiter zu informieren und mitzunehmen. Wichtig schien mir aber vor allem meine Präsenz und die meiner Kollegen vor Ort. Ich glaube, dass nichts wichtiger ist, als persönlich für die eigenen Überzeugungen einzutreten.

Können Sie sich vorstellen, dass manche Leute in Leverkusen Sie nach dem Umstrukturierungsprozess nicht mehr mögen?
Es ist ja nicht eine Frage des Mögens oder Nichtmögens. Man muss eine klare Vorstellung haben von dem, was man tut und warum man es tut. Ich werde es nie allen recht machen können. Danach strebe ich auch gar nicht.

Sie können also damit umgehen?
Ich kann damit gut umgehen. Jede Veränderung bringt eben erst mal Unruhe und wird zunächst kritisch beurteilt. Jeder fragt sich, was bedeutet das für mich. Aber mit dem Erfolg, der mit den Veränderungen verbunden ist, wächst auch wieder die Zustimmung.

Sie sind eine Art Eingeborener in Leverkusen und bei Bayer. Kommt Ihnen das zugute?
Ich kenne das Unternehmen sehr gut. Ich kenne auch das Umfeld gut. Und man kennt mich. Ich hoffe, dass ich für die meisten berechenbar und ein verlässlicher Partner bin. Das ist sicher von Vorteil, wenn man bei Bayer bestimmte Dinge verändern will.

So wie Sie zu Bayer gehören - auf Ihrem Herz müsste doch schon ein Bayerkreuz wachsen. Gibt es ein Leben für Sie ohne Bayer?
Natürlich, es gibt Familie und viele andere Interessen. Es ist wichtig, dass man vom Job mal komplett abschaltet.

Wie ist denn Ihr Handicap?
24.

Nicht schlecht für jemanden, der eigentlich kaum Zeit haben dürfte. Wie kriegen Sie das hin?
Eigentlich kriege ich es gar nicht hin. Dieses Jahr habe ich vielleicht drei, vier Mal Golf gespielt. Vor einiger Zeit habe ich mal das ein oder andere gute Ergebnis hingelegt - daher das Handicap.

Die Ausbildung

Werner Wenning wird am 21. Oktober 1946 in Leverkusen-Opladen geboren. Die Eltern - er ein Elektriker bei der Eisenbahn, sie Hausfrau - stammen aus Westfalen. Als Werner 14 Jahre als ist, stirbt der Vater. Der Junge schleppt Kartoffel?säcke, trägt die Kirchenzeitung aus, stellt Kegel in einer Kegelbahn auf, um Geld für die Familie dazuzuverdienen. Nach der Real- und Höheren Handelsschule in Opladen beginnt er mit 20 Jahren bei Bayer eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Anschließend fängt er dort im Rechnungswesen an.

Job und zeitaufwendiges Golf widerspricht sich also nicht?
Nein. Im Gegenteil. Man muss mental und physisch fit bleiben. Ein verantwortungsvoller Job bringt große Belastungen mit sich. Und da braucht man einen Ausgleich: Der eine joggt, der andere golft, der nächste geht ins Konzert.

Was wollten Sie als 17-Jähriger werden?
Ich wollte damals immer etwas Handwerkliches machen. Elektriker stand da bei mir ganz oben auf der Liste.

Haben Sie Ihre Mitschüler abschreiben lassen?
Klar habe ich abschreiben lassen. Natürlich habe auch ich abgeschrieben. Da ist der Rheinländer ja großzügig - man muss auch jönne könne.

Waren Sie Klassensprecher?
Nein.

Gibt es aus Ihrer Zeit als Messdiener Werte, die Sie in Ihre heutige Arbeit als Vorstandsvorsitzender mitgenommen haben?
Ich habe sowohl im Geschäftlichen wie im Privaten christliche Wertvorstellungen, die ich auch lebe.

Beim Weltjugendtag haben Sie der Kirche und der Jugend das Stadion zur Verfügung gestellt.
Ja, wir haben drei Gottesdienste gefeiert. Diese Begeisterung zu erleben, war richtig mitreißend. Ich habe ich mich gefragt, wie man ein kleines Stück von dieser Leichtigkeit und Fröhlichkeit mitnehmen kann - auch für unsere Gesellschaft. Ich fand das sehr ansteckend.

Haben Sie einen Pilgerrucksack bekommen?
Nein. Leider nicht.

Wie war Ihr Zimmer als Jugendlicher eingerichtet?
Das war nicht berauschend. Es war ein kleines Zimmer. Zwei Poster von Fritz und Ottmar Walter hingen an der Wand.

Wer ist Ihr Lieblingsfußballer?
Früher war das Werner Liebrich, Weltmeister von 1954, spielte bei Kaiserslautern.

Und heute?
Heute habe ich viele. Ich will keinen herausheben. Da tue ich den anderen weh.

Sehr diplomatisch. Aber muss es denn wirklich sein, dass der Bayer Klaus Augenthaler Bayer trainiert?
Wer mit uns erfolgreich zusammenarbeitet, der ist herzlich willkommen.

Wie sieht Ihre Laune aus, wenn Leverkusen verloren hat?
Das kommt immer auf den Spielverlauf an. Haben wir ein Spiel leichtfertig und nicht mit dem notwendigen Engagement abgegeben, dann bin ich sauer. Verlieren wir mit fliegenden Fahnen, dann ist das o.k.

Was war das bisher schmerzlichste Erlebnis mit Bayer 04 Leverkusen?
Unterhaching vor fünf Jahren. Das war das Spiel, von dem wir glaubten, wir würden Deutscher Meister, das letzte Spiel der Saison. Ein Unentschieden und wir hätten es geschafft. Doch es ging bekanntlich daneben.

Haben Sie geweint?
Nein. So weit gehen die Emotionen nicht. Aber es war eine tolle Saison. Und wir hätten es verdient gehabt.

Sie haben nicht studiert. Warum nicht?
Die Frage hat sich nicht gestellt. Mein Vater starb früh und meine Mutter bekam eine sehr bescheidene Rente. Ich habe mit Nebenjobs einiges zum Haushalt beigetragen, zum Beispiel Zeitung ausgetragen oder in einer Kegelbahn gearbeitet.

Gibt es Vorbehalte bei Ihren Kollegen, weil Sie es ohne Studium an die Spitze geschafft haben?
Das habe ich nie empfunden.

Wer hat des denn schwerer, der studierte Manager oder der Manager ohne Studium?
Ein Studium ist heute sicher eine gute Voraussetzung für eine Karriereentwicklung. Bei Bayer legen wir aber auch sehr viel Wert auf die interne Ausbildung. Wie bieten Marketing and International Business Studies (MIBS) an, ein Ausbildungs- und Studienprogramm bei dem Sie drei Abschlüsse machen: den Industrie- und Diplomkaufmann und durch ein Auslandsstudium den MBA.

Kann so ein MIBS auch Vorstandsvorsitzender werden?
Mit der entsprechenden Bereitschaft, sich immer weiter zu entwickeln - warum nicht?! Wir wollen die besten in die jeweiligen Positionen bringen. Wie sich dann die Kandidaten vorbereitet haben, ist zweitrangig.

Ihre Karriere wäre heute noch so denkbar?
Das ist heute sicherlich schwieriger.

Die Laufbahn

1970 schickt Bayer Wenning als Geschäftsführer der peruanischen Bayer Industrial nach Lima. Dort versetzen die Terroristen des "Leuchtenden Pfads" die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Mit dreijähriger Unterbrechung bleibt er in Peru insgesamt 13 Jahre. Nach verschiedenen Führungspositionen in der Konzernzentrale geht er 1992 als Landessprecher Spanien nach Barcelona, wird 1996 Leiter der Bayer-Konzernplanung und 1997 Vorstandsmitglied. Seit 2002 ist er Vorstandsvorsitzender.

Haben sie jemals Angst gehabt in Ihrem Berufsleben?
Eigentlich nicht. Sorgen aber.

Dass Sie entlassen werden?
Nein. Um meine Karriere habe ich mir nie Sorgen gemacht. Aber wenn man eine große Aufgabe übernimmt, trägt man immer Verantwortung für andere Menschen, mit denen man zusammenarbeitet. Und diesen Menschen gerecht zu werden, kann einem manchmal Sorgen bereiten.

Hatten Sie Angst, als Sie 2001 Chef bei Bayer wurden?
Nein. Das war eine große Freude.

Hatten Sie Angst vor dem Leuchtenden Pfad?
Nicht um mich. Aber um meine Familie. Ich hatte zwei kleine blonde Töchter. Die fielen natürlich in Lima auf. Der lange Schulweg zum Beispiel - da habe ich mir dann doch Sorgen gemacht.

Wie wichtig war Peru für Sie?
Für mich war Lima ganz prägend. Ich war erst 23 Jahre alt, gerade verheiratet. Ich kam sehr früh in ein anderes kulturelles Umfeld und in eine Position, in der ich für mein Alter große Personalverantwortung hatte.

Haben Sie dort Ihr Selbstbewusstsein bekommen?
Ein gesundes Selbstbewusstsein hatte ich, glaube ich, bereits vorher. Schließlich habe ich schon als Junge die Elfmeter geschossen.

Mit Ihrer Körpergröße hätten Sie eigentlich im Tor stehen müssen.
Nein, bis ich da mal so runter zum Ball kam - ich war im linken Mittelfeld.

Haben Sie die Ruinen von Machu Picchu erwandert?
Ja, sogar mehrmals.

Höhenprobleme in den Anden gehabt?
Meine höchste Höhe war bei knapp 5.000 Metern. Da habe ich schon gejapst.

Während Ihrer Reisen müssen Sie doch selbst im letzten Dorf irgendwo ein Bayer-Kreuz entdeckt haben. Das Bayer-Kreuz - Heimat für Sie?
Stimmt, egal wo Sie hinkommen, finden Sie das Kreuz. Ich fühle mich dann tatsächlich ein wenig zu Hause. Man ist natürlich auch stolz: Das ist unser Unternehmen!

Sie waren später in Spanien und haben das Land zu einem der erfolgreichsten von Bayer gemacht. Ihre schönste Zeit?
Nein. Jede Zeit war schön.

Bei der Treuhand haben Sie dann viele Konzepte umgesetzt, die Sie bei Bayer gelernt hatten. Was war das?
Wir mussten erst einmal einen Geschäftsplan aufstellen, um die Firmen neu auszurichten, um sie dann zu privatisieren. Dazu gehörten eine gründliche Analyse, das Ausloten von Zukunftsperspektiven, die Beurteilung ökologischer Aspekte, das Prüfen der finanziellen Optionen, das Erörtern schwieriger personalpolitischer Entscheidungen und schließlich das Vorbereiten des Managements auf völlig veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Das war eine sehr interessante und herausfordernde Aufgabe.

Braucht man Mut, um Leute zu entlassen?
Mut ist das falsche Wort. Man muss sich der sozialen Verpflichtung bewusst sein. Es ist keine Frage der Mutes, sondern der Überzeugung, dass Stellenabbau für das Unternehmen der richtige Schritt ist. Bei Bayer haben wir das bisher stets ohne betriebsbedingte Kündigungen bewältigt.

Woran erkennt man, dass es Zeit für den nächsten Schritt ist?
Man ist im Leben immer auf einer gewissen Lernkurve - das wäre zumindest wünschenswert. Und dann merkt man, wann es Zeit ist.

Woran spürt man das?
Wenn die Ungeduld zunimmt, aber auch eine gewisse Routine aufkommt. Man sollte aber ähnlich wie bei der Tour de France sich immer nur auf die nächste Etappe konzentrieren und diese mit Engagement bewältigen, bevor es weitergeht.

Was wird Ihre nächste Etappe sein?
Ich bin zurzeit eigentlich ganz zufrieden.

Was passiert bei Ihnen nach Bayer?
Ich konzentriere im Augenblick alle meine Vorstellungen auf Bayer und nicht auf die Frage, wie sich mein Ruhestand entwickeln könnte.

Und wann wird Bayer Leverkusen 04 endlich Deutscher Meister?
Tja, auf den einen oder anderen Titel hatten wir ja zwischendurch schon man gehofft. Aber ich sage es jetzt mal so: Das Ziel, Deutscher Meister zu werden, werden wir nicht aus den Augen verlieren.

Da wird ja eher der Hamburger Sportverein Deutscher Meister...
Die sind auch nicht schlecht. Schließlich haben die ja einen Präsidenten, der aus Leverkusen stammt.

Die besten Jobs von allen

Dieser Artikel ist erschienen am 16.09.2005