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Wie wird man eigentlich Astronautentrainer, Dr. Seine?

Aufgezeichnet von Karin Umlauff
Rüdiger Seine, 37, ist Astronautentrainer bei der European Space Agency (ESA) in Köln. Zurzeit koordiniert er das Trainingsprogramm für das Columbus-Modul, den europäischen Beitrag an der Internationalen Raumstation. Columbus, eine Art Weltraum-Labor, soll im Oktober 2004 an die Internationale Raumstation andocken und rund zehn Jahre im Einsatz bleiben.
Im Astronautentraining arbeiten nur Raumfahrttechniker? Weit gefehlt. Von Haus aus bin ich Biologe, Schwerpunkt Botanik und Ökologie. Auch in die Astro-Branche kann man also reinrutschen - fundierte wissenschaftliche Ausbildung vorausgesetzt. Ein Job bei der Deutschen Zentrale für Luft- und Raumfahrt verschaffte mir die Eintrittskarte; ich hatte dort Delegationsbesuche vorbereitet und Info-Material erstellt. Als dann bei der europäischen Raumfahrtorganisation ESA eine Stelle im Astronautentraining frei wurde, bewarb ich mich - und wurde genommen.

Heute bilde ich Astronauten aus allen Nationen aus, die an der Internationalen Raumstation ISS beteiligt sind: US-Amerikaner, Kanadier, Japaner, Russen und Europäer. Meine Auslandsaufenthalte während des Studiums - für die Diplomarbeit habe ich Feldforschung in Australien betrieben, für die Promotion ein Jahr lang in Afrika geforscht - kommen mir jetzt zugute. Sobald eine Crew für eine Mission ausgewählt ist, schulen wir sie für ihren Einsatz. Bei mir lernen die Astronauten, bestimmte Experimente zu machen - zwar nicht in Schwerelosigkeit, doch durch meine Arbeit habe ich ein Gespür für den Alltag im All. Muss der Astronaut etwa einen kleinen Experimentierkasten öffnen, ist es meine Aufgabe zu klären: Wohin mit dem Deckel? Er bleibt ja nicht liegen. Also muss ich überlegen, ob er festgeklebt wird, ob wir ein Klettband verwenden oder ob man ihn irgendwo drunterklemmen kann.

Die besten Jobs von allen


Nicht jedes Experiment ist von Erfolg gekrönt. Einen herben Rückschlag hatten wir mit dem Biolab - einer Art Kühlschrank kombiniert mit einem Brutkasten zur Erforschung von Knochen- und Muskelerkrankungen. Das Gerät kam im Shuttle-Flug der Columbia zum Einsatz, die Anfang Februar verunglückte. Durch die Katastrophe wurde die Arbeit von Monaten vernichtet - ganz abgesehen von der menschlichen Tragödie

Trotz der allgegenwärtigen Gefahr: In jedem Astronautentrainer steckt wohl ein verkappter Astronaut. Wenn mir morgen jemand ein Ticket für das Space Shuttle anböte, würde ich übermorgen mit gepackten Koffern antreten

www.esa.int; www.dlr.de
Dieser Artikel ist erschienen am 25.09.2003