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Wie wird man eigentlich 1&1-Chef?

Andreas Gauger, 39, hatte schon mehrere Internet-Firmen gegründet, bevor eines Tages das Web-Schwergewicht 1&1 bei ihm einsteigen wollte. Heute ist er der Chef vom Ganzen - und sucht weiter das Abenteuer.
Was er Mitarbeitern vermittelt
Die Ausbildung
Die Laufbahn
Das Privatleben
Warum ist Powerpoint Müll?


Der Alltag

Andreas Gaugers Büro lässt keinen Zweifel daran, dass hier ein echter Star-Wars-Fan residiert: Zwischen kühlem Glas- und Stahlmobiliar sowie spacigen Konferenzstühlen stehen Dutzende von Raumschiff- und Todesstern-Repliken. Eine lange Glaswand beherbergt ein üppiges Waffenarsenal an Yedi-Lichtschwertern und Sturmtruppen-Blastern. Von hier aus dirigiert der 39-jährige Vorstandssprecher die größte Tochter des United-Internet-Konzerns, den Internet-Dienstleister 1&1. Nachdem Gauger in den vergangenen Jahren als Interimschef die Zukäufe GMX und Web.de eingemeindet hat, integriert er derzeit als CEO den britischen Webhoster Fasthosts in die Konzernfamilie.

Die besten Jobs von allen


Sie sind Vorstand eines Unternehmens, von dem Sie Teile vor Jahren selbst gegründet haben. Verstehen Sie sich derzeit eher als Gründer oder als Konzernchef?

Ich fühle mich immer noch als Gründer. Ich glaube, an dem Tag, an dem das nicht mehr so wäre, würde ich sterben. Ich habe neulich mit Achim Weiss, unserem Technikvorstand, einen russischen Geschäftskollegen in Moskau besucht und der hat gemeint: "It feels like you both own the company". Was natürlich nicht ganz stimmt - leider.

Aber wo ist denn da der Gründungsaspekt? 1&1 ist doch ein großer Laden.

Stimmt, aber nehmen wir zum Beispiel meinen Webhosting-Bereich. Wir sind so groß, da könnte ich im Prinzip fast jeden übernehmen, vorausgesetzt es wäre ein vernünftiger Deal. Ich kann auch in andere Länder gehen. Ich könnte, wenn ich wollte - wobei ich "wollte" betonen möchte - nach Asien gehen. Das ist noch ein ganz unbeackertes Feld, auf dem noch einige Abenteuer zu bestehen sind. Bei solchen Märkten braucht man allerdings auch eine gewisse Größe. Da kann man schlecht als 1-Mann- oder 10-Mann-Firma loslegen. Sie brauchen genug Gewicht und Geld, um mitreden zu können. Bei solchen Gründungsaktionen ist die ganze Maschinerie von 1&1 sehr hilfreich

Ihr Terminkalender verrät, dass Sie extrem viel unterwegs sind. Lästig?

Überhaupt nicht. Ich reise supergern. Ich bin ein totaler Spätzünder, was das angeht. Ich bin mit 21 oder so das erste Mal so richtig weit geflogen

Dieses Defizit holen Sie aber jetzt kräftig auf.

Ich glaube, ich bin tatsächlich der Vorstand in der 1&1 Gruppe, der am meisten reist. Richtig angefangen hat es, als ich meine zweite Frau kennen lernte, die ist Amerikanerin. Da habe ich auch mal richtig Englisch sprechen gelernt, das war vorher nicht so toll. Danach ging es jedenfalls richtig los, ich bin viel geflogen und habe Spaß am Reisen gewonnen. Seitdem bin ich also viel unterwegs.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus?

Ich stehe um 6 Uhr auf und beackere eine Stunde E-Mails. Dann trainiere ich ungefähr anderthalb Stunden. Wenn es ideal läuft - es gibt viele Ausnahmen

Was trainieren Sie?

Ich habe bei mir Zuhause im Keller eine Rudermaschine, ein Laufband, einen Crosstrainer - ein kleines Fitness-Center. Danach bade ich und frühstücke dabei. Um zehn bin ich im Büro. Dann folgen Vorstandsmeetings, Jour Fixe mit meinen Mitarbeitern und viele Einzeltermine mit Kooperationspartnern, Kunden oder so. Und momentan bin ich ja auch noch zwei Wochen im Monat in Gloucester, in England, wo es mit unserer Neuerwerbung Fasthosts noch einiges an Arbeit gibt. Da muss das Management-Team neu strukturiert werden, sodass die nachher ohne mich auskommen

Programmieren Sie noch irgendwas?

Überhaupt nicht

Müssen Sie alle Ihre Produkte verstehen?

Ja. Muss ich. Tue ich auch. Ich verstehe sogar die Produkte meiner Kunden. Okay, das ist auch eine Passion von mir. Ich habe gerade wieder aus meiner Wohnung eine ganze Menge Elektronikschrott herausgeholt, weil ich partout jeden Krempel kaufen muss, den es gibt. Dann schleppe ich die 25. Kamera an und der ganze Kram türmt sich in meiner Wohnung

Ein typischer Kandidat für Ebay?

Ach, was, ich verschenke die Sachen. Bei Ebay einstellen, Überweisungen abhaken, alles einpacken und verschicken. - Was ein Stress!

Viele Internetgründer der ersten Stunde haben irgendwann mal ihren Laden verkauft, um was Neues anzufangen. Wäre das auch was für Sie?

Ich kann es gut nachvollziehen. Jetzt, wo ich schon mal in Gloucester bei Fasthosts sitze, macht mir das schon Spaß, in diesem kleinen Team zu arbeiten und verwaltungstechnische Prozesse zu besprechen. Das hat schon was. Erinnert mich ein bisschen an frühere Zeiten. Aber momentan habe ich noch so viele Abenteuer bei 1&1 vor mir, dass es schwierig wäre abzuwägen, ob eine neue kleine eigene Firma ein größeres Abenteuer wäre. Und letztlich inspiriert mich die Größe des Abenteuers

Was möchten Sie im Alltag bei Ihren Mitarbeitern rüberbringen?

Ich versuche meinen Leuten klar zu machen, dass bei mir Politik nicht funktioniert und dass ich nicht will, dass sie sich gegenseitig zerfleischen. Ich mag das offene und ehrliche Gespräch. Und ich möchte, dass die Leute, wenn sie Mist gebaut haben, dazu stehen und ich nicht erst "dahinter kommen" muss. Authentisch, offen und ehrlich, das wären die Werte, die mir wichtig sind. Und dann bitte auch das Arbeiten nicht vergessen. Es gibt arbeitsoptimierende Leute, die es immer schaffen, andere für sich ackern zu lassen, aber selbst nichts geregelt kriegen. Das finde ich nicht so Klasse.

Wie kriegen Sie überhaupt die aktuellen Entwicklungen mit, wo Sie doch viel unterwegs sind?

Man muss einfach an den richtigen Stellen im Thema drin sein, nicht bei jeder Kleinigkeit. Wichtige Themen sind da, wo es um viel Geld geht oder ganz wichtige, strategische Entscheidungen anstehen. Wir haben zirka 30 Projekte im Moment gleichzeitig laufen. Und bei den meisten weiß ich nur, dass da dies oder jenes in diese Richtung gemacht wird. Bei den drei Projekten, die mir wichtig sind, kenne ich mich genau aus. Da habe ich den Auftrag gelesen und fünf Mal gesagt, wie ich es gerne hätte. Das ist genau der Punkt. Und dann gibt es noch die Kennzahlen - eine ganz tolle Sache. Da kann man sowieso genau sehen, was läuft. Warum sieht denn die Zahl so rot aus? Was ist passiert? Und dann kommt man dahinter

Wie haben Sie gelernt, Prioritäten zu setzen?

Was ich lernen musste war, dass meine Mitarbeiter für mich da sind und nicht umgekehrt, zumindest was die Arbeit angeht. Das hat aber so seine zwei, drei Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass es nicht mein Job ist, meinen Leuten einen schönen Arbeitstag zu bescheren, sondern dass es anders laufen muss. Ich habe Arbeit an andere abzugeben und gute Mitarbeiter sind diejenigen, die mir das Maximale an Verantwortung abnehmen können. Wenn man das mal gelernt hat, lässt sich das gut durchhalten

Sind Sie ein guter Chef?

Natürlich! (lacht) Ach, ich denke schon. Es gibt ja hier alle zwei, drei Jahre so Management Reviews, wo die Mitarbeiter ihre Chefs beurteilen können und bis jetzt bin ich gut weggekommen. Ich glaube, wenn man Entrepreneur ist, gibt es immer zwei Varianten: Entweder ich bin der Allein-Pascha und mache alles ganz klasse. Das kann gut funktionieren. Ich motiviere meine Mitarbeiter hauptsächlich durch Firmenanteile und über die Aussicht, dass sie viel Geld damit verdienen. Die andere Variante ist, dass man als Einzelunternehmer ein Team von Leuten hat und so ein Wir-Gefühl entsteht. Ich bin eher so einer für die Team-Ebene

Sind Ihnen bei Bewerbern ein halbes Dutzend Praktika und Auslandsaufenthalte wichtig?

Wenn es um qualifizierte IT-orientierte Berufe geht, bekommen wir keine Riesenstapel an Bewerbungen, um dann danach auszusuchen, ob derjenige im Ausland war. Wir sind oft froh, wenn sich ein einigermaßen Qualifizierter auf eine Stelle bewirbt. Die Auswahl ist nicht groß. Produktmanagement, Entwicklung, Projektmanagement, Qualitätssicherung - egal, wo Sie hinschauen. Wir gucken, was wir auf dem Tisch liegen haben und hoffen, dass wir ihn einladen können und er dann auch was für uns ist. Da liegt das eigentliche Problem

Und wenn Sie eine kaufmännische Position zu besetzen haben?

Die einzige größere kaufmännische Stelle, die ich in der letzten Zeit hatte, war die meines persönlichen Assistenten. Da hatten wir plötzlich einen ganz großen Stapel. Und haben tatsächlich geguckt: War der im Ausland? Da habe ich dann wirklich auch nur die Allerbesten eingeladen und denen noch eine freche Aufgabe gegeben. Bei dieser Stelle hätte ich gar keinen genommen, der nicht im Ausland war. Was soll ich mit jemandem, der kein Englisch spricht?

Wie gehen Sie mit sehr schwierigen Entscheidungen um?

Früher habe ich eher zu schnell entschieden, und das ist glücklicherweise selten schief gegangen. Ich war immer gut, schnell und relativ sicher. Bei schwierigen Entscheidungen habe ich mir mit der Zeit aber angewöhnt, lieber ein bisschen länger darüber nachzudenken

Was würden Sie heute anders machen?

Ein paar Sachen fallen mir da schon ein, aber die würde ich nicht als großen Fehler betiteln. Man kann nicht immer alles richtig machen. Ich glaube, für meine persönliche Karriere war es ziemlich dumm, bei der ersten Finanzierungsrunde die Anteile meiner Firma Schlund & Partner zu billig zu verkaufen. Wenn ich damals vielleicht ein bisschen mehr Ahnung von Kapitalmärkten gehabt hätte, hätte ich nicht so viele Anteile verkauft. Und ich habe mir vielleicht ab und zu mal zuviel aufgehalst, zu Zeiten, wo ich noch nicht so clever war, zu delegieren. Da habe ich Raubbau an meiner Gesundheit getrieben. Was ich letztes Jahr so richtig zu spüren bekommen habe

Tja, jenseits der 30 baut der Körper langsam ab.

Genau. Die Idee, dass ich regelmäßig Sport mache, ist auch erst drei Jahre alt. Ich war früher mal spindeldürr und ganz sportlich. Das habe ich mit der Zeit komplett versaut. Irgendwann sind Sie jeden Tag müde, haben hier ein Zipperlein und da ein Zipperlein, Rückenschmerzen sind auch gerne genommen oder Sie werden den Tinitus nicht mehr los. Ich glaube, die größte Gefahr in meinem Job ist, dass der Mensch nicht auf seine Gesundheit achtet.

Die Ausbildung

Andreas Gauger wächst in Karlsruhe auf und programmiert schon als Teenie: Software für den C64 für ein Computermagazin. Mit 16 gründet er seinen ersten kleinen Laden, einen Versandhandel für Public-Domain-Software für den Atari. Nach dem Abi wird er als Zivi Sanitäter beim Roten Kreuz. Um die Zeit bis zum Wintersemester zu überbrücken, heuert er als freier Mitarbeiter bei einem Software-Haus an und bekommt vom Chef mit 23 eine Beteiligung angeboten. Nach vier Jahren verkauft er seine Anteile und gründet sein eigenes Software-Unternehmen, "Gauger, Hamm und Partner"

Ihren ersten Job haben Sie quasi dem Roten Kreuz zu verdanken?

Ja, in den Elf-Stunden-Schichten gab's maximal vier Stunden was zu tun. Es gab nur Fernsehen oder Video und das war irgendwann sterbenslangweilig. Da habe ich meinen PC mitgebracht und vom Zivi-Zimmer aus Programme für ein Software-Haus in Karlsruhe entwickelt. Einer von deren Gesellschaftern bot mir nach dem Zivildienst eine Stelle als freier Mitarbeiter an. - Eigentlich habe ich nur angenommen, um die Zeit bis zum Semesterstart zu füllen

Das Semester ist dann aber doch ohne Sie losgegangen.

Ja, mein Chef bot mir ein weiteres Jahr an und, um mich zu motivieren, einen Anteil an der Firma. Den Vorschlag fand ich Klasse

Was kostete so ein "Anteil an der Firma"?

Das war irgendwie so eine 50.000 DM-GmbH und davon habe ich ein Drittel gekauft

Wie haben Sie das finanziert?

Ein bisschen was hatte ich noch von meinem Public Domain Service. Den Rest habe ich mir von meiner Oma und meinem Vater geliehen

Wie sahen Ihre ersten Zeiten als Unternehmenseigentümer aus?

Ich habe eigentlich fast alles gemacht, was man so in einem kleinen Systemhaus machen kann: Software programmiert, Netzwerke geplant, den Einkauf gemanagt und schließlich eine tolle Datensicherungslösung für Unternehmen erfunden, die so richtig modern und viel versprechend war. Die hat mir so gut gefallen, dass ich extra ein Analysetool dazu entworfen habe, um den Firmen beweisen zu können, dass ihre Daten bisher nicht sicher sind. Für die Kaltakquise war das eine prima Strategie

Warum sind Sie nach vier Jahren dann doch ausgestiegen?

Irgendwann war ich mir nicht mehr so richtig einig mit dem Geschäftsführer und habe meine Anteile verkauft. Vom Erlös habe ich gleich eine neue Firma gegründet und einen Partner - einen Bekannten von früher - aufgenommen. Wir haben dann als Gauger, Hamm und Partner Software für mittelständische Unternehmen programmiert und sind recht schnell auf ein Dutzend Mitarbeiter gewachsen

Haben Sie irgendwann mal den Verzicht aufs Studium bereut?

Nie. Dadurch hatte ich den anderen immer vier Jahre Erfahrung voraus. Klar, man kann auch steile Karrieren mit Studium hinlegen, aber die wirklich guten Leute, die ich kennen gelernt habe, haben das Studium eher locker angehen lassen. Und so ein richtiger Karrieretyp - mit geplantem Auslandsaufenthalt und so - bin ich eh nicht

Sind Sie also der geborene Gründer?

Eher im Gegenteil. Ich dachte früher, Unternehmer sein, ist was ganz Schlimmes. Mein Vater war Angestellter und das wollte ich eigentlich auch werden. Bloß keine Risiken, einfach Geld verdienen. Der Vater von Bekannten war Unternehmer und da gab es immer mal gute und mal schlechte Zeiten und immer ein bisschen Stress. Das fand ich total Mist. Lieber studieren und in einer großen Firma anfangen. Das war mein Ziel

Dann haben Sie Ihr Ziel ja wohl einigermaßen verfehlt.

Aber ich habe es nicht bereut. Ich hätte das Studium auch nicht groß gebrauchen können. Klar, irgendwelche Grundlagen wären vielleicht ganz nützlich gewesen, aber wenn ich heute ein Thema nicht verstehe, brauche ich auch nur ein paar Tage um mich einzuarbeiten. Ich frage Leute, die das können und dann geht es schon. Ein Studium macht einen Unternehmer nicht aus, überhaupt nicht

Und wie gehen Sie neues Terrain dann an?

Indem ich viel mit Leuten rede. Falls wir zum Beispiel jemals irgendetwas in Russland machen wollten, dann könnte ich auf einen langjährigen Geschäftsfreund dort zurückgreifen. Ich glaube, es geht viel über Netzwerke. Ist im Privaten doch genauso: Wenn ich im Urlaub in irgendeine Stadt fliege, dann ist das Erlebnis 300 Mal besser, wenn ich jemanden kenne, der mir auch ein bisschen was zeigen kann.


Die Laufbahn

Neben seiner Software-Firma gründet Andreas Gauger mit Schlund & Partner ein weiteres Unternehmen, das den aufkeimenden Internet- und Webhosting-Markt beackert. 1998 steigt der Internet-Konzern 1&1, heute United Internet, bei ihm ein. Gauger wird Vorstandssprecher der neuen 1&1 Internet AG

Sie haben als Programmierer angefangen. Wann kam die Biege ins Management?

Mit meiner ersten eigenen Firma, Gauger, Hamm und Partner, hat sich das nach und nach entwickelt. Da war ich eigentlich dann nur noch als Verkäufer unterwegs. Und habe dort meine Stärken gefunden: relativ zügig in Systeme eindenken, Kundenprobleme erfassen und schnell Ideen entwickeln, wie man das gescheit in Softwarelösungen umsetzt. Und dann kamen eben die Wachstumsprozesse. Erst waren wir zu zweit, dann waren es 6, 10, 20, 40, 100. Und jetzt sind wir mehrere Tausend. Bei jedem dieser Schritte habe ich mich gefragt: Kannst du das noch? Geht das noch? Es hat funktioniert!

Wie kämpft man die Zweifel nieder?

Von Anfang an am meisten geholfen, haben Leute und Mentoren, von denen ich was lernen konnte. Da waren zum Beispiel Hans Bretz und Manfred Bähr von der Firma Vollack, meinen ersten großen Kunden. Und nach dem Zusammengang mit 1&1 ganz klar auch Ralph Dommermuth, der Gründer der Gruppe. Auf welche Zahlen achtet man? Wie verkauft man was richtig, wie verhandelt man richtig? Das sind Fragen, die Ihnen nur jemand beantworten kann, der das gut kann.

Standen Sie mal vor der Entscheidung "Fachkräftekarriere" zum Beispiel als Programmierer oder eine "Laufbahn als Führungskraft"?

Ich hatte immer gedacht, ich werde Programmierer, aber das hat sich ja sehr zügig erledigt. Ich glaube, dass es auch nicht gepasst hätte. Ich bin eher jemand, der Abwechslung braucht und für eine Fachkarriere muss man sich immer in ein System reinarbeiten. Das ist nicht so spannend

Sie haben kurz nach Gauger, Hamm und Partner auch noch Schlund & Partner gegründet, die dann mit Webhosting so richtig erfolgreich wurde. Reichte Ihnen eine Firma nicht?

Schlund & Partner ist eigentlich als kleine Tochter von Gauger, Hamm und Partner entstanden. Dort haben wir zunächst einiges für den ersten deutschen Automarkt, für das erste deutsche Fußballspiel und deutsche Chat-Services im Internet entwickelt. Webhosting lief erst mal nur nebenbei. Eigentlich war ich schon drauf und dran den Laden wieder zuzumachen, weil es mich doch sehr vom Hauptgeschäft ablenkte. Aber irgendwann in den Ferien dachte ich: Mensch, mit ein bisschen mehr Geld könntest du auch eine richtig satte Werbekampagne starten und das Geschäft ankurbeln. Ich bin dann losgezogen und habe Gesellschafter mit Geld gesucht. - Die Kampagne war dann jedenfalls ein Riesenerfolg und unsere Verkaufszahlen haben sich im ersten Jahr fast vervierfacht. Die Firma ist so zügig gewachsen, dass ich mich schließlich aus dem Gauger, Hamm und Partner zurückgezogen habe

1&1 ist dann irgendwann bei Ihrer Firma Schlund & Partner eingestiegen. Wie fühlt man sich, wenn da so ein Großer kommt und sich einnisten will?

Ein sehr schräges Gefühl ist das. Wir hatten immer viel Angst vor 1&1. Die hatten damals schon ein sehr mächtiges Marketing-Potenzial. Wir dachten: Wenn die jemals in unseren Markt einsteigen, können wir uns beerdigen. Eines Tages rief mich dann ein Herr Dobitsch an, damals Beiratsmitglied bei 1&1, und fragte: "Herr Gauger, wie sieht es denn aus mit 1&1? Unsere Firma macht gute Gewinne und die würden wir gerne in junge Internetfirmen investieren. Beim Thema Webhosting stehen Sie da ganz oben auf unserer Liste."

Haben Sie das Telefonat jemals bereut?

Nein, wir haben relativ schnell gemerkt, dass das ein glücklicher Griff war. Die beiden Unternehmen ergänzten sich super - auch wenn 1&1 viel größer war als wir. Wir konnten von denen all die Dinge nutzen, die eh unsere Kapazitäten sprengten, wie etwa die Hotline oder die Finanzbuchhaltung. Und die hatten wenig Knowhow in Sachen Entwicklung von Produkten, weil sie damals hauptsächlich Marketing für Dritte machten, die ihre eigenen Produkte mitbrachten. Mit der Zeit passte das so gut zusammen, dass wir Schlund & Partner und die 1&1 Telekommunikations GmbH zu der AG fusioniert haben, die es heute noch gibt

Kann man Karriere planen?

Kann man, aber es ist nicht mein Fall. Am ehesten geht das wohl in solchen Querschnittsberufen, wie etwa Qualitätssicherung oder Finanzen, wo das Branchen-Knowhow nicht ganz so elementar wichtig ist. Da kann man Schritte mit Auslandsaufenthalten, Team- und Führungserfahrung klasse planen. Dazu gehört dann auch, dass man bereit ist, relativ häufig die Firma und den Wohnort zu wechseln

Und wie sieht Ihre Variante aus?

Ich finde das Unternehmerische besser, das Gestalten. Lieber von vorne anfangen und dann Schritt für Schritt nach oben gehen, den eigenen Bereich oder die Firma entwickeln. Dabei gibt es auch genug Abenteuer. Glauben Sie mir, mit mir wird es einem nicht langweilig


Das Privatleben

Der 39-Jährige ist in zweiter Ehe mit einer Amerikanerin verheiratet, liebt Lego-Modelle, Filme, Computerspiele und technische Spielereien. Von seinen Lieblingshobbys - Reisen und Autos - berichtet Gauger seinen neun- und zehnjährigen Kindern gerne via Handyfoto-Blog (www.gaugi.de) von unterwegs

Sie offenbaren in Ihrem Foto-Blog recht viel Privates. Ungewöhnlich für einen Vorstand.

Ich war letztes Jahr drei Wochen krank - Lungenentzündung - und anschließend lange im Urlaub. Da habe ich angefangen, alle möglichen Techniken auszuprobieren und das Foto-Blogging fürs Handy entdeckt. Das ist lustig: Bild machen und 30 Sekunden später ist es im Internet. In Amsterdam im Urlaub hab ich dann damit angefangen. Es ist irgendwie gut und passt zu mir. Aber wenn mir da jemand mal blöd kommt, dann schalte ich das Ding einfach wieder ab

In Ihrem Blog dreht sich viel um Autos. Sie sind ein Autofreak?

Ja

Was steht denn so in Ihrer Garage?

Ich fahre einen ganz normalen BMW-Firmenwagen, und privat habe ich noch einen Ferrari und einen BMW Z8

Bleibt da noch Zeit für andere Hobbys?

Doch. Wenn ich viel Zeit habe, baue ich gerne Lego-Modelle. Und ich schaue ungemein gern Filme. Ich habe ein kleines Kino zu Hause - na ja, Kino ist übertrieben. Eine Leinwand, einen Projektor im Wohnzimmer. Ich habe eine riesige DVD-Sammlung, von denen habe ich mir vielleicht die Hälfte angeguckt. Also, wenn Frauen Schuhe kaufen, ich kaufe DVDs. Und wenn ich ganz, ganz viel Zeit habe - was ich leider so gut wie nie habe - mache ich auch gern Videospiele. Da habe ich auch wesentlich mehr, als ich spielen kann. Es fehlt einfach die Zeit.

Sie reisen doch viel. Da hat man doch Zeit.

Klar, das Notebook habe ich mir auch extra dafür ausgesucht. Ist klein und hat trotzdem einen 15-Zoll-Bildschirm. Da kann man im Hotelzimmer schön DVDs gucken.

Welcher Job wäre gar nichts für Sie?

Alle, in denen man einen Chef hat, der einem alles vorkaut und keine Freiheiten lässt. Wie zum Beispiel damals als Zivi beim Roten Kreuz. Alle meine Vorgesetzten dort waren ehemalige Bundeswehr-Soldaten. Und die halten ja extrem viel von Mitbestimmung. Das fand ich sehr erdrückend, dass die mir sagen konnten, wie mein Leben abzugehen hat

Auf welchen Aspekt in Ihrem Job könnten Sie gut verzichten?

Konzepte zu schreiben finde ich zum Beispiel nicht so klasse. Dazu muss ich mich immer überwinden.

Und was machen Sie gerne?

Verhandeln, Kontakte knüpfen, Kooperationsverträge aushandeln, Produkte bauen und verbessern, aggressive Strategien entwerfen. Das macht mir Spaß, und das sind auch meine Stärken

Wenn Sie sich einen anderen Job aussuchen müssten, was wäre das für einer?

Dann würde ich auf jeden Fall eine neue Firma gründen. Ich würde mir keinen Job suchen. Das würde sehr schlecht funktionieren. Hier habe ich eine gewisse Freiheit und das ist mir das allerwichtigste am Job.

So ein Großkonzern lockt gar nicht?

Nein. Ich würde bestimmt kein halbes Jahr als Bereichsleiter bei der Telekom überstehen. Ich glaube, da gehört viel Erfahrung und Cleverness dazu, um solch eine Struktur zu überleben. Da wird laufend umorganisiert, ständig wechseln die Chefs.

Angst, unterzugehen?

Nein, aber weil das so eine große Organisation ist, wäre man ständig mit Selbstdarstellung beschäftigt. Das ist dort so viel wichtiger als die eigentlichen Ergebnisse. Was das an Energie frisst. Und dann ständig diese Powerpoint-Präsentationen! Das ist so ein Quatsch. Ich hasse Powerpoint. Das ist bei mir verboten


Warum ist Powerpoint Müll?

Weil die Informationen immer unvollständig sind. Ohne den Präsentator können Sie damit nichts anfangen. Und man kennt das doch aus eigener Erfahrung: Wenn ich spät dran bin, donnere ich noch schnell ein paar Stichpunkte zusammen. Mit Powerpoint kann man schnell etwas bauen, ohne sich was Vernünftiges überlegt zu haben. Sieht gut aus, sagt aber wenig aus. Klar, an einem ordentlichen Word-Text müssen Sie länger feilen, aber das Ding kann man auch nehmen und verstehen, ohne dass derjenige, der es geschrieben hat, dabei ist. Das ist mir drei Mal mehr wert. Powerpoint ist bei mir nur erlaubt, wenn man die Firma präsentieren will oder ein Vortrag vor einer wirklich großen Gruppe ansteht

Wie viel Platz kann Work-Life-Balance in einer Karriere haben?

Für Berufsstarter, würde ich sagen - egal, welches Modell man hinterher wählt - kann Work-Life-Balance nicht die Priorität Nr. 1 sein. Ich glaube, da gibt es selbst bei toleranten Menschen wie mir Grenzen. Wenn man sich im Job beweisen soll, dann kann man nicht immer sagen: Sorry, ich muss jetzt wieder zum Yoga-Kurs. Am Anfang muss man richtig reinklotzen. Hinterher ist Platz für verschiedene Modelle. Da gibt es natürlich viele, die ihre Kraft aus der eigenen Familie ziehen. Und welche wie mich, die im Privatleben auch eher Abenteuer brauchen

Wo soll es in Ihrem Leben noch hingehen?

Ich möchte noch gern das eine oder andere Abenteuer bestehen. Geschäftlich wie privat. Privat würde ich gern noch ganz viel herumreisen und viel sehen von der Welt.

Und beruflich?

Ich fände es klasse, wenn wir eine von den Produktwelten, die sich da jetzt entwickeln, noch mal richtig erobern könnten. Zeigen, was wir können. Beim Webhosting haben wir es geschafft. Da sind wir die Nummer 1 auf der Welt. Das könnten wir doch noch in anderen Bereichen wiederholen. Das fände ich schon mal cool. Und dann gibt es da noch Osteuropa, Südamerika, Asien. Alle noch völlig unbearbeitete Märkte, in denen wir noch nie waren und wo noch diverse Abenteuer warten.

Die Fragen stellte Ulrike Heitze.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.03.2007