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Wie Wimbledon mein Wohnzimmer wurde

Bors Becker schreibt über sein Tennis-Leben. Etwas verstaubt ? das war sein erster Eindruck von Wimbledon.
HB DÜSSELDORF.Und ich erlebte Wimbledon, das später zu meinem zweiten Zuhause werden sollte, erst einmal von seiner einfachen Seite: Wir Jugendlichen durften natürlich nur auf die kleinsten Plätze. Die Umkleidekabinen für uns waren weit, weit weg unter Platz 2: ein paar Holzbänke, ein paar Schränke und zwei Duschen für 50 Mann ? das war?s. Kein Stil, kein Luxus, kein Komfort, wirklich das Einfachste vom Einfachen.Warum erzähle ich das? Weil Wimbledon mehrere Gesichter hat und ich das Glück hatte, alle Facetten dieses wunderbaren Turniers in kurzer Zeit zu erleben. Und weil alle Welt immer nur auf meinen Sieg vom 7.7.1985 schaut, vor fast auf den Tag genau 20 Jahren.

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Doch es war kein Sieg von null auf hundert. Und sosehr der Triumph eines 17-jährigen Burschen als Tenniswunder bezeichnet werden kann, so ist es doch nur die halbe Wahrheit. Denn dieser Sieg hat eine Vorgeschichte, die 1983 beginnt. Damals bin ich schon der beste deutsche Jugendspieler. Doch in der ersten Runde erwische ich gleich Stefan Edberg, die Nummer eins der Jugend-Weltrangliste. Edberg ist zwei Jahre älter und schickt mich glatt mit 6:4, 6:4 vom Platz.Für mich ist Wimbledon schon wieder vorbei. Und er gewinnt später das Turnier. Doch ich bin trotzdem stolz, überhaupt dabei gewesen zu sein, und nehme mir vor, wiederzukommen.Genau ein Jahr später komme ich wieder, diesmal trete ich schon bei den Herren an. Nun könnte man meinen, dass es bei den Herren etwas gesitteter zugeht und dass alles gut organisiert ist.Doch es wird erst einmal noch schlimmer: Ich muss in die Qualifikation, weil ich in der Weltrangliste irgendwo zwischen Platz 125 und Rang 300 geführt werde. Die Spiele werden auf einem großen, gemähten Rasenfeld ausgetragen. Am Abend vor den Spielen zieht der Rasenmeister die Linien, schon hat der Veranstalter aus der Wiese elf Tennisplätze gemacht.Die Plätze sind krumm, schief und uneben, die Bälle fliegen immer wieder auf die Nebenplätze, es ist chaotisch. Die Qualifikation findet in Roehampton statt, und die Umkleidekabinen sind noch schlimmer als bei der Jugend. Es gibt eigentlich keine richtigen Duschen. Heute ist das zwar alles ein wenig renoviert worden, aber man kann sich immer noch nicht vorstellen, dass dort künftige Wimbledonsieger spielen.Lesen Sie weiter auf Seite 2:In der dritten und letzten Runde der Qualifikationspiele ich mein erstes Spiel über drei Gewinnsätze. In der dritten und letzten Runde der Qualifikation ? die zwei Spiele vorher habe ich glatt gewonnen ? spiele ich mein erstes Spiel über drei Gewinnsätze. Ich habe richtig Bammel. Ich denke, das schaffst du als 16-Jähriger nie, das ist doch viel zu anstrengend. Die erfahrenen deutschen Spieler wie Michael Westphal versuchen, mich aufzubauen, aber es nützt nichts. Wahrscheinlich aus Angst vor einem langen Spiel gewinne ich glatt in drei Sätzen und bin als erster 16-Jähriger überhaupt im Hauptfeld von Wimbledon.Das ist mein erster großer Sieg auf Rasen, eine Riesenhürde, die ich genommen habe.Und das Schöne daran: Ich darf ins offizielle Spielerhotel umziehen, eine neue Welt nach Jugendturnier und Qualifikation. Vorher hatte ich ein Zimmer in einem Bed and Breakfast, wirklich unterstes Niveau, aber ich muss es ja auch selbst bezahlen, und Geld habe ich nicht im Überfluss. Das Spielerhotel ist das Gloucester Hotel ? für mich wie ein Sieben-Sterne-Hotel in Dubai.Mein erstes ?richtiges? Wimbledon läuft super. Vor dem Auftakt- Spiel bin ich zwar aufgeregt und nervös, gewinne dann aber glatt. In der zweiten Runde denke ich, ich habe das Turnier schon gewonnen, so gut geht es mir. Mit dieser Euphorie putze ich gleich auch noch den nächsten Gegner glatt in drei Sätzen.Und dann ist es Samstag, und es kommt Bill Scanlon, ein Top-Ten-Spieler. Ich schlage mich gut gegen Scanlon, habe ihn im Griff. Wenn ich gewinne, spiele ich anschließend gegen John McEnroe, mein großes Idol, auf dem Centre Court. Doch beim Stand von 2:6, 6:2, 6:7 und 2:1 für mich im vierten Satz, ich liege ein Break vorne, knicke ich um.Statt gegen McEnroe zu spielen, werde ich vom Platz getragen und bekomme einen Gips verpasst. Es tut höllisch weh.Meine Mutter sagt zu mir: ?Junge, da siehst du, was alles passieren kann als Tennisprofi. Geh? lieber wieder zurück auf die Schule.? Von der habe ich mich gerade zwei Jahre beurlauben lassen, Wimbledon 1984 ist mein erstes Turnier als Profi.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Und ich denke gar nicht daran, wieder die Schulbank zu drücken.Und ich denke gar nicht daran, wieder die Schulbank zu drücken, sondern gebe vom Hotelzimmer aus meine ersten Interviews. ?Ich komme wieder zurück, ihr werdet schon sehen?, sage ich. Das ist ganz schön mutig für einen 16-Jährigen.Ich komme zurück, ein Jahr später, 1985. Und auf Grund meiner Vorgeschichte wissen Tennis-Insider, dass der Becker einer ist, der vielleicht was werden kann. Ich habe mich in der Weltrangliste bis auf Platz 20 hochgearbeitet und gerade das Rasenturnier in Queens gewonnen. Mein Selbstvertrauen ist auf einem Allzeithoch. Ich denke, es muss erst mal einer kommen, der das besser macht als du. Es wäre allerdings gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich an den Sieg glaube.Auf dem Weg ins Finale vor zwanzig Jahren gibt es mehrere entscheidende Situationen für mich: In der dritten Runde gewinne ich eigentlich nur mit Glück in fünf Sätzen gegen Joakim Nyström.Da werde ich plötzlich sehr demütig, das knappe Match holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Knochen tun weh, Nyström hat mir einen Dämpfer verpasst.Im Achtelfinale gegen Tim Mayotte knicke ich mit dem gleichen Fuß wie im Vorjahr um und denke schon: ?Alles ist aus.? Ich schleppe mich sogar ans Netz, um Mayotte zum Sieg zu gratulieren, weil der Arzt nicht gleich kommt.Zum Glück steht Tim so weit vom Netz weg, dass ich ihm die Hand nicht reichen kann. Da kommt der Arzt Bill Norris doch noch. Am Ende ist Mayotte so aus dem Tritt, dass er kein Spiel mehr gewinnt.Danach ist mir klar, dass das nicht mit rechten Dingen zugeht. Im Viertelfinale schlage ich Henri Le-conte glatt in vier Sätzen, im Halbfinale Anders Jarryd nach einer Re-genpause wieder knapp.Lesen Sie weiter auf Seite 4:Und plötzlich bin ich im Finale gegen Kevin Curren.Und plötzlich bin ich im Finale gegen Kevin Curren. Das Turnier über habe ich kaum Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was da so alles mit mir passiert. Die englischen Zeitungen kann ich noch nicht so gut lesen, und die deutschen bekomme ich nicht, das verhindern Manager Ion Tiriac und Trainer Günter Bosch. Weil es viel geregnet hat und viele Spiele unterbrochen worden sind, habe ich bisher fast jeden Tag gespielt, und so bleibe ich cool ? bis 30 Minuten vor dem Finale.Ich bin zusammen mit Curren in der Kabine, und im Fernseher läuft die englische Vorberichterstat-tung, die ich mir leider anschaue.Wer ist denn der Becker? Wo kommt er her? Was passiert, wenn er gewinnt? Und so weiter. Ich verstehe zwar nicht alles, aber plötzlich wurde ich richtig nervös.Diese halbe Stunde zusammen mit Kevin in der Umkleidekabine ist mörderisch: alle zehn Minuten auf Toilette, im Kreis laufen, auf den Boden und an die Decke starren. Plötzlich weiß ich nicht mehr so richtig, was mit mir passiert, ich will nur noch raus auf den Platz, spielen.Ausgerechnet Kevin Curren selbst rettet mich, denn wir betreiben natürlich auch die berühmten Psychospielchen, also Blickkontakt in den Spiegeln suchen und solche Dinge. Und irgendwann merke ich: ?Der ist ja noch viel nervöser als du.?Kevin Curren ist so aufgeregt, dass er kaum gerade aus der Kabine gehen kann. Und so beginnt er auch das Spiel, das ?Aufschlagmonster? verliert gleich sein erstes Auf-schlagsspiel. Ich bin sofort im Match, meine Befürchtung, dass er mich genauso glatt vom Platz schießt wie zuvor McEnroe und Jimmy Connors, ist weggeblasen. Ich habe meine Sicherheit zurück.Als ich das Spiel 6:3, 7:6, 6:7 und 6:4 gewonnen habe, ist es plötzlich ganz still bei mir. Ich höre den ganzen Lärm der 16 000 Zuschauer nicht, ich schließe die Augen, recke die Arme in die Luft und fühle mich erlöst. Ich spüre wohl instinktiv, dass sich nun etwas in meinem Leben verändert.Lesen Sie weiter auf Seite 5:1986 verteidige ich meinen Titel.1986 verteidige ich meinen Titel und stehe insgesamt sieben Mal im Finale von Wimbledon. Hier begann mein Erfolg. Und wenn ich heute den Rasen auf dem Centre Court, mein Wohnzimmer, betrete, dann halte ich inne, habe Respekt vor der Anlage und dem Platz, spreche ein, zwei Gebete. Es ist für mich ein bisschen so, wie in die Kirche zu gehen.
VitaBoris Becker wurde am 22.11. 1967 als Sohn eines Architekten in Leimen bei Heidelberg geboren. Sein Vater war ein begeisterter Tennisspieler und brachte Becker zu dem Sport.Am 7. Juli 1985 gewann er erstmals Wimbledon, als jüngster Spieler überhaupt. In der Folge gewann er auch den Davis-Cup mit der deutschen Mannschaft. 1991 wurde er Nummer 1 der Weltrangliste, später Weltmeister.Becker hat drei Kinder von zwei verschiedenen Frauen und lebt in der Schweiz.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.07.2005