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Wie stark ist Jürgen Stark bei der EZB?

Von M. Kurm-Engels
Führende Volkswirte sehen in Bundesbankvizepräsident Jürgen Stark eine ausgezeichnete Wahl für die Nachfolge von Otmar Issing im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie fürchten aber, er könne zu wenig Einfluss bekommen.
FRANKFURT. Führende Volkswirte sehen in Bundesbankvizepräsident Jürgen Stark eine ausgezeichnete Wahl für die Nachfolge von Otmar Issing im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB). ?Das ist eine Besetzung im Sinne der Bürger Europas. Stark ist ein Notenbanker, der weiß, welche Bedeutung stabiles Geld hat?, sagt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt Deutschland von Barclays Capital, dem Handelsblatt.?Ich glaube, dass er eine stabilitätsorientierte Geldpolitik auch gegen politische Widerstände vertreten wird?, ergänzt Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank. ?Stark wird im EZB-Rat eine aktive Rolle spielen und sich auch durchsetzen können.? Skeptiker sehen das anders, auch wenn sie Stark für einen erfahrenen Taktiker halten.

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Die Koalitionsparteien hatten sich Anfang Dezember darauf verständigt, den EU-Finanzministern Stark als deutschen Kandidaten für die Issing-Nachfolge vorzuschlagen. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück dürfte ihn auf einer der nächsten Sitzungen des Ecofin-Rates offiziell präsentieren. Issing, seit Gründung der EZB ihr Chefvolkswirt, scheidet Ende Mai 2006 turnusmäßig aus.Bei aller Wertschätzung für Stark hat die Entscheidung auch Schattenseiten. ?Mit Stark kommt ein starker Zentralbanker in die EZB, gleichzeitig verliert die deutsche Seite aber an Einfluss, weil es unwahrscheinlich ist, dass die volkswirtschaftliche Abteilung an Stark geht?, erklärt Rolf Hasse, Währungsfachmann von der Universität Leipzig. Stark entspreche nicht dem Anforderungsprofil des Chefvolkswirts. Und Manfred J.M. Neumann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bonn, gibt zu bedenken, ?ob es nicht ein Fehler war, nicht zu versuchen, die Position des Chefvolkswirts wieder zu besetzen. Man hätte jemanden schicken können, an dem man als Volkswirt nicht vorbei kommt?.Nach Ansicht von Neumann hätte Deutschland mit Bundesbankpräsident Axel Weber einen befähigten Chefvolkswirt im Angebot gehabt. Andere meinen dagegen, auch Weber hätte keine Chance gehabt, Issing zu beerben. Er ist erst seit 2004 bei der Bundesbank und noch kein erfahrener Notenbanker. Von seinem Werdegang her wäre er eher für die Forschungsabteilung der EZB in Frage gekommen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Stabilitätsordnung noch nicht überzeugendIssing leitet seit seinem ersten Tag in der Euro-Bank die Generaldirektionen Volkswirtschaft und Forschung. Außerdem bereitet er die geldpolitischen Sitzungen des EZB-Rats vor. Während es in den Zuständigkeiten seiner Kollegen schon mehrfach Änderungen gegeben hat, wurde Issings Imperium nie angetastet, obwohl das Direktorium selbst über die Aufgabenverteilung entscheidet. Für Issing sprach, dass er den akzeptierten Wissenschaftler und den gestandenen Notenbanker in einer Person vereinte. Er konnte über 20 Jahre als Wirtschaftsprofessor nachweisen und hatte acht Jahre lang die volkswirtschaftliche Abteilung der Bundesbank geleitet.Dass die beim Chefvolkswirt konzentrierte Machtfülle EZB-Präsident Jean-Claude Trichet von Anfang an ein Dorn im Auge war, ist schon früh durchgesickert. Sie habe auch im EZB-Rat ?Unwohlsein hervorgerufen?, berichtet Mayer. Nach Ansicht von Polleit ?läuft die Gruppendynamik im Direktorium darauf hinaus, die Machtposition des Chefvolkswirts vom Thron zu zerren?, seine beiden Ressorts also nicht mehr in einer Hand zu lassen.Für Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, sind nach der Entscheidung für Stark zwei Dinge wichtig: dass es nach Issing überhaupt noch einen EZB-Chefvolkswirt gibt und dass der deutsche Vertreter im Direktorium eine Kernaufgabe übernimmt. ?Besonders in einer Zeit, in der die EZB unter starkem politischem Druck steht, ist die Stimme des Chefvolkswirts von Bedeutung. Er ist das Sprachrohr der Forschung, der Daten und Fakten?, sagt Krämer.Während Stark voraussichtlich nicht Chefvolkswirt wird, kommen für das Amt drei andere Direktoriumsmitglieder in Frage (s. ?Kandidaten für den EZB-Chefvolkswirt?).Roland Vaubel, Wirtschaftsprofessor in Mannheim, befürchtet allerdings, dass Trichet an einem neuen Chefvolkswirt im Direktorium überhaupt nicht interessiert ist. Er werde entweder die volkswirtschaftliche Abteilung direkt an sich berichten lassen oder den schwächsten Kandidaten unterstützen. Vaubel rechnet nicht mit Widerstand im Direktorium. Man habe sich bereits auf die Wünsche des Präsidenten eingestellt. Trichet würde damit seine Machtbasis erheblich vergrößern.Von seiner Stabilitätsorientierung hat der EZB-Chef noch längst nicht alle überzeugt. Starks Wirkungsmöglichkeit hänge neben der Aufgabenverteilung entscheidend davon ab, ob sich Trichet ?als Stabilitätsgarant herausstellt oder sich Schoßhündchen hält?, heißt es.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kandidaten für den EZB-Chefvolkswirt?Wenn Stark kein starkes Ressort bekommt, ist er doppelt isoliert?, meint Hasse. ?Erstens hat er materiell keine gewichtige Aufgabe, und zweitens hat er gegen eine mächtigere Trichet-Front anzukämpfen.? Allein das Portefeuille ?Internationale Beziehungen? genüge nicht, weil damit nicht genügend Kompetenzen verbunden seien. Dieses Ressort hat derzeit ohnehin Lorenzo Bini Smaghi, und der zeigt wenig Neigung, sich davon zu trennen.Vaubel geht sogar so weit zu vermuten, Trichet habe die Zinsen im Dezember um einen Viertel Prozentpunkt erhöht, ?weil er bei der deutschen Regierung Vertrauen gewinnen wollte, damit er die volkswirtschaftliche Abteilung bekommt?. Stark werde nur Einfluss nehmen können, wenn es eine konservative Mehrheit im EZB-Rat gebe. Issing habe aufgrund seines verbindlichen Naturells und seiner wissenschaftlichen Fundierung leichter über die Parteiengrenzen vermitteln können.Nicht auszuschließen ist, dass Stark als ?Neuling? von Bini Smaghi doch die Generaldirektion Verwaltung erhält. Sie beinhaltet den Neubau der Notenbank. EZB-Kreise bezeichnen es als ?absurd?, dass die Bundesregierung ? wie aus Berlin verlautete ? Einfluss nehmen wolle, um Stark die Betreuung dieses Projekts zu ersparen. Die EZB sei auch in ihren inneren Angelegenheiten völlig unabhängig.Papademos: EZB-Vize Lucas Papademos (58) hat Erfahrung als Chefvolkswirt der griechischen Notenbank. Davor lehrte er unter anderem an der Universität von Athen und der Columbia University in New York Wirtschaft. Jetzt ist er für Personal, Budget, Organisation, Finanzstabilität, Sekretariat und Sprachendienste zuständig.Bini Smaghi: Lorenzo Bini Smaghi (49) leitete im Europäischen Währungsinstitut, der EZB-Vorläuferin, die ?Policy Division?. In der Banca d?Italia war er in der Forschung tätig. In der EZB ist er zuständig für Rechtsdienste, internationale und europäische Beziehungen sowie Verwaltung einschließlich des Neubaus der EZB.Tumpel-Gugerell: Gertrude Tumpel-Gugerell (53) war für die Abteilung Volkswirtschaft und Kapitalmärkte in der Österreichischen Nationalbank zuständig. Dort sammelte sie auch Erfahrung in der Zentralbanktechnik. Heute zeichnet sie verantwortlich für Zahlungsverkehrssysteme, Marktinfrastrukturen und Finanzmarktoperationen.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.12.2005