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Wie Manager sich Gehör verschaffen

Mark C. Schneider und Katrin Terpitz
Menschen mit einer wohltönenden Stimme werden bei Einstellung und Beförderung bevorzugt. Wer fachlich noch so exzellent ist, aber nuschelt, piepst oder die Zähne nicht auseinander bekommt, hat oft das Nachsehen. Was fehlt, ist die Autorität aus dem Zwerchfell. Stimmbildung kann für überraschend mehr Präsenz und Überzeugungskraft sorgen.
Stimmtrainierin Petra Ziegler hilft Managern, den Eigenton zu finden. Foto: dpa
KÖLN/BONN. Plötzlich blieb ihr die Stimme weg. ?Nach einer Rede vor großem Publikum hatte ich sechs Wochen eine totale Stimmbandblockade?, erinnert sich Heike Müller-Simon. ?Ein traumatisches Erlebnis.? Denn als Europachefin Personal im Mischkonzern Honeywell muss sie den ganzen Tag in Gesprächen überzeugen.?Die Stimme ist meine Waffe?, weiß die Managerin nur zu gut ? allerdings in diesem Fall eine recht stumpfe. Wollte doch ihre Stimme so gar nicht zu der dynamischen Frau passen: Sie klang gepresst und heiser. ?Ich merkte förmlich, wie die Gesprächspartner dicht machten, egal wie gut meine Argumente waren. Und umso angespannter wurde ich natürlich?, erzählt Müller-Simon.

Die besten Jobs von allen

Viele fachlich hoch kompetente Menschen haben Schwierigkeiten, sich im Job Gehör zu verschaffen. Im täglichen Managermehrkampf aus Sitzung, Präsentation, Videokonferenz, Kundentelefonat und Mitarbeitergespräch entscheidet längst nicht immer, was gesagt wird, sondern wie es rüberkommt. ?Ein voller Klang bindet die Zuhörer, verschafft Sympathie und Autorität?, weiß Stimmcoach und Sängerin Anna Martini aus Köln.Fakt ist: Die Stimme ist in den vergangenen zehn Jahren immer wichtiger für den beruflichen Erfolg geworden. Dies bestätigen 65 Prozent von 200 Führungskräften, Personalchefs und Personalberatern, die die Karmasin Motivforschung aus Österreich befragte. Neun von zehn Entscheidern geben zu, dass sie Bewerber mit guter Stimme und Sprechweise bei Einstellung oder Beförderung vorziehen. Allerdings attestieren sie nur vier von zehn Führungskräften in Deutschland und Österreich Stimmsicherheit.Thomas Westerhausen, Stimmtrainer und ausgebildeter Schauspieler, kennt die typischen Fehler: ?Frauen sprechen oft zu hoch, damit sie gut gelaunt klingen. Dabei verkrampfen sich unter Anspannung ohnehin die Stimmbänder und klingen höher. Sprechen jedoch Frauen in der Vorstandssitzung schrill und piepsig, vermitteln sie eins auf keinen Fall: Kompetenz und Autorität.? Viele Männer dagegen reden zu tief, im Irrglauben, so besonders vertrauenserweckend zu klingen. Das ?John-Wayne-Syndrom? beobachtete Westerhausen etwa an Altkanzler Helmut Kohl.Doch wie trifft man den richtigen Ton? ?Das A und O ist, den persönlichen Eigenton zu finden ? nur dann ist die Stimme resonant?, betont Katja Dyckhoff, die seit Jahren zusammen mit Westerhausen die Stimmbänder deutscher Führungskräfte trainiert. Zu den Kunden ihrer Power Research Seminare mit Sitz in Bonn gehören viele Konzerne wie die Deutsche Post.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Sie Ihren Eigenton findenAuch Personalchefin Müller-Simon fand dort professionelle Hilfe ? und erstmals ihren Eigenton. Mit einem bejahenden ?Mmm-mmh? stimmt sie sich vor dem Sprechen immer wieder auf diesen ein. ?Das tiefere Mmmh, das ist der Eigenton?, erklärt Dyckhoff. Gleichzeitig sollen sich die Stimmeleven vorstellen, einen Tennisball im Rachen zu haben ? nur das schafft genug Resonanzraum.Denn die meisten Menschen kriegen buchstäblich die Zähne nicht auseinander. Gerade stressbelastete Manager verkrampfen beim Sprechen. ?So mancher muss nachts eine Beißschiene tragen, weil er so stark mit den Zähnen knirscht?, weiß Dyckhoff. ?Anders als in südlichen Ländern bekommen wir schon als Kind eingeimpft, bloß nicht den Mund zu weit aufzumachen?. Ein bis zwei Finger ? je nach Vokal ? sollten beim Sprechen aber schon zwischen die Zähne passen.Hinzu kommt: Der moderne Büromensch sitzt überwiegend und hat die natürliche Tiefenatmung verlernt. Aber nur eine bewusste Bauchatmung aus dem Zwerchfell gibt der Stimme die nötige Stütze. Das übt jeder Hobbysänger im Kirchenchor. Jedoch: ?Singen und Sprechen sind zwei Paar Schuh?, betont Dyckhoff. Die Sängerin eines renommierten Rundfunkchors kann dies nur bestätigen, sonst hätte sie kaum ein solches Seminar belegt.Stimme transportiert mehr als nur Sprache. Westerhausen: ?Viele Deutsche haben im Bemühen um Kontrolle ihre Sprache regungslos gemacht.? Gerade Geschäftsleute setzen beim Sprechen ein maskenhaftes Gesicht auf. Lesen Vorstände ein exzellentes Jahresergebnis monoton und mit starrer Mimik ab, dürfte das den Aktienkurs kaum befördern. Denn Stimme vermittelt sekundäre Emotion. ?Vor allem Finanzchefs neigen zu solchen Leichenreden?, beobachtet Dyckhoff. Hier hilft der alte Verkäufertrick, beim Sprechen zu lächeln. Denn dadurch spannt sich das Gaumensegel, die Stimme klingt nicht mehr so dumpf und damit sympathischer.Das wirkt selbst am Telefon. So trainierte Stimmexpertin Martini jüngst zwei gestandene Bauleiter, die lange erfolgreich auf Großbaustellen das Wort geführt haben. Nun sollten sie plötzlich am Telefon Kunden gewinnen. Ihr Chef hatte sie geschickt, denn er wusste: Die Stimme ist die Visitenkarte des Unternehmens.Auch bei Personalmanagerin Heike Müller-Simon zeigt das Training Wirkung. Ihre Stimme hat sich seitdem total verändert, was allen im Unternehmen sofort auffiel. Klar, wohlklingend und überzeugend berichtet sie: ?Ich bin überrascht, wie nachhaltig solche Atem- und Tonübungen wirken ? fast wie auf Knopfdruck. Ich muss nur meinen Eigenton finden.? Nie hätte sie gedacht, wie viel glaubwürdiger sie allein durch eine bessere Stimme rüberkommt. ?Das hilft mir enorm im Job.?Ihren eigenen Stimmkurs hatte Müller-Simon noch privat gebucht. Bald aber schickt sie einen Mitarbeiter zum Stimmtraining. ?Auf Firmenkosten natürlich?, sagt sie mit dem Brustton der Überzeugung.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.04.2008