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Wie Mackie Messer

Von Helmut Steuer
Immer wenn Michael Treschow auftaucht, geht es hart zur Sache. Ab Mai will er bei Unilever aufräumen: Der Konzern wächst langsamer als der große Konkurrent Nestlé. Mit Treschow holt sich der holländisch-britische Riese erstmals in seiner Geschichte einen Aufsichtsratsvorsitzenden von außerhalb. ?Man kann sagen, bislang hab ich Kühlschränke verkauft, jetzt verkaufe ich das, was drin ist.?
?Man kann sagen, bislang hab ich Kühlschränke verkauft, jetzt verkaufe ich das, was drin ist.? Michael Treschow ist ein Freund klarer und einfacher Worte. Ab Mai übernimmt der 63-jährige Schwede, der lange Konzernchef des Haushaltgeräte-Konzerns Electrolux war, den Aufsichtsratsvorsitz eines der größten Lebensmittel-Konglomerate der Welt: Unilever. Er ist der erste Aufsichtsratsvorsitzende von außerhalb.Dieser ungewöhnliche Schritt hat auch mit dem Ruf Treschows zu tun: ?Mein ganzes Leben lang hab ich in der Kostensenkungsbranche gearbeitet?, sagte Treschow mal dem Handelsblatt ? wie immer ganz ruhig, ohne zynischen Unterton, er meint, was er sagt.

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Ja, der Mann mit den aristokratischen Zügen, dem freundlichen, aber stets durchdringenden Blick ist in seinem Heimatland als ?Mike the knife? bekannt, in Anlehnung an Mackie Messer. Zu dieser zweifelhaften Ehre kam Treschow, weil er immer da, wo er an den Schalthebeln der Macht saß, als beinharter Sanierer auftrat.Unilever ist zwar kein Problemfall. Doch der Riese mit Marken wie Knorr, Langnese, Lätta, Du darfst, Bifi, Lipton, Rama, Pfanni und Omo wächst nicht mehr so schnell wie etwa der härteste Mitbewerber Nestlé. Deshalb hat Unilever allein in Europa über 80 Fabriken geschlossen und die Zahl der Marken auf ein Viertel reduziert.Fit für die GlobalisierungNun soll Treschow dabei helfen, den Konzern weiter fit zu machen für die Globalisierung. Auf seiner Agenda dürfte auch die komplizierte Struktur mit zwei Konzernsitzen in Rotterdam und London stehen, sowie die doppelte Notierung der Aktie zu vereinfachen.Solche Aufräumarbeiten liegen ihm, auch wenn der feine Zwirn, in dem Treschow immer auftritt, manchmal über seine Erfahrungen mit Rotstift und Messern hinwegtäuschen mag.Seine Karriere beginnt der Ingenieur 1970 beim schwedischen Werkzeughersteller Bahco. Nur fünf Jahre später wechselt er zu Atlas Copco, wo er dann 1991 Konzernchef wird. Schon in dieser Zeit zeigt Treschow den Hauptaktionären, der schwedischen Industriellenfamilie Wallenberg, dass Kostensenkungen zu seinem Spezialgebiet gehören. In Schweden überrascht es deshalb kaum jemanden, als er innerhalb des Wallenberg-Imperiums 1997 die operative Leitung des größten Haushaltgeräteherstellers der Welt, Electrolux, übernimmt.In den folgenden fünf Jahren müssen 45 000 Mitarbeiter den Konzern verlassen. ?Es ist immer sehr, sehr wichtig, deutlich gegenüber seinen Mitarbeitern zu sein?, sagt er damals. Es ist diese Deutlichkeit, die ihm in Schweden den Beinamen ?Mike the Knife? einbringt.Er selbst hat sich gegen dieses Klischee immer wieder gewehrt. ?Wir dürfen nie vergessen, dass es bei den Einschnitten um Individuen geht?, merkt er einmal in einem Gespräch mit dem Handelsblatt an. Er sei sich bewusst, dass der Verlust des Arbeitsplatzes für jeden Einzelnen eine Tragödie sei. Doch den Ruf des messerscharfen Kalkulierers wird er nicht mehr los.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Treschow greift hart durch: Bei Ericsson halbiert er die Mitarbeiterzahl Wohl auch deshalb holt ihn die mächtige Wallenberg-Familie nach der Electrolux-Zeit als Sanierer zu ihrem Flaggschiff Ericsson. Bei dem einstigen Vorzeigekonzern für Telekommunikationstechnik greift der manchmal fast diabolisch lächelnde Treschow hart durch und halbiert die weltweite Mitarbeiterzahl auf nur noch knapp 60 000 innerhalb weniger Jahre.Nein, von Lebensmitteln habe er nicht viel Ahnung, gibt Treschow zu, um dann aber postwendend hinzuzufügen, dass er sich jetzt einarbeiten wird. Das kommt Marktbeobachtern bekannt vor: Als der Nachfahre eines norwegisch-schwedischen Adelsgeschlechts seinerzeit den Aufsichtsrat bei Ericsson übernimmt, runzeln nicht wenige die Stirn, weil er ? wie er selbst zugibt ? wenig Ahnung hat von der komplizierten Telekommunikationsbranche. Es dauert nur ein paar Monate, und Treschow kann GSM von UMTS unterscheiden. Vielleicht haben ihm dabei auch seine Kinder geholfen, die, wie die schwedische Presse süffisant immer wieder kolportiert, lieber mit Handys des größten Konkurrenten telefonieren.Schwierigkeiten mit der BodenhaftungDer Mann, der in der Freizeit gerne jagt, wird nach Meinung von Experten sehr schnell Waschmittel von Gewürzmischungen unterscheiden können. Größere Schwierigkeiten bereitet ihm die Bodenhaftung: Vor drei Wochen geriet er als Vorsitzender des schwedischen Industrieverbandes in die Schlagzeilen. Der Aufsichtsratsprofi, der weiter das Gremium von Ericsson und bis Frühjahr noch das von Electrolux leitet, zählt zu den Großverdienern im Land. Da kommt es im egalitären Schweden alles andere als gut, als er sich kurz vor den Tarifverhandlungen bitter beklagt, dass Top-Manager zu wenig verdienen. Die Gewerkschaften werfen ihm ?maßlose Gier? vor, denn Treschow hat sich selbst bei Ericsson noch schnell eine Gehaltserhöhung von 25 Prozent genehmigt.Aber auch aus seinem Direktionszirkel klingt Kritik: Man könne nicht Zurückhaltung von den Arbeitnehmern fordern, wenn man selbst im Selbstbedienungsladen kräftig zulangt, tönen mehrere Unternehmenschefs.Und was bekommt er nun für seinen neuen Job bei Unilever? 520 000 Euro wie sein Vorgänger Antony Burgmans? ?Das weiß ich noch nicht?, sagt Treschow. Bis Mai dürfte sich diese Frage klären lassen. Dann tritt er seinen neuen Posten an.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.01.2007