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Wie eine Ente im Wasser

Von C. Rabe, K. Engelen, Handelsblatt
Vielen Europäern, egal ob Notenbankern oder Finanzministern, war er gelegentlich unheimlich. Sie wussten, damals als Vize-Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) agierte er oft mit heruntergeklapptem Visier ? und oft im Interesse der Amerikaner. Nun wird Stanley Fischer Notenbankchef in Israel.
DÜSSELDORF. Und das in der ihm typischen Art: Leise spricht er, gibt sich bescheiden und drängt sich nicht in den Vordergrund. Doch was er druckreif formuliert, hat stets Hand und Fuß. Sein diplomatisches Auftreten hilft ihm, seine oft harten Positionen bei der Durchsetzung mächtiger Interessen zu kaschieren.Immer war er ein enger Freund Israels, ein überzeugter Zionist, wie die ?Jerusalem Post? anmerkt. Dass er nun, gegen Ende seiner Karriere, auf dem Chefsessel der israelischen Notenbank landet, ist insofern sogar schlüssig, selbst wenn etliche Beobachter nicht auf ihn als Nachfolger David Kleins gesetzt haben. Premierminister Ariel Scharon sieht in der Verständigung auf Fischer jedenfalls eine ?goldene Gelegenheit? für Israels Wirtschaft, die nach jahrelanger Auszehrung durch den Nahostkonflikt dringend neue Impulse benötigt.

Die besten Jobs von allen

Fischer ist nicht der Erste aus der ehemaligen Führungsriege des IWF, der den Gouverneursjob in Israel übernimmt. Ähnlichkeiten mit einem anderen prominenten Ökonomen und IWF-Granden, Jacob Frenkel, der sich in den 90er-Jahren überreden ließ, den Posten des IWF-Chefökonomen mit dem Spitzenamt in der Notenbank zu tauschen, sind nicht zu übersehen.Als aktives Mitglied der weltumspannenden jüdischen Gemeinde machte Fischer aus seinem Interesse am Wohlergehen Israels nie einen Hehl. Die Beschäftigung mit dem Land zieht sich wie ein roter Faden durch die Vita des perfekt Hebräisch sprechenden derzeitigen Vizepräsidenten der US-Großbank Citigroup. Schon als Student an der Londoner School of Economics (LSE) zog es ihn in das Gelobte Land, als Gastprofessor lehrte er 1972 dort und beriet im Gefolge von US-Außenminister George Shultz Mitte der 80er die israelische Regierung beim Kampf gegen die Hyperinflation.Für Israel und seine Überzeugungen verzichtet Fischer nun sogar auf sein Spitzengehalt: In Israel erhält er monatlich nur 56 000 Schekel (rund 9 500 Euro), ein Bruchteil seines Salärs bei der Citigroup. Dass Fischer für den Top-Job in der Notenbank in Frage kam, hat er nicht nur der Affinität zu Land und Leuten zu verdanken, sondern seiner Reputation als international versierter Volkswirt.Das Rüstzeug für seine Karriere erwarb sich der 1943 in Sambia geborene Fischer nicht nur an der LSE, sondern vor allem am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort lernte er, Abschied von seiner Jugendvorstellung zu nehmen, wonach ?England das Zentrum des Universums? sei. Die Wissenschaftler Paul A. Samuelson und Robert Solow gaben den Ausschlag für das MIT, wo er im Alter von 26 Jahren promovierte.Auf einer Zwischenetappe bei Milton Friedman an der Universität von Chicago lernte er Rudi Dornbusch kennen. Gemeinsam verfassten sie später das Standardwerk ?Macroeconomics?. Fischer zog es indes an seine Alma Mater MIT zurück. 22 Jahre lang lehrte er dort und fungierte auch als Dekan.Doch den Wissenschaftler zog es zunehmend an die Schalthebel der politischen Macht. ?Als Dekan für eine Universität ist man wie ein Hydrant für einen Hund?, begründete Fischer im vergangenen Jahr seinen Wechsel. Nach einigen Jahren als Chefökonom bei der Weltbank und einem Intermezzo als Wissenschaftler landete Fischer 1994 beim IWF. ?Dort fühlte ich mich wie die Ente im Wasser?, sagte Fischer. ?Ich wusste genau, was ich hier bewegen kann.? Unter dem Managing Director Michel Camdessus, der mit Themen wie der Armutsbekämpfung neue entwicklungspolitische Akzente setzte, hielt Fischer die Fäden der IWF-Geschäftspolitik in der Hand.In die Geschichte des Währungsfonds und des globalen Krisenmanagements geht Fischer ein als Mann, der in zahlreichen Krisen, angefangen von Mexiko über Russland bis zur Asienkrise von 1997/98, die bis dahin größten Stützungspakete schnürte. Dies tat er im engen Schulterschluss mit US-Finanzminister Larry Summers. Die umstrittenen Riesenpakete für Thailand, Südkorea, Indonesien, die Fischer als Ausweg aus der Krise durchsetzte, haben viele Wall-Street-Firmen vor dem Schlimmsten bewahrt, ihm aber auch die Kritik eingebracht, zu sorglos mit Steuergeldern der Geber umzugehen.Fischer war viele Jahre der eigentliche ?Macher? im Fonds. Er setzte die Prioritäten für das IWF-Forschungsprogramm, er verbreiterte die Kooperationsbasis mit den Akteuren des privaten Sektors, er gab vor allem den USA das Gefühl, stets ihre Interessen im Auge zu haben. Dass im Ringen um die Camdessus-Nachfolge vor allem viele Entwicklungs- und Schwellenländer Fischer als Gegenkandidaten zum Deutschen Caio Koch-Weser unterstützten, kam nicht überraschend. Schließlich hatte Fischer bewiesen, dass er die mächtigste Finanzinstitution mit diplomatischem Geschick und klaren Zielen führen kann.Dass er nicht lange unter dem neuen IWF-Chef Horst Köhler blieb und 2002 zur Wall Street wechselte, war ebenfalls vorhersehbar. Weil Köhler ein ?Macher? sein wollte, blieb für einen zweiten ?Macher? in der Fondsspitze kein Raum.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.01.2005