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Wie ein Bulldozer

Von Jens Koenen
Techem-Chef Horst Enzelmüller lässt sich ungern von anderen etwas sagen. Nun hofft er, dass ein Finanzinvestor beim Energiedienstleister einsteigt.
Horst Enzelmüller, Vorstandsvorsitzender der Techem AG. Foto: dpa
FRANKFURT. Den Mann aus der Ruhe zu bringen, das scheint schier unmöglich zu sein. Groß, kräftig, wie ein Fels in der Brandung sitzt Horst Enzelmüller da. Ob das nicht nervig sei bei Techem mit den sich blockierenden Hedge-Fonds und dem Finanzinvestor Macquarie, wird er gefragt. Enzelmüller grinst über beide Backen, rührt seinen Kaffee weiter. ?Wir müssen damit leben?, sagt er und ergänzt: ?Aber klar, es muss was passieren.?Nun, es passiert etwas beim Energiedienstleister. Die australische Bank Macquarie, ein auf Infrastrukturprojekte spezialisierter Finanzinvestor, wagt einen zweiten Anlauf. 58 Euro bietet er den Aktionären. Und Enzelmüller nickt zustimmend. ?Das Angebot ist unter den geprüften Alternativen der beste Weg, die Unsicherheit zu beseitigen?, glaubt er.

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Die 58 Euro sind ein stolzer Preis. Sie sind nicht nur deutlich mehr als die gut 49 Euro, die das Techem-Papier Ende vergangener Woche kostete. Es ist auch mehr als die knapp unter 50 Euro, auf die Analysten den Unternehmenswert pro Techem-Aktie taxieren. Noch wichtiger: Macquarie rückt Techem damit in die Nähe der Bewertung für den Rivalen Ista, der im Frühjahr an den Finanzinvestor Charterhouse ging. 2,4 Milliarden Euro zahlte er damals, übertragen auf Techem wäre das ein Kurs etwas jenseits von 60 Euro pro Aktie.Dennoch, so richtig leicht dürfte Enzelmüller das Lob für das Übernahmeangebot nicht über die Lippen gekommen sein. Der gebürtige Österreicher hat nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Finanzinvestoren gemacht. Als Macquarie im Oktober vergangenen Jahres ihren ersten Übernahmeversuch unternahmen, war sein Kommentar deutlich. ?Ich will nicht gerade sagen, das geht nur über meine Leiche. Aber widerstandslos hinnehmen würde ich das nicht?, sagte er den Journalisten der ?Börsen-Zeitung?.Doch er musste erfahren: Es geht noch schlimmer. Denn dann stiegen Hedge-Fonds bei Techem ein und verhinderten grundsätzlich einen Verkauf. Seitdem steckt Enzelmüller im Dilemma. Die Pattsituation zwischen den beiden Anteilseignern blockiert die Geschäfte. ?Das bindet jede Menge Managementkapazität?, verrät ein Insider. Gerade die langfristigen Entscheidungen würden verhindert, nicht zuletzt von den eher am kurzfristigen Erfolg interessierten Hedge-Fonds.Für den hemdsärmeligen Enzelmüller ist das ein Graus. Der lässt sich nur ungern von anderen sagen, wohin er marschieren soll. Sieben Jahre führte er die deutsche Tochter des britischen Telekomunternehmens Colt. Doch weil er mit der strategischen Führung von Konzernchef Steve Akins nicht mehr einverstanden war, trat er kurzentschlossen ab. Akins war einfach stärker. Ansonsten ist aufgeben nicht gerade Enzelmüllers Ding. Der studierte Nachrichtentechniker ist ein Kämpfer. Das zeigte sich kurz nach seinem Start bei Techem vor knapp fünf Jahren: Gnadenlos kappte er Hierarchiestufen und kündigte Beraterverträge. Nicht wenige Mitarbeiter und Manager verließen entnervt das Unternehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zur Höchstform läuft Enzelmüller erst dann auf, wenn Streit in der Luft liegt?Sein Führungsstil ist direkt, manche würden wohl eher sagen grob und teilweise verletzend, beschreibt ein Techem-Mitarbeiter seinen Chef. Intern wird er auch der Bulldozer genannt. Doch der Techem-Mitarbeiter fügt hinzu: ?So sehr Enzelmüller austeilt, er kann auch einstecken. Er kann mit Kritik gut umgehen, hat nichts gegen Widerspruch.? Charakterzüge, die auf den ersten Blick nur schwer zu orten sind. Nett, liebenswürdig und zuvorkommend empfängt Enzelmüller seine Gäste. Und wer sich in seine Vita vertieft, findet den Geigenspieler. Seit seinem sechsten Lebensjahr hat es ihm das Streichinstrument angetan. Bergsteigen ist die andere Leidenschaft. Die Einsamkeit hilft ihm, den derzeit reichlichen Konfliktstoff zu verarbeiten.Und doch: Richtig zur Höchstform läuft Enzelmüller erst dann auf, wenn Streit in der Luft liegt. Etwa als Hans-Ludwig Grüschow, seinerzeit Aufsichtsratschef von Techem und eine Art graue Eminenz beim Energie-Dienstleister, sich zunehmend in das operative Geschäft einmischte. Enzelmüller ließ nicht locker, hielt dagegen. Am Ende räumte der Chefkontrolleur seinen Posten, Enzelmüller konnte bleiben.Solche Fähigkeiten kann er nun gut gebrauchen. Zwar stehen die Chancen nicht so schlecht, das Macquarie dieses Mal durchkommt. Viele Analysten sehen das jedenfalls so. Auch die bisherigen Alternativangebote bestätigen das. Sage und schreibe 27 potenzielle Käufer wurden nach Angaben aus Finanzkreisen durch das Unternehmen geschleust. ?Kein Angebot war am Ende mit dem jetzigen von Macquarie konkurrenzfähig?, berichtet ein Banker.Dennoch ist es nicht sicher, ob die Übernahme wirklich funktioniert. Es sei zäh, vor allem mit den Hedge-Fonds, berichten Finanzberater. Vor einer Erfolgsprognose schrecken sie nach der Enttäuschung beim ersten Versuch diesmal zurück.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.10.2007