Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Wie der Primat so der Magnat

Die Fragen Stellten Liane Borghardt und Martin Roos
Der US-Verhaltensforscher und Autor Richard Conniff erforscht, wie tierische Verhaltensmuster unser Berufsleben bestimmen. Wer glaubt, das sei alles nur Affentheater, irrt. Nach Macht und Einfluss streben Menschen und Schimpansen gleichermaßen.
Hello Mister Conniff, gibt es so etwas wie ein Führungs-Gen?
Nein, das gibt es nicht. Aber Macht beeinflusst uns. Wenn Menschen Macht bekommen, verändert sich im Gehirn der Grad des biochemischen Stoffs Serotonin. Wir werden entspannter und selbstbewusster

Macht macht also gesund?
Zumindest zufriedener. Alpha-Tiere sind stärker auf Belohnung fokussiert, zum Beispiel höhere Gehälter. Menschen, die keine Macht haben, konzentrieren sich mehr auf die Dinge, die schief laufen könnten

Die besten Jobs von allen


Gibt es Tierarten, die Hierarchien nach Mustern wie Menschen im Büro regeln?
Klar, Schimpansen. Die Weibchen bilden Koalitionen, um die Macht des Alpha-Männchens zu kontrollieren. Wenn sie das Alpha-Männchen nicht unterstützen, wird es nicht lange Chef bleiben. Wissen Sie, warum sich Schimpansen die ganze Zeit das Fell zerzausen?

Um sich zu putzen?
Nein. Auf diese Weise bauen sie soziale Beziehungen auf und bilden Allianzen. Wir rupfen zwar nicht an uns herum, aber wir haben Klatsch und Tratsch genau zu diesem Zweck entwickelt. 70 Prozent der Bürounterhaltung geht um harmloses Zeug wie Klamotten oder das Wetter. Aber das ist nützlich, um Beziehungen aufzubauen.

Und über den Chef zu reden.
Ja. So ziehen wir moralische Bilanz über den Boss. Wenn sie über längere Zeit hinweg negativ ausfällt, setzen wir ihn ab.

Oder auch nicht ...
Es ist ein Mythos zu glauben, dass der Chef die ganze Show leitet. Viele Dinge entstehen aus der Gruppe Kollegen, Kunden heraus und nicht aus dem Diktat des Chefs. Derjenige, der in der Führungsposition ist, kann allenfalls Rahmenbedingungen schaffen.

Welche Physiognomie wirkt am meisten, um Chef zu werden?
Attraktive Menschen scheinen schneller Karriere zu machen als hässliche. Tatsächlich assoziieren wir bestimmte Gesichtsformen mit bestimmten Fähigkeiten. Studien haben gezeigt, dass es Menschen mit länglichen, dünnen und reifen Gesichtern häufiger auf Managementpositionen schaffen als andere. Frauen mit strengem Look wird eher eine Führungsrolle zugetraut als Frauen mit weiblichem Styling, also langen offenen Haare, Make-up, Schmuck.

In der Primatenfamilie ist es Ziel des Stärksten, am meisten von allen Sex zu haben. Mit welcher Motivation streben Manager an die Spitze?
Menschen möchten aus denselben Gründen Macht haben wie Schimpansen. Prestige, besseres Essen, besseres Haus, mehr Sex. Die ursprünglichen Motive wirken immer noch.

Fragt man deutsche Topmanager, sind deren Motive Führungsverantwortung oder Entscheidungsvollmacht. Aber kein Sex.
Tja, da gibt es viele Gründe, warum man nicht darüber spricht. Aber ich glaube, in keinem Unternehmen muss man allzu tief hinter die Kulissen schauen, um die Ur-Motive zu finden

Ist jedes Alpha-Tier auch zum Chef befähigt?
Selbst bei Menschenaffen ist der Boss nicht immer der stärkste. Oft ist es eher der intelligenteste oder der, der besonders geschickt darin ist, Allianzen zu knüpfen. Ein cleverer Boss hält engen Kontakt mit einem Untergebenen, zum Beispiel einem persönlichen Assistenten. Es ist wichtig, jemanden zu haben, der einem sagt: Du benimmst dich gerade wie ein Idiot.

In der Tierwelt haben die Alpha-Rolle meist die Männchen. Und bei den Menschen?
Wir sind extrem flexibel. Dass meist Männer die Chefs sind, ist bloß schlechte Gewohnheit.

Warum achten wir überhaupt darauf, wer das Rennen um die Chefposition macht?
Dass wir uns für Hierarchien interessieren, ist uns einprogrammiert. Wenn zwei Leute ein Büro betreten, fühlen wir sofort, wer wo rangiert. Wir interessieren uns fast immer nur für die Leute über uns. Deshalb gibt es auch so viele Celebrity-Geschichten über CEOs. Hierarchie ist auch gut für uns, weil sie Konflikte verhindert: Wenn bei Schimpansen die Hierarchie unsicher ist, tragen sie fünf Mal mehr Kämpfe aus. Bei uns ist das genauso. Hierarchie macht uns produktiver. Wenn wir unsere Grenzen kennen, fügen wir uns besser und erledigen unsere Arbeit.

Welches Tier wären Sie?
Wäre? Ich bin ein Tier - ein netter Primat. Und darüber bin ich glücklich

Der amerikanische Zoologe Richard Conniff studierte Biologie in Yale und verbrachte längere Zeit in Afrika. Für seine Tierstudien wurde er mehrfach ausgezeichnet. Sein neues Buch "Was für ein Affentheater. Wie tierische Verhaltensmuster unseren Büroalltag bestimmen" erscheint im August im Campus-Verlag (19,90 Euro).

Dieser Artikel ist erschienen am 09.08.2006