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Wie der Mistral

Von Martin-W. Buchenau
Klaus Schmidt stand lange im Schatten seines Vorgängers. Jetzt hat der 48-Jährige freie Hand und wandelt das Prüfunternehmen Dekra zum internationalen Dienstleistungskonzern um. Schmidt lässt zum gepflegten Essen schon mal den heimischen Weißwein links liegen und empfiehlt seinen Gästen einen Sancerre. ?Der ist leichter als ein Pouilly-Fumé?. Der gebürtige Schwabe mit dem typisch deutschen Namen schiebt die Erklärung gleich nach. ?Passt doch zum Thema Expansion in Frankreich.?
STUTTGART. Klaus Schmidt lässt zum gepflegten Essen schon mal den heimischen Weißwein links liegen und empfiehlt seinen Gästen einen Sancerre. ?Der ist leichter als ein Pouilly-Fumé?. Der gebürtige Schwabe mit dem typisch deutschen Namen schiebt die Erklärung gleich nach. ?Passt doch zum Thema Expansion in Frankreich.?Denn der Dekra-Chef kennt sich nicht nur kulinarisch im Nachbarland bestens aus. Der schlanke 48-Jährige spricht die Sprache perfekt und ist mit einer Französin verheiratet, die er beim Studium in den USA kennen lernte. Schmidt hat die Dekra durch Übernahmen auch in Frankreich zu einer der führenden Adressen für Prüfdienstleistungen geformt.

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Das ist ein wichtiger Schritt, um den größten Konkurrenten der deutschen Technischen Überwachungsvereine (Tüv) immer mehr zu einem internationalen Konzern für Prüfaufgaben und Personaldienstleistungen auszubauen. Schon heute liegt die Dekra mit einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro beim Umsatz vor dem größten Überwachungsverein Tüv-Süd. Bis zum Jahr 2010 will Schmidt den Umsatz auf rund zwei Milliarden Euro erhöhen und den Auslandsanteil auf 40 Prozent verdoppeln und noch mehr Dienstleistungen jenseits der KFZ-Prüfungen anbieten.Schmidt sorgt für ordentlich Wirbel in dem früher etwas betulichen Unternehmen. Das war nicht immer so. Als etwas unterkühlt und zurückhaltend wirkender Finanzchef stand er lange im Schatten von Vorstandschef Gerhard Zeidler. Aber dann löste er vor drei Jahren Zeidler an der Spitze ab. Freier aufspielen kann Schmidt aber erst seit Anfang dieses Jahres, als sein allgegenwärtiger Vorgänger auch den Chefposten beim Dekra e.V. nach zehn Jahren an Schmidt übergab.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine ungewöhnliche DoppelfunktionBei der Dekra gibt es eine ungewöhnliche Doppelfunktion. Die AG mit dem gesamten operativen Geschäft gehört zu 100 Prozent dem Verein. Nun ist Zeidler zwar noch Präsident des Präsidialrates des Vereins Dekra und damit noch nicht ganz draußen. Aber der Einfluss des 70-Jährigen wird kleiner.Zeidler stand immer im Rampenlicht. Gemeinsam mit Schmidt kam er von Alcatel SEL zur Dekra. Und Schmidt brauchte schon ungewöhnliche Steherqualitäten bei seinem eigenwilligen Chef. Der hatte doch zwei Mal versucht, einen potenziellen Nachfolger von außen zu holen und Schmidt vor die Nase zu setzen. Doch Schmidt bewies nicht nur Ausdauer bei seinen geliebten Joggingeinheiten nach Dienstschluss, sondern auch im Job.Noch heute ist er loyal und verliert kein schlechtes Wort über seinen Vorgänger. Dass er sich am Ziel seiner Anstrengungen fühlt und dadurch befreiter wirkt als früher, kann er aber nicht ganz verbergen.Im Hintergrund war er schon länger die treibende Kraft, den Konzern internationaler aufzustellen. Nach seinem Wechsel zur Dekra Mitte 1996 übernahm er zusätzlich zu seinen Aufgaben als Finanzvorstand die direkte Verantwortung für das damals defizitäre Frankreich-Geschäft. Er räumte kräftig auf und kaufte geschickt zu. Heute ist Dekra France hochrentabel und das bedeutendste Auslandsengagement. Die Hälfte der ehemals staatlichen französischen Lastwagen-Prüfstellen gehören inzwischen zur Dekra. Mit der Übernahme des drittgrößten französischen Prüfdienstleisters Norisko im Jahr 2005 gelang ihm gleichzeitig der Einstieg ins Prüfgeschäft bei Industrieanlagen. Ein Drittel der insgesamt 12 000 Beschäftigten des Dekra-Konzerns arbeiten in Frankreich.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vorliebe für Frankreich schon seit SchulzeitSchmidt hatte nach eigenen Angaben schon seit seiner Schulzeit eine Vorliebe für Frankreich. Bereits im Alcatel-Konzern konnte er seine Französischkenntnisse für die Karriere nutzen. Bei der Dekra sind sie nun Teil der Firmenphilosophie.?Wenn wir eine Sitzung der Führungskräfte in Frankreich haben, dann wird selbstverständlich Französisch gesprochen?, betont Schmidt. ?Die Sprache ist in Frankreich der Schlüssel.? Es gebe da sehr feine Unterschiede. Bei Norisko spreche er immer nur von ?Rapprochement?, was sinngemäß eine Annäherung beschreibt und nicht so dominant wirkt wie die deutschen Begriffe Übernahme oder Akquisition. Aber er machte noch einen weiteren Schachzug: Den Franzosen übertrug er im Konzern die Verantwortung für das gesamte Industriegeschäft, das er mit dem Kauf des französischen Konzerns Norisko übernommen hatte.Beispiele, dass es in deutsch-französischen Firmen auch mächtig knirschen kann, gibt es genug. Seien es nun die Dauerquerelen und Führungskrisen bei der Airbus-Muttergesellschaft EADS oder auch vor Jahren bei der Übernahme von SEL durch Alcatel. Aber Schmidt hält sich bei der Beurteilung anderer Firmen zurück, zumal er ja bei SEL und Alcatel zehn Jahre lang wirkte. Da sammelte er auch seine Erfahrungen im Ausland.Seinen internationalen Geist hat er auf die doch sehr deutschlastige Dekra übertragen und baut sie immer mehr zum internationalen Dienstleister aus. Sei es nun durch den Kauf des Zeitarbeit-Marktführers in Kroatien, durch Unternehmen in Ungarn, Serbien, der Slowakei und in Mazedonien. Dekra hat heute Niederlassungen in 23 Ländern Europas sowie in den USA, Brasilien und Südafrika. Mit rund 21 Millionen Fahrzeugprüfungen ist der Konzern Marktführer in Europa. 2005 war das beste Jahr in der Firmengeschichte mit einem Ergebnisplus von 71 Prozent auf 41 Millionen Euro. In diesem Jahr ist der Umsatz wie im Vorjahr wieder zweistellig gewachsen. ?Auch beim Gewinn werden wir noch deutlicher zulegen?, sagt Schmidt. Allerdings, so merken Experten in der Branche an, müsse der Dekra-Chef die kreditfinanzierten Übernahmen im Ausland erst einmal verkraften.Lesen Sie weiter auf Seite 4: ?Nun weht ein ganz anderer Wind?Klaus Schmidt hat also noch viel vor. Auf den Fluren der Dekra-Zentrale in Vaihingen bei Stuttgart sieht zwar noch alles aus wie in den Jahren unter der Führung seines Vorgängers Gerhard Zeidler. Aber ?da weht jetzt ein ganz anderer Wind, und der tut der Dekra gut?, sagt ein Kenner des Unternehmens. Bei dem neuen Wind handelt es sich wohl um eine Art Mistral. So nennen die Franzosen den kühlen Wind, der durch Frankreich ans Mittelmeer zieht und für einen klaren Himmel sorgt.
Vita von Klaus Schmidt1958: Er wird am 29. Juni in Sindelfingen geboren. Er macht später seinen Abschluss in BWL an der Technischen Universität Stuttgart, den Wirtschaftsabschluss (MBA) in Oregon/USA und absolviert das Advanced Management Programme an der Insead in Frankreich.1984: Er startet bei der SEL AG und steigt vom Assistenten im Vorstandsbereich der Sparte Nachrichtentechnik nach der Übernahme durch Alcatel bis zum Geschäftsführer der Alcatel Air Navigation Systems GmbH auf.1996: Er wechselt als Finanzchef in den Dekra-Vorstand.2003: Er wird im Dezember Vorstandschef des Prüfkonzerns Dekra.2006: Seit Januar ist er zusätzlich Vorstandsvorsitzender der Dekra e.V.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.08.2006