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Wie breit darf's sein?

Burkhard Rauhut, 63, ist Rektor der RWTH Aachen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).
Wenn wir eine Steigerung in der Breite erreichen, können wir dann auf Spitzen- oder Eliteuniversitäten verzichten? Die Beantwortung der Frage "Breite oder Spitze" kann nicht darauf hinauslaufen, in der Breite Mittel einzusparen, um damit Spitze zu fördern. Aus dem Sport ist das Dilemma bekannt und wird nach einem schlechten Abschneiden deutscher Sportler bei internationalen Wettkämpfen immer wieder heftig diskutiert: Welche Förderung soll der Breitensport erfahren, wie ist der Spitzensport zu fördern?
Aus dem Sport ist das Dilemma bekannt und wird nach einem schlechten Abschneiden deutscher Sportler bei internationalen Wettkämpfen immer wieder heftig diskutiert: Welche Förderung soll der Breitensport erfahren, wie ist der Spitzensport zu fördern? Obwohl solche Vergleiche immer hinken - eine gewisse Ähnlichkeit der Sportdebatte mit der seit einem Jahr andauernden Elitediskussion im deutschen Hochschulsystem ist nicht von der Hand zu weisen. Wie viel Breite muss es sein und wie viel Spitze soll hinzukommen? Wie breit darf's sein?

Zunächst einmal ist festzuhalten: Wir haben eine bemerkenswerte Breite in der deutschen Universitätslandschaft, bezogen auf die Qualität derjenigen, die ihr Examen erfolgreich abschließen. Das ist keine Schönrederei. Wir haben zwar insgesamt zu wenige, die das Examen abschließen, im Vergleich zu denjenigen, die ein Studium aufnehmen. Die erfolgreichen Absolventen aber sind auch erfolgreich auf der internationalen Bühne, etwa an den amerikanischen Spitzenuniversitäten

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Dies bedeutet nicht, dass wir uns damit zufrieden geben können. Nur die Besseren überstehen nämlich das deutsche Universitätssystem. Die etwas Schwächeren scheitern nicht zuletzt an den völlig unzureichenden Betreuungsverhältnissen in vielen Fächern. Wir haben also Bedarf, in der Breite besser zu werden, in dem Sinne, dass nicht nur ein größerer Anteil eines jeden Jahrgangs ein Hochschulstudium aufnimmt, sondern es auch erfolgreich beendet

Die Frage bleibt aber: Wenn wir diese Steigerung in der Breite erreichen, können wir dann auf Spitzen- oder Eliteuniversitäten - wie immer man sie auch nennen mag - verzichten? Ich meine, dass die Antwort nur uneingeschränkt "Nein" lauten kann. Ebenso, wie der Sport Spitzenkräfte zur Motivation für den Breitensport benötigt, damit genügend Begabte den entsprechenden Sport überhaupt aufnehmen, benötigt die deutsche Hochschullandschaft Universitäten mit Spitzenleistungen, um entsprechend Begabte aus Deutschland, vor allem aber auch aus dem internationalen Raum, anzuziehen

Im Ausland stehen schon die Namen der Bildungseinrichtungen für ihre Qualität. Wohl kaum jemand, der weltweit exzellente Bildung sucht, wäre hinter dem heimischen Schreibtisch hervorzulocken und bereit, ein Studium etwa in Boston/USA aufzunehmen, wenn dort mit einer "dichten" Hochschullandschaft geworben würde. Die Spitzenleistungen und der daraus resultierende Ruf von Harvard oder dem MIT bilden jene Leuchttürme, an denen sich die internationalen Studierenden orientieren

In der nun schon unerträglich lang andauernden Debatte um die spezielle Förderung einzelner Universitäten ist von vielen Seiten - nicht zuletzt vom CHE - das Argument gebracht worden, nicht einzelne Universitäten, sondern vielmehr einzelne Fächer, Fakultäten oder fachbezogene Netzwerke sollten gefördert werden. Es gebe keine Universität, die überall Spitze ist. Gerade am Beispiel der Harvard University lässt sich jedoch festmachen, wie wenig stichhaltig dieses Argument ist. So wird Harvard nahezu weltweit uneingeschränkt als eine der Eliteuniversitäten angesehen, obwohl von Spitzenleistungen zum Beispiel in der vollen Breite der Ingenieurwissenschaften wahrlich nicht die Rede sein kann

Die heftige Debatte um die Förderung einzelner Universitäten mit dem Ziel, ihre Spitzenposition auszubauen, ist nicht zuletzt eine Folge der Bildungsfinanzierung in unserem föderalen System. Hegt doch jede Landesmutter und jeder Landesvater von Natur aus Bedenken, einer derartigen Förderung zuzustimmen, wenn das eigene Land dabei möglicherweise leer ausgeht. Andererseits liefern gerade die Finanzierungsprobleme vieler Forschungsgebiete überzeugende Argumente dafür, nicht alles überall zu machen, sondern Mittel konzentriert ausgewählten Universitäten bereitzustellen. Durch diese gezielt geförderten Spitzenleistungen vor allem im natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich ließe sich die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit systematisch sichern und ausbauen

In diesem Zusammenhang ist es zudem wenig sinnvoll, im Bildungs- und Forschungsbereich von einem Wettbewerb der Länder untereinander auszugehen. Gerade auch von politischer Seite wird immer wieder betont, dass die deutschen Universitäten sich vor allem auch im internationalen Wettbewerb behaupten müssen.

Die Beantwortung der Frage "Breite oder Spitze" kann daher nicht darauf hinauslaufen, in der Breite Mittel einzusparen, um damit Spitze zu fördern. Vielmehr sollte die zunehmend notwendige Förderung in die Breite der deutschen Universitätslandschaft einhergehen mit einer deutlicheren Benennung derjenigen Universitäten, die sich im internationalen Wettbewerb längst erfolgreich positioniert haben

Dieser Artikel ist erschienen am 23.03.2005