Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Wie angegossen

Ulrike Heitze
Maßgeschneiderte Hemden und Anzüge galten lange als Privileg der oberen Zehntausend. Jetzt entdecken junge Leute diesen Luxus für sich - zu Preisen, die Stangenware ganz schön blass aussehen lassen. Das Problem sind seine Arme. "Die sind einfach zu lang", stellt Uwe Volkmer aus Lüdenscheid lakonisch fest. Das machte den Hemdenkauf für den Banker, in dessen Job Anzug und Krawatte Pflicht sind, immer zu einer kostspieligen Angelegenheit.
Das Problem sind seine Arme. "Die sind einfach zu lang", stellt Uwe Volkmer aus Lüdenscheid lakonisch fest. Das machte den Hemdenkauf für den Banker, in dessen Job Anzug und Krawatte Pflicht sind, immer zu einer kostspieligen Angelegenheit: 100 Euro für ein Oberhemd in Sondergröße waren schnell mal weg. Mittlerweile aber ist der 33-Jährige aus dem Schneider: Er lässt seine Hemden fertigen und spart dabei: "Für 60, 70 Euro bekomme ich dann ein Teil exakt nach meinen Maßen und meinen Vorstellungen." Mit seinem Faible für maßgeschneiderte Outfits liegt Uwe Volkmer voll im Trend - zwar nicht bei der breiten, H&M-liebenden Masse, dafür aber bei all den jungen Berufstätigen, die hochwertig und gut gekleidet im Job auftreten müssen

Lust aufs Unikat

Die besten Jobs von allen


"Die Leute suchen mehr Individualität und wollen sie auch in ihrer Kleidung wiederfinden", erklärt Jürgen Müller vom Branchenmagazin TextilWirtschaft die neue Leidenschaft. Und der Hang zum Unikat wird erfreulicherweise immer erschwinglicher. Wo es früher nur den sündhaft teuren klassischen Maßschneider gab, erlauben neue Techniken dank Computer und Internet die Fertigung von Anzügen, Hemden oder Kostümen, die preislich locker mit guter Markenware von der Stange mithalten können. Für 200 oder 300 Euro lässt sich ein Nadelstreifenanzug von Joop oder Boss erstehen - oder ein auf den Leib geschnittener vom Schneider. In der Qualität und vor allem in der Modellauswahl ist letzterer der Stangenware meist überlegen: "Wenn ich in der Stadt einkaufen gehe, muss ich nach passenden Hemden mit Umschlagmanschetten und Kragenstäbchen viel länger suchen", berichtet Tim Schaumburg, der als Senior Consultant für MLP arbeitet. "Die Auswahl hier in Kassel ist nicht gerade üppig." Wie Banker Volkmer ist auch der 40-Jährige dazu übergegangen, seine Hemden schneidern zu lassen, und genießt es seitdem, an Wochenenden in aller Ruhe in Stoffen, Farben und Schnitten zu schwelgen, statt samstags in der Fußgängerzone von Pontius zu Pilatus zu laufen. Schaumburgs Maße sind bei einem Schneider in Bayern hinterlegt, regelmäßig kommt ein Stilbuch mit Stoffproben per Post, bestellt wird bequem übers Internet. 70 bis 120 Euro pro Hemd zahlt der Berater je nach Stoffqualität, nicht mehr, als ein gutes Business-Hemd von René Lezard oder von Van Laak kosten würde - nur eben individuell angepasst

Komplizierte Kurven

Frauen haben es noch etwas schwerer. Während die Herren der Schöpfung bereits unter zahlreichen Anbietern für ihre Hemden, Jacketts und Anzüge wählen können, traut sich die neue Maßfertigung an die Damenwelt noch zögerlich heran. "Die weibliche Anatomie ist nicht so einfach umzusetzen", weiß Andre Wachtendonk, Chef der Müller Maßhemden-Manufaktur. "Zwischen Oberweite, Taille und Po zwickt es schneller." So legt sein Haus für die weibliche Kundschaft beim ersten Vermessen einer Hemdbluse lieber selbst Hand an, als es der Kundin in Eigenregie zu überlassen, oder lässt sich ein gut passendes Musterteil schicken.
Bei Frauen wie Männern konzentriert sich die angebotene Schnitt- und Stoffpalette auf klassische, zeitlose Modelle: Ein- oder Zweireiher in Nadelstreifen, Fischgrät oder Karo, aus edlem Kaschmir, Leinen oder einfacher Baumwolle, mit und ohne Taschen, Seitenschlitze und Manschetten. Business-Anzüge und -kostüme für Jobs, in denen es eher gediegen als schrill zugeht, laufen bei den Maßherstellern am besten

Vorsicht vor Billigheimern

Wer es richtig günstig haben will, greift auf Anbieter zurück, die die Kundenmaße nach Thailand oder China mailen und dort schneidern lassen. 29 Euro für ein Hemd oder 99 Euro für einen kompletten Anzug sind sogar von H&M kaum mehr zu unterbieten. Verlockende Angebote, die auch Tim Schaumburg schon getestet hat - einmal und nicht wieder: "Mit meinen übrigen Hemden konnte die Ware nicht mithalten. Es hat nicht 100-prozentig gesessen, das Material war weniger fein", berichtet er. Auch Uwe Volkmer war von seinem ersten und wohl auch letzten 40-Euro-Maßhemd enttäuscht. "Stoff und Passform waren schon okay, aber der Kragen zum Beispiel war nicht so hochwertig gearbeitet. Da investiere ich lieber 20 oder 30 Euro mehr für etwas Besseres." Nicht nur wegen der zweifelhaften Qualität schimpft Dirk Wolfes, Chef-Designer beim Luxus-Modelabel Toni Gard, auf die Super-Billigheimer: "Wenn ich ein Maßhemd für solch einen Preis bekomme, muss ich wissen, dass der Familienvater in Thailand, der das Teil genäht hat, einen Hungerlohn dafür kriegt. Das ist ein Spargedanke, der für mich überhaupt nicht zum Luxus ?Maßbekleidung' passen will", schimpft er. Sein Designer-Herz hängt an der traditionellen Maßschneiderei. Hier wird der Schnitt für einen Kunden ohne Vorlage individuell nach seinen Maßen gefertigt, während bei der Maßkonfektion von einem vorgegebenen Schnitt ausgegangen wird, den man den Kundendaten anpasst.
Obwohl beide Verfahren sich individuell am Kunden orientieren, sieht der Toni-Gard-Designer Unterschiede: "Kein Körper ist symmetrisch. Eine Schulter hängt immer mehr als die andere. Maßschneiderei kann so etwas ausgleichen, Die Maßkonfektion berücksichtigt das nicht." Darüber hinaus ist auch die Verarbeitung luxuriöser: Statt eingebügelter Fließeinlage gibt's mit der Hand aufgebrachtes Rosshaar im Jackenfutter.
Wolfes' Plädoyer für die High-Class-Maßschneiderei hat allerdings seinen Preis - mindestens 500 Euro kostet hier ein Anzug, die Grenzen nach oben sind offen. Vielen Kunden ist das dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Gerade bei Anzügen greifen sie deshalb mittlerweile zur Maßkonfektion; Hemden hingegen werden auch von günstigen Anbietern direkt auf den Leib geschneidert

Tuchfühlung zahlt sich aus

Um die nötigen Maße zu erheben, die Kleidungsstücke zusammenzustellen und zu ordern, haben sich mittlerweile drei Geschäftsvarianten herausgebildet: via Internet, über ein Ladenlokal oder als Heim-Service. Bei der in der Regel günstigsten Online-Bestellung vermisst sich der Kunde nach bestimmten Leitlinien des Herstellers selber und bestückt seinen Anzug mit Taschen, Kragen, Rückenfalten und Knöpfen rein virtuell - ohne Beratung und ohne die Stoffe probegefühlt zu haben.
Schon das Ausmessen in Eigenregie halten Fachleute für heikel: "Man muss wissen, an welchen Stellen man exakt messen muss oder wo zugeben erlaubt ist", stellt beispielsweise Thomas Rasch vom Interessenverband German Fashion fest. Selbst Maß nehmen ist ein Glücksspiel, findet auch Fachredakteur Jürgen Müller: "Es ist schon etwas anderes, wenn ein Profi das macht. Wenn am Ärmel zwei Zentimeter fehlen, dann nützt einem auch der tollste Maßanzug nichts." Tim Schaumburg und Uwe Volkmer haben sich von Frau und Mutter ausmessen lassen - mit bisher gutem Erfolg. Dennoch empfiehlt es sich, einige Grundregeln zu beachten, damit die Aktion Eigenvermessung nicht zum Desaster gerät.
Für weniger Risikofreudige gibt es aber auch Alternativen, die nicht zwangsläufig teurer sind: Maßkonfektionär-Ketten, die mit ihren Filialen in vielen Großstädten angesiedelt sind, lassen ihre Kunden im Laden durch Fachleute vermessen und beraten bei Komposition und Stoffauswahl. Vielbeschäftigte können sich den Schneider auch gleich nach Hause oder ins Büro bestellen. Dieser rückt dann mit Musterbuch und Stoffproben an und liefert das gute Stück nach ein paar Wochen fix und fertig an der Haustür ab.
Das A und O für jeden guten Anzug ist, die Materialien via Musterbuch oder Stoffballen anzusehen und anzufühlen. Wer mehrere hundert Euro hinblättert und das gute Stück nur anhand von pixeligen Internet-Bildchen zusammenstellt, spielt immer Vabanque. Denn viel mehr, als dass ein Stoff irgendwie grüngrau gemustert ist, ist dort kaum zu erkennen. Da könnte Mann fast schon eher zu Woolworth gehen. Und genau dorthin will er ja gerade nicht

Perfekt
Maß nehmen
> Versuchen Sie nie, das Maßband selber anzulegen. Lassen Sie sich von jemandem helfen, der sich mit Zuschnitten auskennt. Ist keiner bei der Hand, heuern Sie einen Änderungsschneider aus der Nachbarschaft für kleines Geld an, um die Daten auszumessen.
> Messen Sie stets einheitlich, sprich: alle Maße eng oder alle leger. Viele Hersteller erfragen in ihren Formularen die angewandte Messtechnik.
> Wer mehrere Schneider nutzt, sollte sich bei allen neu ausmessen lassen. Jeder Anbieter hat seinen eigenen Schnittstil.
> Sind die Daten aufgenommen und hinterlegt, bieten viele Maßschneider und -konfektionäre Online-Bestellmöglichkeiten. Checken Sie vor jeder neuen Order, ob die alten Maße noch stimmen und ob Winterspeck oder Frühjahrsdiät die Silhouette verändert hat.
> Für den Fall, dass es schief geht: Achten Sie darauf, wie der Schneider in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen mit nicht passenden Kleidungsstücken umgeht. Die Palette reicht von kostenloser Korrektur und Neufertigung bis zum Ausschluss jeder Kulanz.

Günstige Klassiker
So geht's: Im Gegensatz zur Maßkonfektion, die mit Standardvorlagen arbeitet, fertigt der Maßschneider einen komplett individuellen Schnitt an.Vorteile: Beste Passform und Verarbeitungsqualität. Oft hochwertigere Materialien. Große Haltbarkeit.
Nachteile: Jeder Wald- und Wiesenschneider darf sich Maßschneider nennen, Meister- oder zumindest Gesellenbrief sind daher sinnvoll. Um die Qualität des Anbieters zu testen: Muster zeigen lassen. Speziell bei Anzügen oft mehrere Anproben.
Ausgewählte Anbieter:
Müller Maßhemden: Zwei Läden in Bayern, "Maßtage" bundesweit in Hotels. Herrenhemden auch online erhältlich, kostenloser Korrekturservice der ersten Order. Musterbuch bestellbar. Hemden/Blusen ab 60 bis 170 Euro.
www.muellermasshemden.de
Harper & Fields: Schneider kommt zum Maßnehmen und Ausmessen nach Hause. Nur Herrenkonfektion. Hemden ab 99 Euro, Anzüge ab 549 Euro.
www.harperfields.de

Home-Service
So geht's: Berater kommt nach Hause oder ins Büro, vermisst, berät und liefert.
Vorteile: Vermessung durch Fachleute. Stoffe und Muster lassen sich an Ort und Stelle ansehen und fühlen. Nachteile: Kein Shopping-Erlebnis.
Ausgewählte Anbieter:
Ziami: Franchise-System. Demnächst auch Online-Bestellung möglich. Hemden 29,90 Euro (Festpreis), Anzug 99 Euro (Festpreis). www.ziami.de
Ambasso: Franchise-System.
Hemden/Blusen ab 39,90 Euro, Anzüge ab 249,90 Euro.
www.ambasso.de

Internet-Lösung
So geht's: Kunde übernimmt Ausmessen und Zusammenstellen. Bestelldaten gehen online an den Hersteller, das fertige Produkt kommt per Post.
Vorteile: Oft günstigste Variante.
Bestellung zügig und ohne Aufwand.
Nachteile: Stoffe und Muster müssen übers Internet beurteilt werden (häufig Stoffbücher zur Unterstützung). Eigenvermessung kann schief gehen. Keine Beratung, kein Shopping-Erlebnis.
Ausgewählte Anbieter:
Designyoursuit: Nur Anzüge. Stoffauswahl ausschließlich übers Internet. Keine Rücknahme misslungener Teile. Anzüge ab 189 Euro plus diverser Steuern.
www.designyoursuit.de
Walbusch, Mode nach Maß:
Nur für Herren. Anleitung zum Maßnehmen. Musterbuch erhältlich. Gratis-Korrektur. Anzüge ab 495, Hemden ab 59,90 Euro. www.walbusch.de
Maile:
Nur Herrenkonfektion. Eigenvermessung mittels Anprobierpaket (10 Euro). Stoffmuster bestellbar. Reklamationen Verhandlungssache. Anzüge ab 480 Euro, Hemden ab 120 Euro.
www.maile.de

Shop-Variante
So geht's: Maß genommen, ausgesucht und bestellt wird in den Filialen der Maßkonfektionäre.
Vorteile: Vermessung und Beratung durch einen Fachmann. Stoffe, Muster und Farben ansehbar und fühlbar. Einkaufs-Feeling. Nachteile: Oft keine bundesweiten Filialen. Kunde muss Zeit und Weg in Kauf nehmen.
Ausgewählte Anbieter: Cove: Vier Filialen, in Westfalen auch Home-Service. Einzelpreise auf Anfrage. Paketangebote: Zwei Anzüge/Kostüme plus zwei Hemden/Blusen ab 998 Euro.
www.cove.de
Kuhn Maßkonfektion: 13 Filialen, Anzug oder Kostüm 199 bis 699 Euro. www.kuhn-kleidung.de
C&A: In 21 Großstädten. Nur Herrenanzüge. Maße zum Teil via Bodyscan, Anzug ab 318 Euro.
www.cunda.de, unter "Mode/Kollektion/Maßkonfektion"
Dolzer: Zehn Filialen, Hemden/Blusen auch Online-Bestellung. Anzüge/ Kostüme ab 149 Euro, Luxus-Segment ab 330 Euro, Hemden/Blusen 50 bis 65 Euro.
www.dolzer.de
Dieser Artikel ist erschienen am 09.10.2006