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Widerständler, Premier, Banker

Von Reinhold Vetter, Handelsblatt
Wie der Ex-Politiker Jan Krzysztof Bielecki Polens größte private Geschäftsbank auf Wettbewerb trimmen will.
WARSCHAU. Es gab Zeiten, in denen Jan Krzysztof Bielecki als Kleinunternehmer mit einem Lastwagen durch Danzig fuhr und Holz transportierte. Das war während des Kriegsrechts in Polen 1981/82. Er war als Assistent an der Universität entlassen worden, weil er mit der demokratischen Opposition und der freien Gewerkschaft ?Solidarität? zusammenarbeitete. Abends ging er zu konspirativen Treffen, um über die marktwirtschaftliche Erneuerung Polens zu diskutieren.Heute kann der eher kleine, untersetzte Mann zeigen, ob er die Theorie in die Praxis umsetzen kann. Seit Anfang Oktober ist Bielecki Chef der polnischen Bank Pekao SA, der größten privaten Geschäftsbank Mittel- und Osteuropas, wenn man Russland nicht mitrechnet. Er arbeitet in der Warschauer City in einem großräumigen Büro, das mit seinen modernen, swarzen Möbeln keinen Vergleich mit den Vorstandszimmern westlicher Banker zu scheuen braucht.

Die besten Jobs von allen

In den Westen geht auch der Blick Bieleckis. Er soll die Privatbank auf den Wettbewerb nach dem EU-Beitritt Polens im Mai kommenden Jahres vorbereiten, eine Mammutaufgabe. Er muss das weit verzweigte Filial- und Niederlassungsnetz ausdünnen, die Zahl der Mitarbeiter deutlich verringern, Geschäftsabläufe beschleunigen sowie den Anteil von Sparten wie Hypotheken, Leasing und Asset-Management am Geschäft deutlich erhöhen.Diese Kraftanstrengung werde er schaffen, meint zumindest einer seiner wichtigen Mitarbeiter. Und er liefert gleich die Eigenschaften hinterher, die Bielecki für diesen Job auszeichnen. ?Er ist umgänglich und kollegial, bei Bedarf aber auch hart, fordernd und ungeduldig.?In den gut zwanzig Jahren zwischen seiner Arbeit als Fuhrunternehmer und dem Einstieg bei der Bank sammelte Bielecki vor allem reichlich Erfahrung in der polnischen Politik. So unterschrieb er als Premier im Juni 1991 mit Helmut Kohl im Bonner Kanzleramt den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag. Aber auch im Finanzgeschäft kennt er sich als langjähriger Direktor der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London aus. Er habe dort ?die praktische Zusammenarbeit auf europäischer Ebene gelernt?, erzählt er begeistert in seinem Büro. Kenner der Szene in Warschau versichern, er bereite sich schon darauf vor, in absehbarer Zeit einen Job bei der EU-Kommission in Brüssel zu übernehmen.Bielecki ist zwar überzeugter Anhänger der EU, aber ebenso Anwalt seines Landes. Als Mann aus Danzig ärgert er sich darüber, dass die dortigen Werften international nicht mithalten können. ?Das Problem liegt darin, dass es vor allem die deutschen Werften immer wieder schaffen, mit Billigung der EU-Kommission an staatliche Hilfen zu kommen.? Er scheut sich auch nicht, selbst in der Hauptstadt Warschau bei Werbeveranstaltungen für Danzig aufzutreten, wo er sich im Business-Club engagiert.Als Bankchef und Ex-Politiker setzt Bielecki besonders auf die Jugend. Fast gerät er ins Schwärmen, wenn er darauf hinweist, dass in Polen die Bürger im Alter zwischen 25 und 35 Jahren die stärkste Gruppe der Bevölkerung ausmachen. ?Wir haben vier bis fünf Millionen junge Menschen mit einer sehr guten Ausbildung. Darin liegt ein großes Potenzial?, ist er überzeugt. So war es für ihn selbstverständlich, seine Kinder in einem weltoffenen Geist zu erziehen und ihnen die bestmögliche Erziehung zukommen zu lassen. Seine Tochter studiert in London, wo er selbst viele Freunde hat.Er selbst wirkt trotz seiner 52 Jahre und der silbergrauen Haare fast noch jugendlich. Ihm fehlt die spröde Distanz, die Banker oft an den Tag legen, auch wenn er wie sie den bewährten Nadelstreifenanzug trägt. Er hat auch keine Probleme damit, Fußballspiele für Zeitungen und Radiosender zu kommentieren wie etwa bei der letzten Weltmeisterschaft. Andererseits legt er sich bei Gesprächen oft den Habitus eines Wirtschaftsprofessors zu, der immer präzise Zahlen im Kopf hat und bei Bedarf schnell Skizzen oder sogar Diagramme aufs Papier malt.So bleibt es nicht aus, dass Bielecki als Vortragsredner und Diskussionsteilnehmer gefragt ist. Selbst im Nato-Hauptquartier ist er schon aufgetreten. Aber als die Redaktion der neuen Bild-Zeitung des Springer-Verlags in Polen namens ?Fakt? ihn fragte, ob er nicht regelmäßig für sie Kurzkommentare schreiben wolle, lehnt er ab. ?Wir brauchen nicht mehr Boulevardzeitungen und Sensationen in Polen, sondern mehr präzise wirtschaftliche und politische Informationen?, schimpft er. Bielecki ist überzeugter Liberaler. Wiederholt hat er sich für weniger Staat ausgesprochen und gefordert, das Steuersystem in Polen zu vereinfachen.Aber mitunter klingt bei ihm Wehmut an, wenn er sich an die Zeiten vor zehn oder zwanzig Jahren erinnert. Als 1980 die Gewerkschaft ?Solidarität? gegründet wurde und als 1989/90 die ersten marktwirtschaftlichen Reformen auf den Weg gebracht worden seien, habe ein anderer Geist geherrscht. ?Damals haben die Menschen die Reformen trotz der damit verbundenen Härten mit mehr Optimismus aufgenommen?, findet er und blickt aus dem Fenster in die Ferne.?Heute gibt es viel Pessimismus und Angst vor der Zukunft?, analysiert er. Woran liegt es? ?Auch an dem weit verbreiteten Egoismus, der fälschlich als Charakterzug des Kapitalismus verstanden wird.?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.11.2003