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Wider das Herrenbewusstsein

Von Thomas Ludwig
Ratiopharm-Chef Philipp Daniel Merckle macht sich derzeit auf seiner ?World in Balance?-Tour zu Schiff für eine bessere Welt stark. Gemeinsam mit dem Polarforscher Arved Fuchs versucht er die Menschen für Klimawandel und Umweltzerstörung zu sensibilisieren. Auch im eigenen Unternehmen hat er alle Hände voll zu tun.
Philipp Daniel Merckle eröffnet zusammen mit Kindern am 30.09.2005 bei ratiopharm in Ulm einen Betriebskindergarten. Foto: dpa
KÖLN. Besser hätten die Organisatoren den Ort kaum auswählen können ? auf dem Schiff ?Rheinenergie? hat bereits Papst Benedikt XVI. seine Botschaft unters Volk gebracht: Das war beim Weltjugendtag in Köln, Zehntausende säumten jubelnd den Rhein. Nun also Philipp Daniel Merckle, Chef des Pharma-Unternehmens Ratiopharm, evangelischen Glaubens seines Zeichens ? sie sind halt tolerant, die Rheinländer.?Wir können nicht alles der Politik überlassen. Ich möchte als Unternehmer Zeichen der Verantwortung setzen. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir Zukunft gestalten können. Und dazu möchte ich sie ermuntern.? Mit solchen Sätzen, denen nur schwer zu widersprechen ist, will der Abkömmling der schwäbischen Unternehmerdynastie Merckle in der vierten Generation die Menschen an diesem Abend für sich gewinnen. Es ist der Auftakt zur ?Aufbruch-Tour?, mit der Merckle für seine Stiftung ?World in Balance? bundesweit Unterstützung sucht.

Die besten Jobs von allen

In sieben Städten macht er in diesen Tagen Station. Immer auf einem Schiff. Gemeinsam mit dem Polarforscher Arved Fuchs, der die Gäste für Klimawandel und Umweltzerstörung zu sensibilisieren sucht. Am Dienstagabend ist auch Gesine Schwan mit an Bord, die einstige SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten. ?Naiv?, sagt sie, könne man ?Dr. Merckle? ruhig nennen, im wohlmeinenden Sinn ? und sie bemüht das Bibelwort: ?Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht das Himmelreich sehen.? Soll heißen: ohne Träume keine Veränderung zum Guten. Die Pharmabranche sieht das skeptischer. Dort erscheint Merckle so manchem als Traumtänzer.Tatsächlich holte ihn die Realität im Sommer 2005 mit Wucht auf den Boden der Tatsachen zurück. Der damals 39-jährige Eigentümer hatte soeben die Gesamtverantwortung für Ratiopharm übernommen, da erschütterte ein Skandal das Unternehmen. Es war die ?Situation einer Schande?, in der er sich mit eigenen Worten wiederfand. Soeben hatte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts aufgenommen, der Generika-Hersteller habe Ärzte mit Zuwendungen und Umsatzbeteiligung veranlasst, Ratiopharm-Medikamente zu verordnen. Merckle ging in die Offensive. Geschäftsführung und Vertriebschefin mussten weichen, der Merckle-Junior nahm selbst auf dem Chefsessel Platz.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Wir stehen für Offenheit und Transparenz.?Rüde Marketingmethoden im Grenzbereich der Legalität waren in der Branche lange Zeit nicht unüblich. Die zwischenzeitlich eingestellten Ermittlungen zu den mutmaßlich unlauteren Vertriebsmethoden von Ratiopharm in der Vergangenheit wurden Ende vergangenen Jahres wieder aufgenommen. Noch sichtet die Staatsanwaltschaft Ulm beschlagnahmte Unterlagen. Wann die Nachforschungen abgeschlossen sein werden, ist offen. Das Unternehmen, so die Auskunft der Ermittler, kooperiere.Inzwischen sind schärfere Gesetze in Kraft, und Merckle betont, die Außendienstmitarbeiter seien auf hohe ethische und moralische Standards verpflichtet: ?Wir stehen für Offenheit und Transparenz.?Bricht hier ein junger Unternehmer mit der Familientradition? Die Dynastie aus Blaubeuren hat sich in der Vergangenheit stets zugeknöpft gezeigt. Beobachtern galten sie und ihr Patriarch Adolf, der Vater von Philipp Daniel, bisweilen als unberechenbar und schonungslos. Für den Sohn ist die Öffentlichkeit nun offenbar nicht länger der Feind, sondern ein potenzieller Partner, den es zu gewinnen gilt ? auch mit Hilfe von PR.Auf der ?Rheinenergie? nähert sich die ?Blue Hour? ? das nieselige Wetter verzieht sich, der Himmel reißt auf, und die tief stehende Sonne scheint ins Unterdeck. Setzt sich ein Unternehmer, der sich öffentlich sozial engagiert, nicht dem Verdacht aus, in erster Linie unternehmerische Interessen zu verfolgen? Merckle scheut das Risiko nicht: ?Es geht doch um die Wirkung im Alltag: Wofür stehe ich? Es hat etwas Symbolisches.?Von jeder verkauften Packung eines Ratiopharm-Produkts geht ein Cent über die ?World in Balance?-Stiftung an das von dem Schauspieler Karl-Heinz Böhm initiierte Afrika-Projekt ?Menschen für Menschen?. Das garantiert Aufmerksamkeit.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Nicht das Herrenbewusstsein, das Pflichtbewusstsein zeichnet die Elite aus?, Im Gespräch ist Merckle sehr zugewandt, fixiert sein Gegenüber aus dunkelbraunen Augen. Wenn er seine Gedanken entwickelt, stockt er bisweilen, verschachtelt die Sätze teils umständlich ineinander. Ein geschliffener Redner ist er nicht. Aber gerade deshalb wirkt er authentisch, nehmen ihm Zuhörer das Ringen um eine Balance zwischen Umsatz und Moral ab, zwischen dem, was ein Unternehmer tun muss, und dem, was ein Mensch tun soll.Die Ansprüche, die Merckle an sich selbst und an andere stellt, sind enorm. ?Nicht das Herrenbewusstsein, das Pflichtbewusstsein zeichnet die Elite aus?, zitierte er den Philosophen Hegel vor Rotariern, dessen Mitglied er inzwischen ist. Oikos, Präzision, Stil ? dem soll sich Deutschlands zweitgrößter Hersteller von Nachahmermedikamenten verpflichtet fühlen: Das Unternehmen als harmonische ?Menschengemeinschaft?, mit angemessenen Mitteln Herausforderungen meisternd, geprägt von Achtsamkeit und Durchhaltewillen.Letzterer ist tatsächlich vonnöten. Denn der Preisverfall auf dem Markt für Generika und das Feilschen der Krankenkassen um Rabatte machen Ratiopharm schwer zu schaffen. Zuwächse im Ausland, ist zu hören, können Umsatzeinbußen im Inland nicht ausgleichen. In Deutschland setzte das Unternehmen 2006 rund 815 Millionen Euro um; im Vorjahr waren es noch 864 Millionen Euro. Anders als Branchenbeobachter zweifelt der Unternehmenschef nicht daran, Ratiopharm in ruhiges Fahrwasser führen zu können.Die ?Rheinenergie? dreht bei, wird sicher vertäut. Philipp Daniel Merckle wünscht den rund 200 Gästen einen ?gesegneten Heimweg, auf dass wir uns alle in der World of Balance gemeinsam wiederfinden.?Es ist nach Mitternacht. Am Rheinufer steht niemand, der applaudiert. Nur eine Limousine samt Fahrer.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Philipp Daniel Merckle ? eine kurze Biographie 1966Philipp Daniel Merckle wird am 1. Oktober in Hamburg geboren, hat drei Geschwister. Die Familie aus Blaubeuren bei Ulm gehört zu den reichsten Unternehmerdynastien des Landes.1998Er schließt das Studium der Pharmazie mit der Promotion ab. Bereits zuvor diplomiert der leidenschaftliche Sportler in Ravensburg zum Betriebswirt BA.1999Er übernimmt von seinem Vater Adolf Merckle den Bereich Forschung & Entwicklung des vom Großvater gegründeten Pharmaunternehmens Merckle GmbH, später Merckle/Ratiopharm.2005Der Vater von fünf Kindern übernimmt die Gesamtverantwortung für die weltweit agierende Ratiopharm-Gruppe.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.05.2007