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Wickert sagt gerührt Adieu

Um 22.48 Uhr und 28 Sekunden flimmerte das Aushängeschild der ?Tagesthemen? das letzte Mal über den Bildschirm. Es war ein Abschied mit Blumen und Beifall. Er bedanke sich für das Vertrauen, sagte der 63-Jährige im Hamburger Nachrichtenstudio. Selbst Bundesaußenminister Steinmeier ließ sich zur Überraschung Wickerts und seines Teams ein persönliches Abschiedsgruß nicht nehmen.
HB HAMBURG. ?The road to nowhere - irgendwo geht die Reise immer hin?, sagte Wickert im Anschluss an einen Bericht seines Nachfolgers Tom Buhrow über die Ruhrtriennale. ?Bei Ihnen, meine Damen und Herren, möchte ich mich von diesem Platz verabschieden,und ich möchte Ihnen danken dafür, dass Sie mich 15 Jahre lang während der ?Tagesthemen' in Ihrem Wohnzimmer empfangen und ertragen haben, und dass Sie mir vertraut haben?, fügte er hinzu. Am Freitag werde Buhrow die Zuschauer ?von diesem Platz aus begrüßen, möge er Ihnen bald eine guter Freund werden.? Er lobte die Redaktion der Sendung, ?ohne die wir Moderatoren nichts sind, und ich werde sie und Anne Will vermissen?. Und wie in allen seinen gut 2500 Sendungen wünschte er schließlich ?einen angenehmen Abend und eine geruuuhsame Nacht?. 4,34 Millionen Zuschauer, deutlich mehr als sonst, saßen vor den Bildschirmen.Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, den Wickert zuvor zum Thema Iran und Atomkonflikt befragt hatte, sagte, er hätte ihm politisches Ungemach ?an diesem für Sie ganz besonderen Tag? gern erspart und einen gelösten Konflikt als Geschenk auf den Tisch gelegt. Obwohl die geplante Interviewzeit schon längst überschritten war, ließ es sich Steinmeier zur Überraschung von Wickert und seinem Team aber nicht nehmen, dem 63-Jährigen ?für 15 Jahre hervorragende journalistische Arbeit? zu danken. ?Ich wünsche Ihnen, dass es lange dauert, bis Ihre Kollegen sagen, ?eine geruhsame Nacht?.?

Die besten Jobs von allen

Wickert hat die ?Tagesthemen? 15 Jahre lang präsentiert. Am Freitag leitet sein Nachfolger Tom Buhrow erstmals die Sendung, der zuletzt Studioleiter in Washington war und wie sein Vorgänger vom WDR kommt. Seinen Ohrwurm, über den der Regisseur während der Sendung mit ihm stets gesprochen hat, nahm Wickert allerdings mit. ?Der passt nur mir?, sagte mit Wehmut in der Stimme das ?Tagesthemen?-Aushängeschild kurz nach seiner letzten Moderation der Nachrichtensendung. Der Routinier ließ sich durch diese spontane Aktion nicht aus der Bahn werfen und moderierte zielstrebig wie eh und je und mit gewohntem Charme und Witz zu Ende. Genau um 22.48 Uhr und 28 Sekunden flimmerte der 1,96-Meter-Hüne letztmalig als Anchorman der ?Tagesthemen? über die heimischen BildschirmeLesen Sie weiter auf Seite 2: Abschied auch im Schweizer Fernsehen.Die Stunden vor den letzten Sendeminuten erlebte der ehemalige Auslandskorrespondent, der neben Frankreich auch aus Washington und New York berichtete, als einen ?fast normalen Tag?. Konferenzen, Abstimmungsgespräche, Sitzungen. ?Eigentlich ist fast alles wie immer, außer dass ich etwas früher ins Studio muss?, erläuterte der 63-Jährige. Auch das benachbarte Schweizer Publikum sollte verabschiedet werden - in der dortigen Nachrichtensendung ?10 vor 10?. Arm in Arm mit einer ehemaligen Kollegin, die extra zum Abschied gekommen war, schritt Wickert also gut 20 Minuten früher als üblich durch die langen Flure der NDR-Zentrale ins Studio. ?Bon soir, einen allerschönsten Guten Abend?, begrüßte der gut Gelaute seine Regiecrew.Nach der Maske, die zunächst nicht zu finden war, ging es sofort los. Da Wickert auch in der Schweiz beliebt ist, kündigte der ?10 vor 10?-Moderator ?Mr. Tagesthemen? gleich als den ?Kopf des Tages? an, ?der es sogar mit dem Papst aufnehmen könnte?. Auf die Frage, ob Wickert nicht in drei Jahren Bundeskanzlerkandidat werden wolle, antwortete dieser ironisch: ?Das wäre ein gute Idee, und ich mache Sie dann zum Außenminister.?Der 63-Jährige wird aber nicht gänzlich vom Bildschirm verschwinden. Der Autor bleibt den Zuschauern mit seiner eigenen Literatursendung, ?Wickerts Bücher?, erhalten. Im Jahr 1991 war der damalige Leiter des Pariser ARD-Studios in die Fußstapfen des populären ?Tagesthemen?-Moderators Hanns Joachim Friedrichs getreten.Buchstäblich zwischen Tür und Angel, also zwischen Redaktionsküche und Großraumbüro im NDR-Haus 18 auf dem Flur, feierte der TV-Star mit etwa 35 Kollegen bis in die frühen Morgenstunden. ?Sei kein Fremder. Komm oft vorbei?, forderte Wickerts Nachfolger Tom Buhrow. ?Wir haben uns immer auf Wickert verlassen können?, bilanzierte ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke.Bei Rot- und Weißwein sowie Sekt, den die Redaktion erst 45 Minuten vor Sendebeginn aus einem Supermarkt geordert hatte, verabschiedete sich Wickert in sein Privatleben. ?Ich werde Euch alle vermissen.? Als Erinnerung überreichte ihm Gniffke schließlich noch ein von den Kollegen selbst gemaltes Bild mit der Aufschrift ?tt ade?. ?Über das Ergebnis mögest Du selbst richten?, sagte Gniffke unter dem lauten Gelächter der Feiernden.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.09.2006