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Westfälischer Dickkopf

Von Christoph Hardt
Am Mittwoch hat Conti-Chef Manfred Wennemer seinen bisher größten Triumph gefeiert: Er hat sich beim Poker um den Siemens-Autozulieferer VDO mit Hartnäckigkeit, vielen Tricks und Kniffen gegen einen reichen Finanzinvestor aus den USA durchgesetzt. Wie er das genau geschafft hat, ist bemerkenswert.
Continental-Chef Manfred Wennemer baut Conti zum Autozuliefer-Giganten aus. Foto: dpa
MÜNCHEN. Wörtlich übersetzt, ist Mathematik die Kunst zu lernen. Als Manager hat es der gelernte Mathematiker Manfred Wennemer in dieser Kunst weit gebracht. In der Rückschau summieren sich die Ergebnisse seiner Lernerfolge unter dem Strich zu einer gewaltigen Summe, die sich im Aktienkurs des Unternehmens Continental AG widerspiegelt.Im Kampf um den Autozulieferer Siemens-VDO hat Wennemer bewiesen, dass er notfalls bereit ist, sogar gegen alle guten Regeln zu handeln, um am Ende im Plus zu sein. ?Wennemer wollte VDO unbedingt?, sagt einer, der ihn gut kennt. Und er hat sich tatsächlich durchgesetzt. Gestern gab der Siemens-Konzern bekannt, dass er seine Tochter für 11,4 Milliarden Euro an Conti verkauft.

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Wenn Wennemer mit seinem westfälischen Sturkopf etwas will, dann kann das für die Gegenseite ziemlich anstrengend werden. So war der Conti-Chef seit Monaten unterwegs, um sein großes Ziel mit allen nur denkbaren Tricks und Kniffen doch noch durchzusetzen: Aus Conti, dem lange ziemlich verstaubten Reifenkonzern, mit Hilfe von Siemens-VDO einen der großen Automobilzulieferer der Welt zu machen.Wennemer ist Münsterländer, Westfale also. Von Natur aus ist dieser Menschenschlag extrem beharrlich. Das sagt man ihm jedenfalls nach. Der Vater war Dorfpolizist in Ottmarsbocholt, platt, grün, viele Bauernhöfe und noch mehr Kegelclubs. Wer es von dort an die Spitze eines Weltkonzerns schafft, der muss frühzeitig etwas werden wollen. Bei Wennemer stand das nie außer Frage, systematisch hat er sich auf eine Karriere vorbereitet, sie hartnäckig entwickelt.Hartnäckigkeit, sein Markenzeichen also. Redet man mit Experten für Firmenübernahmen, dann ist die erste Warnung, die sie geben, über den Deal nur ja nicht in der Öffentlichkeit zu reden. Doch Wennemer hat in Sachen VDO von Anfang an massiv gegen das Tabu verstoßen, ja, er hat sogar über Preise geredet und damit in Sachen Fusionen und Übernahmen zumindest in Deutschland etwas Unerhörtes gewagt. ?Als wären wir auf dem Basar?, sagte dazu ein hoher Siemensianer, not amused. Wennemer hat sich von Gegenwind zumindest äußerlich kaum beeindrucken lassen. Wann immer er in den vergangenen Wochen in der Öffentlichkeit auftauchte, immer hat er etwas zu sagen gehabt zum Thema VDO. Anfangs ist der geplante Börsengang das Ziel seiner Attacken, seit einigen Wochen ist es der amerikanische Konkurrent TRW, hinter dem die Finanzinvestoren von Blackstone stehen, Stephan A. Schwarzman und Konsorten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Conti ist das geringere ÜbelEs dauert nicht lange, und Wennemer spielt für Conti eine Karte, die ihm ziemlich heiß vorgekommen sein muss: Industriepolitik, deutsches Interesse inklusive. ?Im ersten Moment haben wir unseren Ohren nicht getraut?, sagt ein Gewerkschafter. Denn wenn der Conti-Chef in den Jahren seiner mehr und mehr uneingeschränkten Herrschaft über Conti etwas nicht war, dann Vertreter wie auch immer definierter nationaler Interessen. Für die Gewerkschaften war er Vertreter einer ziemlich rücksichtslosen Globalisierung.Bis heute strapazieren sie daher die Geschichte vom Reifenwerk Hannover-Stöcken, die weit über die Grenzen der Gummi-Branche hinaus bekannt wurde: Obwohl sich die Mitarbeiter auf Arbeitszeitverlängerungen eingelassen hatten und der Conti-Chef seine damit verbundene Produktionszusage mit Unterschrift versehen hatte, kündigte er die Übereinkunft bald darauf wieder auf. Die Gewerkschaft ging auf die Barrikaden, Wennemer aber prägte den schönen Satz, dieser Aufschrei der Entrüstung sei ?das Ergebnis einer lokalen Moral?. Ende dieses Jahres macht das Werk dicht, noch immer schäumt die IG Metall. ?Wennemer, das ist schon schwer für uns?, sagt ein Siemens-Aufsichtsrat.Und doch ist er für die deutschen Gewerkschafter das geringere Übel, verglichen mit dem Konkurrenten TRW und dem dahinter stehenden Investor Blackstone. Das liegt auch daran, dass VDO mit Unterstützung der Conti-Seite ein großes Thema in der Öffentlichkeit gespielt hat: ?Deutschland vor dem Ausverkauf?.TRW hingegen beschwört, dass ein Verkauf von VDO keinen einzigen Arbeitsplatz in Deutschland kosten werde. Doch die Amerikaner dringen damit nicht wirklich durch, schließlich lässt der Conti-Chef so ziemlich alles aufmarschieren, was Rang und Namen hat in der Branche.Früh schon wird der Verband der Automobilindustrie, in dessen Vorstand Wennemer sitzt, im Hintergrund zu Gunsten von Conti tätig: Die Entwicklungsführerschaft der deutschen Autoindustrie gerate ins Wanken, wenn VDO nicht an Conti gehe, heißt es.Später meldet sich dazu sogar Wennemers Landesvater Christian Wulff zu Wort und fordert lautstark einen Verkauf an Conti. Apropos lokale Moral: Wulffs Lebensgefährtin wirkt als Pressereferentin am Wohlergehen von Conti aus Hannover mit.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Was die Gewerkschaften über Wennemer sagenEin Zeitgenosse hat einmal geschrieben, Wennemer sei ein Paradebeispiel für den Zwang zum Spagat, den Manager in der Globalisierung üben müssten ? zwischen internationalem Wettbewerbsdruck und lokaler Verantwortung. Der Conti-Chef hat dies in aller Öffentlichkeit vorgeführt, klar heraus und ohne sich Hintertürchen offen zu lassen.Das rühmen sogar Gewerkschafter an ihm, dass er offen rede. Es macht ihn nicht unsympathischer, dass er nicht immer der Schönste, aber womöglich der Beste sein will. Äußerlichkeiten sind ihm relativ egal, sein Anzüge sehen aus wie von der Stange, fährt er Bahn, dann zweiter Klasse.Zurück nach Westfalen: In Münster hat der 59-Jährige studiert und an der erstklassigen Wirtschaftsuni Insead in Fontainebleau legt er sein MBA-Examen drauf ? auf eigene Kosten. 14 Jahre arbeitet er für den Weinheimer Familienkonzern Freudenberg in Deutschland, Südafrika und den USA. Als er dann 1994 zum Konzern Benecke-Kaliko geht, ahnt er nicht, dass dieser bald Teil von Continental wird.Damals ist Conti ein angestaubter Reifenkonzern, Wennemer wirkt an der Reorganisation und Neuaufstellung unter dem Vorstandschef Hubertus von Grünberg an immer wichtigeren Position mit. Für den Aufbau der viel versprechenden Sparte Automotive Systems ist er mitverantwortlich, auch deshalb rückt er am 11. September 2001 an die Konzernspitze ? genau an dem Tag, als die Türme des World Trade Centers in New York nach Anschlägen einstürzen.In den folgenden Jahren macht Wennemer aus einem hoch verschuldeten, defizitären Autozulieferer einen Konzern, dessen Aktie in fünf Jahren mehr als 700 Prozent zulegt und 2006 das fünfte Rekordjahr in Folge hinlegt.Nun strebt er mit VDO in eine ganz neue Größenordnung auf dem Weltmarkt. Dass dies deutlich mehr kostet, als er vorher gesagt hat, wird der als Pfennigfuchser verschriene Conti-Vorstandschef verschmerzen. ?Sein Track-Record sucht seinesgleichen?, sagt Auto-Analyst Georg Stürzer. Das sollte an dieser Stelle reichen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Manfred Wennemer1947: Er wird am 19. September in Ottmarsbocholt, Münsterland, geboren.1974: Nach seinem Diplom in Mathematik an der Uni Münster beginnt er als Projektleiter der EDV-Abteilung bei Procter & Gamble in Schwalbach. Er macht später seinen Master of Business Administration (MBA) an der Insead in Fontainebleau. 1978 wird er Projektleiter bei Arthur D. Little.1980: Er wechselt zur Freudenberg-Gruppe in Weinheim und steigt bis zum Spartenleiter Spinnvliesstoffe auf.1994: Wennemer wird Vorstandschef von Benecke-Kaliko in Hannover.1998: Er wechselt in den Vorstand von Continental in Hannover.2001: Er wird Vorstandschef und übernimmt am 12. Mai 2005 noch die Division PKW-Reifen.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2007