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Werner Wenning und der Coup

Von Siegfried Grass und Siegfried Hofmann
Werner Wenning krönt mit dem Kauf von Schering seine Karriere. Für Wenning ist es der größte Coup, seit er 2002 an die Spitze des Bayer-Konzerns rückte. Viel Zeit bleibt Wenning nicht mehr, um Schering zu integrieren. Gleichzeitig muss er einen Nachfolger aufbauen.
Werner Wenning hat allen Grund zu Lachen. Foto: AP
HB LEVERKUSEN/FRANKFURT. An diesem Montagmorgen fackelt er nicht lange. Werner Wenning wählt kurz entschlossen eine Berliner Nummer. Kurz darauf meldet sich am anderen Ende der Leitung Schering-Chef Hubertus Erlen. Wenning kündigt an, dass Bayer als ?weißer Ritter? dem Berliner Pharmakonzern zu Hilfe kommen wird.Mit dem Anruf am Montag vor zwei Wochen fährt der 1,90 große Fußballfan Wenning seinem Rivalen Michael Römer von Merck in die Parade. Der hat am Tag zuvor selbst mit seinen Übernahmeplänen die Öffentlichkeit überrascht. Doch der Bayer-Chef macht am Schluss das Rennen. Am vergangenen Freitag steigt Merck aus.

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So befördert Wenning Bayer in der Weltliga der Pharma-Konzerne von Platz 21 auf 14. Und er macht sich selbst das beste Geschenk zu seinem 40-jährigen Firmenjubiläum an diesem Samstag. Nächste Woche Freitag lädt er nach Leverkusen zu einer Feier in die altehrwürdigen Räume des Bayer-Kasinos mit den holzvertäfelten Decken und schwere Ölgemälden ein.Es ist der Höhepunkt einer beispiellosen Karriere ? eines Mannes, der es ohne Studium mit einer Lehre als Industriekaufmann bis ganz nach oben in die Konzernspitze geschafft hat. Und er hat wie niemand bisher in der 140-jährigen Firmengeschichte das Unternehmen umgebaut.Als er im April 2002 antritt, steht Bayer gerade von zwei Seiten unter Druck. Der Vermarktungsstopp für das wichtige Cholesterinmedikament Lipobay liegt gerade einmal acht Monate zurück. Gleichzeitig gerät das Chemiegeschäft in eine Flaute. Noch bevor er die neue Holdingstruktur mit den vier eigenständigen Säulen Gesundheit, Agro, Polymere und Chemie richtig aufgestellt hat, muss Wenning das Umbautempo nochmals beschleunigen. Im Herbst 2003 macht er den größten Schnitt: Er setzt durch, Teile des Chemie- und Kunststoffgeschäfts in die neue Gesellschaft Lanxess auszulagern und komplett vom Bayer-Konzern abzuspalten.?Es ist an der Zeit, dass wir uns bei Bayer stärker auf die innovativen Wachstumsmärkte konzentrieren und den weitgehend reifen Bereich der klassischen Chemie ausgliedern?, begründet er damals den Schritt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mitarbeiter schildern Wenning als geduldigen Gesprächspartner, als jemanden, der gut zuhört, doch dann schnell und konsequent handeltMitarbeiter schildern Wenning als geduldigen Gesprächspartner, als jemanden, der gut zuhört, doch dann schnell und konsequent handelt. Analysten schätzen ihn als gradlinigen und zielgerichteten Manager, der seinen Laden gut im Griff hat und viel stärker als sein Vorgänger, Manfred Schneider, an den Zielgrößen der Finanzwelt ausrichtet.Doch Wenning will sich nicht nur als Sanierer profilieren. Schon als Finanzchef wirkt er am bislang größten Zukauf von Bayer mit: Bayer übernimmt Aventis Crop Science und stärkt so die Pflanzenschutzsparte des Konzerns. Drei Jahre später kauft er die Sparte rezeptfreie Medikamente von Roche.Nun muss er Schering integrieren. Das ist nicht einfach. Denn es fallen voraussichtlich Hunderte Arbeitsplätze weg. Da will auch Berlin ein Wort mitreden. Die Bundesregierung dringe auf einen Erhalt der Standorte und Arbeitsplätze in Deutschland. ?In dieser Frage wird die Bundesregierung zu gegebener Zeit im Gespräch mit den beiden Unternehmen sein?, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Montag in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wenning wollen Anfang der Woche miteinander telefonieren.Sein Vertrag läuft am 31. Januar kommenden Jahres aus. Dann ist er 60 Jahre alt. Zu jung, um gemäß den ungeschriebenen Bayer-Gesetzen mit 63 in Rente zu gehen. Aber auch zu alt, um noch einmal fünf Jahre an der Spitze zu stehen. Unternehmenskreise gehen davon aus, dass der Aufsichtsrat Wennings Vertrag um zwei, vielleicht drei Jahre verlängern wird.Die Zeit wird langsam knapp, um einen Nachfolger aufzubauen. Denn ein Kronprinz ist bislang nicht in Sicht. Aber zumindest hinter den Kulissen hat die Suche nach einem Kandidaten offenbar schon begonnen. Einen Mann wie Wenning zu finden wird nicht leicht sein.Immerhin haben sich auf der zweiten Führungsebene schon einige Talente für höhere Weihen empfohlen. Vom Alter her kämen Klaus Kühn (Jahrgang 1952) oder Strategie- und Personalvorstand Richard Pott (1953) in Frage. Aber auch der Name des Lanxess-Chefs, Axel Claus Heitmann, wird genannt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kenner des Unternehmens halten es für möglich, dass Bayer mit einer alten Tradition brechen könnteAndere Kenner des Unternehmens halten sogar für möglich, dass Bayer mit einer alten Tradition brechen könnte, den Konzernchef aus den eigenen Reihen zu rekrutieren. Sie schließen nicht aus, dass ein Externer eine Chance erhält. Ob von außen oder aus dem eigenen Hause ? bis der Nachfolger einmal antritt, hat Wenning weiterhin das Sagen.Und der hat derzeit noch andere Baustellen. Der Fan des FC Bayer Leverkusen, der früher einmal selbst für den Nachbarclub BV 01 Opladen kickte, ärgert sich derzeit über die Negativschlagzeilen seines Lieblingsclubs. Der Ex-Geschäftsführer der Tochtergesellschaft Fußball GmbH soll wohl etwas locker mit dem Geld umgegangen sein.?Dieses Finanzgebaren ist nicht akzeptabel?, sagte Wenning auf der Bilanzpressekonferenz kurz. Er ist aber niemand, der sich bei der Fußballtochter groß einmischt. ?Das ist Sache der Fußball GmbH. Ich interessiere mich nur samstags von 15.30 bis 17.30 Uhr für den Sport?, macht er klar.Aber wenn die Bundesligafußballer von Bayer Leverkusen zu Hause spielen, dann sitzt er oft in der ersten Reihe im Ehrengastbereich der BayArena. Dann wird Wenning auch schon mal etwas lauter als sonst. Der Vorstandschef lässt dann Dampf ab. Die bekannten Herren an seiner Seite, die beiden Ex-Vorstandsvorsitzenden Strenger und Schneider sowie ehemalige Vorstandskollegen, reden dann auch schon mal so deutlich und emotional wie der gemeine Fußballfan aus der Nordkurve des Stadions.
Werner Wenning1946 Er wird am 21. Oktober in Leverkusen-Opladen geboren.1966 Er startet seine Bayer-Karriere am 1. April mit einer Lehre zum Industriekaufmann.1970 Er baut das Finanz- und Rechnungswesen der neu gegründeten Bayer Industrial S. A. in Lima/Peru auf. Er übernimmt Führungsaufgaben in den Sparten Gesundheit und Kunststoffe.1991 Er wird für ein Jahr zur Treuhandanstalt nach Berlin entsandt. 1992 wird er in Barcelona Geschäftsführer der Bayer Hispania Industrial S. A.1996 Er übernimmt die Leitung der Konzernplanung und des Controllings. Im Februar 1997 rückt er in den Vorstand der Bayer AG auf.2002 Er wird am 26. April Vorstandschef. Er ist Mitglied in den Aufsichtsräten der Gerling-Konzern- Versicherungs-Beteiligungs-AG, der Henkel KGaA sowie Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Frankfurt.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.03.2006