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Wer zuletzt lacht, heißt Jeff Bezos

Von J. Eckhardt, T.Knüwer, Handelsblatt
Wäre der Amazon-Chef ein Hund, dann wäre er ein liebenswerter Golden Retriever: Mit seinen großen, braunen Augen würde er jeden potenziellen Besitzer für sich gewinnen. Traurig würde es um ihn herum auch niemals. Denn Probleme, die lacht er einfach weg.
PORTLAND. Das war Anfang vergangenen Jahres beim Gespräch mit dem Handelsblatt. In diesen Tagen hat der Gründer des Online-Versandhauses Amazon tatsächlich viel zu lachen ? doch der Grund sind schwarze Zahlen, nicht Probleme. Im dritten Quartal verbuchte Amazon erstmals außerhalb der wichtigen Weihnachtssaison ein Plus. Und bei einem Umsatz von über 5 Milliarden Dollar erwarten Analysten für 2003 den ersten kleinen Jahresgewinn.Bezos hat es geschafft: Oft genug prophezeiten Analysten und Medien die Pleite von Amazon ? doch das Unternehmen lebt. Rund 27 Prozent der Amazon-Aktien hält Bezos und ist damit größter Anteilseigner ? obwohl er vor rund zwei Wochen noch Papiere im Wert von 22 Millionen Dollar verkaufte.

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Es ist der Erfolg eines hochintelligenten Mannes mit Instinkt für Trends und dem unbedingten Willen zum Erfolg. 1986 schließt Bezos sein Studium der Elektrotechnik und Computerwissenschaft an der Elite-Uni Princeton mit summa cum laude ab ? und geht nicht ins Labor, sondern an die Wall Street: In New York entwickelt er für Bankers Trust ein Computersystem für die Verwaltung von Kundenvermögen, für die Finanzboutique D.E. Shaw baut er einen der damals ausgefeiltesten quantitativen Hedge-Funds.Als er 1994 liest, das Internet wachse jährlich um 2 300 Prozent, will er auch seinen Anteil davon haben. Bücher müssten sich gut über das Netz verkaufen lassen, glaubt er. Denn zum einen ist dies eine standardisierte Ware, zum anderen gibt es so viele Titel, dass Datenbanken Käufern eine echte Hilfe sind.In Seattle, in der Nähe des großen Buchvertriebs Ingram, gründete er 1994 Amazon.com. Eigentlich wollte er die Firma ?Cadabra? nennen, wie in Abrakadabra. Ein Anruf bei seinem Anwalt belehrte ihn eines Besseren: ?Wieso soll die Firma Kadaver heißen?? fragt der. Bezos sucht sich einen weniger leicht zu verwechselnden Namen.Im Juli 1995 geht Amazon online, im September setzt Bezos bereits 20 000 Dollar pro Woche um. Seine Wege kreuzten sich mit Investmentbanker Frank Quattrone, der damals das Technologiebanking von Morgan Stanley leitete. Heute ist Quattrone fast so bekannt wie Bezos: Er überstand gerade ein Strafverfahren in New York wegen angeblicher Behinderung der Justiz. 1996 wechselte Quattrone mit seinem Team zur Investmenttochter der Deutschen Bank. Im Gepäck hatte er die Pläne für einen Amazon-Börsengang. Der kommt 1997 und wird Quattrones größter Erfolg.Doch als die Hitze der New Economy langsam erkaltete, kamen die ersten Zweifel an Amazon. Wieso wurde ein glorifizierter Einzelhändler wie eine Technologiefirma bewertet? Der Kurs sackte, und Bezos musste 1 300 Beschäftigte entlassen. Auch Bezos? Abneigung gegen Gewerkschaften und ein Streik Ende 2000 schädigten das Image.Ohnehin legt, wer an der Patina des Dauerlachers kratzt, einen anderen Bezos frei: ?Er kann ein ganz schön harter Knochen sein?, sagt eine deutsche Amazon-Mitarbeiterin. ?Wenn es nicht nach seinem Willen geht, wird er giftig.? Andererseits könne er aber auch motivieren wie sonst kaum jemand. Und traditionell hilft im hektischen Weihnachtsgeschäft auch der Chef selbst beim Paketepacken.Und in denen stecken längst nicht mehr nur Bücher. In einem strategischen Schwenk wurde aus dem ?größten Buchhandel der Welt? das ?größte Warenhaus der Welt?: Spielzeug, Computer, Videorekorder, Gartengrills und Bekleidung gehören jetzt zum Angebot.In einem Interview mit ?Business Week? erläuterte Bezos kürzlich: ?Wir sind die fortschrittlichste Technologieplattform, über die andere verkaufen können.? Kurz: Amazon stellt das Schaufenster und kassiert eine Provision, die anderen haben die Lager und die Lieferprobleme.Bezos arbeitet also weiterhin daran, Amazon weiterzutreiben. Was soll er auch sonst machen, der nach ?Forbes?-Rechnung Platz 32 auf der Liste der reichsten Amerikaner mit einem Privatvermögen von geschätzten 5,1 Milliarden Dollar einnimmt? Schließlich leistet er sich keine exorbitant teuren Hobbys wie Oracle-Chef Larry Ellison und hält auch nichts von Statussymbolen. Sein Büro ist genauso klein wie das seiner Mitarbeiter, sein Schreibtisch eine alte Tür auf Holzböcken.Erst seit einigen Monaten wackelt das Bild des Spartaners an den Hebeln von Amazon: Bezos lockt der Weltraum. Unter dem Namen Blue Origin werkeln seit dem vergangenen Jahr Ingenieure und Techniker in einer großen Lagerhalle im Duwamish-Industriegebiet, einen Steinwurf von Boeing entfernt, im Süden von Seattle an seinem Traum von erschwinglichen Reisen ins All. Der Kosmos faszinierte schon den Schüler Jeff Bezos: Mit dem Aufsatz ?Über die Wirkung von Schwerelosigkeit auf die Alterungsrate der Hausfliege? gewann er einst einen Nasa-Schülerwettbewerb.Was würde Jeff Bezos, der für ein aktuelles Interview mit dem Handelsblatt nicht zur Verfügung stand, wohl tun, bezichtigte man ihn der Geldverschwendung für utopische Phantasien? Sicherlich würde er lachen. Und das sehr laut. Denn egal, wie eine Sache ausgeht: Im Leben des Jeff Bezos war bisher immer er es, der zuletzt lachte.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.11.2003