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Wer, wenn nicht wir?

Die Fragen stellte Christoph Mohr.
Professor Wolfgang A. Herrmann (59) wurde vom Verwaltungsrat der TU München einstimmig zu einer weiteren Amtszeit von sechs Jahren gewählt. Der Mann hat große Ziele: Vom bayerischen Staat fordert er nicht nur mehr Geld sondern gleich auch eine ?Lex TUM?, der benachbarten LMU München macht er ein spektakuläres Angebot, und die (Uni-)Welt will er auch retten.
Herr Professor Herrmann, an anderen deutschen Hochschulen muss man ihre Kollegen zum Jagen tragen. Ihnen hingegen scheint das Amt des Hochschulpräsidenten so viel Spaß zu machen, dass Sie sich jetzt nach bereits 12 Jahren noch einmal für sechs Jahre haben wählen lassen. Was macht den Job so interessant?

Als unternehmerische Universität haben wir uns Gestaltungsräume geschaffen, die wir auf dem Weg zur weltweit Top-25 nutzen können. Dabei helfen klare unternehmerische Strukturen, z.B. die Vorstands-/Aufsichtsratsverfassung, die wir als erste deutsche Universität seit 1999 nutzen. Was mich betrifft: Man muss die Leute mögen und sich um sie kümmern, dann hat man auch Spaß an der Arbeit, und es geht voran. In den derzeitigen Rankings sind wir Deutschlands Nr. 1

Sie könnten aber anders deutlich mehr Geld verdienen, zumal Ihnen, wie zu erfahren, auch schon einmal der Job des Forschungsleiters der Hoechst AG angeboten wurde.

Ja, das stimmt. Als die fünf Kinder noch zu Hause waren, verteilte sich weniger Geld auf vier Köpfe, und dennoch hat es gereicht. Ein deutscher Hochschulpräsident liegt irgendwo bei 100-120 Tsd. ? brutto. Aber: ?Die wahren Abenteuer sind im Kopfe, und wenn sie nicht im Kopfe sind, dann sind sie nirgendwo.? (André Heller)

Die besten Jobs von allen
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Ihre Presseleute ?verkaufen? Sie als ?den derzeit international meist zitierten deutschen Chemiker?. Wenn es stimmt, wäre es beeindruckend. Wann kommen Sie denn überhaupt noch zum Forschen?

Das Institute for Scientific Information (ISI) führt ständig aktualisierte Listen der Zitierhäufigkeit von Wissenschaftlern. Tatsächlich bin ich unter den international 100 meistzitierten Chemikern und halte wahrscheinlich auch jetzt noch den Spitzenplatz unter den Deutschen. Das liegt daran, dass wir in den 90er-Jahren grundle­gende Fortschritte in der Katalyseforschung erzielt haben, so dass diese Arbeiten häufig zitiert werden. Da ich seit einiger Zeit nicht mehr zum Forschen komme, werden mich andere, jüngere zu Recht überholen

12 Jahre waren Sie jetzt schon Präsident der TU München. Wenn Sie drei Erfolge nennen sollten, auf die Sie besonders stolz sind?

  • Die Unternehmerische Hochschulverfassung (1999). Sie hat den Paradigmenwechsel in der deutschen Hochschullandschaft signali­siert. Der Muff der 80er-Jahre wird seither durch frischen Wind ersetzt, und zwar deutschlandweit.
  • Das hohe Maß an Corporate Identity, das wir mit dem Prinzip ?Wert­schöpfung durch Wertschätzung? gemeinsam erreicht haben.
  • Die Exzellenzuniversität natürlich, die viele Einzelerfolge zusammen­fasst

    Haben Sie so etwas wie ein ?Regierungsprogramm?. Was wollen Sie in den nächsten Jahren erreichen? Was sind Ihre Ziele?

    Ich möchte im kommenden Jahr eine ?LexTUM? als eigenes Hoch­schulgesetz, das den Anforderungen, Zielen und Arbeitsweisen der TUM im internationalen Wettbewerb entspricht. Die Berufungs­verfahren für Professoren werden komplett auf ?Headhunting? umgestellt, woran ich mich aktiv beteilige. Das Fundraising wird auf die ?Endowment-Basis? umgestellt, d.h. nur die Zinserträge des Stiftungsgrundstocks werden für die Projekte verwendet. Last but not least: Mit umfangreichen Baumaßnahmen müssen unsere drei Standorte München, Garching und Freising an die international besten Standards herangeführt werden

    Mittlerweile spielen wir auch in Deutschland das Spiel der Eliteuniversitäten. Bei der ?Exzellenzinitiative? liegt die TU München ganz weit vorne. Aber die eigentlichen Benchmarks liegen ja im Ausland. Wo steht die TU München Ihrer Einschätzung nach im Vergleich zur ETH Zürich, zum Imperial College London und zum MIT?

    Mit der ETH Zürich sehen wir uns auf gleicher Augenhöhe. Ebenso mit dem Imperial College London, das neben der TUM die einzige Uni in Europa mit dem kompletten Fächerspektrum Naturwissen­schaften-Ingenieurwissenschaften-Lebenswissenschaften-Medizin ist. Das MIT spielt hinsichtlich der Finanzausstattung und der damit verbundenen Handlungsfähigkeit in einer anderen Liga

    Die deutschen Hochschulen sind dramatisch unterfinanziert, selbst die vergleichsweise gut ausgestattete TU München. Geben Sie uns einmal eine Größenordnung: Wieviel Geld bräuchten Sie, damit die TU München genauso gut wäre wie das MIT?

    Auf vielen Gebieten konkurrieren wir erfolgreich mit MIT, Stanford und Caltech. Am Geld alleine also kann es nicht liegen. Die ETH Zürich hat den dreifachen Staatsetat wie die TUM. Damit würden wir gewaltig vorankommen, wenn zusätzlich Gestaltungsraum bei der Bezahlung der Professoren und Mitarbeiter bestünde

    Um an Geld zu bekommen, treten Sie auch für Studiengebühren ein. Das scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein (jedenfalls wenn an Studiengebühren in Höhe US-amerikanischer Hochschulen denkt).

    Studienbeiträge haben materielle und immaterielle Vorteile. Als ?Drittmittel für die Lehre? werden sie ausschließlich zur Verbesserung des Lehrangebots eingesetzt, bei der TUM selbstverständlich unter Beteiligung der Studierenden, deren Geld es ja ist. Jede Kostenbeteiligung schärft das Bewusstsein, dass ein Hochschulstudium nicht Konsumgut sondern Lebensinvestition ist. Gezielt eingesetzt, kann mit 500 ? Semesterbeitrag das Studium signifikant verbessert werden.

    Es sind auch höhere Beiträge denkbar. Dazu müsste aber das Steuerrecht in geeigneter Weise angepasst werden. Und das Stiftungssteuerrecht, um Stipendien für Begabte, aber bedürftige Studierende in ausreichender Zahl bereitzustellen. Diesbezüglich leben die Vereinigten Staaten in einer anderen Kultur. Stanford beispielsweise unterstützt ca. 60% aller Studierenden mit Stipendien aus Stiftungs- und sonstigen Erlösen. Wer dort zwar zahlen will, aber nichts im Kopf hat, findet keinen Studienplatz

    Studienbeiträge sind ein wichtiger Schritt zur Verbreiterung der finanziellen Basis einer Universität neben den Staatszuschüssen, den Stiftungsmitteln und den Fundraising-Einnahmen. Der Staat muss (nur) noch lernen, die Universitäten für ihre sonstigen, oft heute schon beträchtlichen Einnahmen nicht zu bestrafen

    Sie sprechen gerne vom ?Wissenschaftsunternehmen Universität?, fordern aber gleichzeitig mehr Geld vom Staat. Ist das nicht ein Widerspruch?

    Nein, KEIN Widerspruch! Ich will, dass uns der Staat international konkurrenzfähig unterstützt ? siehe Vorbild ETH Zürich! ? und uns zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen gestattet, ohne sich einzumischen, um im Erfolgsfall von einer ?reichen Universität? zu sprechen, die sich zunehmend selbst finanzieren soll.

    Anders gefragt: Wäre das US-amerikanische Stiftungsmodell, das die (guten) Hochschulen unabhängig vom Staat macht und sie auch selbst Geld verdienen lässt, nicht das bessere Modell?

    Grundsätzlich das bessere Modell, ja. Andererseits hat der Staat ein Interesse an exzellenter Ausbildung und Forschung. Diesen Anspruch muss er finanziell abbilden, was er freilich auch im Stiftungsmodell tun kann

    Um doch noch an das Geld der Studenten zu kommen, hat sich die TU München eine geniale Lösung einfallen lassen. Sie bieten Ihren Studiengang ?Industrial Chemistry? für 22.000 Euro in Singapur an. Ist das ein Weg der Zukunft?

    Ein Modell für einen Studiengang auf Basis Vollkostenrechnung. Da haben wir gelernt, was eine anspruchsvolle Ausbildung an Kosten verursacht. Die Industrie ist begeistert und fördert die Studierenden durch Stipendien

    Ein anderes TU München-Programm, für das Studiengebühren zu zahlen sind, ist das etwas seltsam betitelte ?unechte? MBA-Programm ?Leadership & Kommunikation? (communicate) Wollte da auch die TU München auf den lukrativen MBA-Zug aufspringen?

    Der Studiengang ist hoch nachgefragt und bewährt sich?

    Wäre es nicht aber doch angebracht, dass die TU München in Zukunft (wie eben auch das MIT oder das Imperial College) einen ?richtigen? (General Management-)MBA auf den Markt bringt?

    Hier favorisiere ich eine ?Munich School of Management? als Zusammenschluss der Kompetenzen, die sich aus der TUM und der LMU ideal einander ergänzen würden. Die kritische Kompetenzmasse wäre so auf einen Schlag erreicht. Fragen Sie die LMU!

    Verstehen Sie sich als Präsident auch als oberster Spendensammler?

    In gewisser Weise ja. Fundraising ist Chefsache. Sponsoren und Mäzene wollen sehen, dass sich die Spitze mit den Fundraising-Projekten identifiziert und die Geldgeber wertschätzt. in der Zukunft werde ich mich als Präsident auf drei Bereiche konzentrieren: Berufungsverfahren durch Headhunting; Fundraising und Kommunikation, Kommunikation und nochmals Kommunkation.

    Wie erfolgreich sind Sie denn als Spendensammler?

    Die bisher größten Erfolge waren das ?Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin? (11 Mio. ?) und der Neubau des TUM-Institute for Advanced Study (10 Mio. ?)

    Lassen Sie uns Glücksfee spielen. Wenn Sie 1 Million Euro von einer Privatperson für die TU München bekämen, was würden Sie damit anfangen?

    Diese Million ist nicht aus der Welt! Ich würde die Million für Stipendien verwenden, die nach dem Stifter benannt sind. Oder für einen neuen Kindergarten. Freilich hängt dies auch von den Vorstellungen des Stifters ab

    Und mit 10 Millionen von einem Unternehmen?

    Als Kapitalgrundstock für einen Stipendienfonds, benannt nach dem Unternehmen.

    Ihre Beziehungen zur Unternehmenswelt sind durchaus eng. Sie saßen beispielsweise in den Aufsichtsräten von Degussa und Altana. Hat das der TU München nichts gebracht?

    Als Chemiker hatte ich enge Kooperationen mit den Forschungslaboratorien der Industrie, denn an den Schnittstellen kommen die innovativsten Ideen. Das hat den Blick für die praktischen Probleme geschärft, andererseits aber die Grundlagenforschung von der Problemstellung her befruchtet. Mehrere Dutzend Patente sind aus den Kooperationen entsprungen, und alle meine 170 Doktoranden haben gute Jobs

    Nun trifft es sich, dass die Altana-Mehrheitsaktionärin Susanne Klatten, der auch ein ansehnliches BMW-Aktienpaket gehört und die landläufig als die ?reichste Frau Deutschlands gilt?, auch an der TU München aktiv ist. Sie hat ihrer Hochschule mehrere Millionen Euro gespendet, weswegen Sie sie dann auch zur Ehrensenatorin gemacht haben, und sie sitzt auch im TUM-Hochschulrat. Wie eng sind die Verbindungen zu Frau Klatten?

    Frau Klatten engagiert sich in außergewöhnlicher Weise für die Zukunftsentwicklung unserer Universität. Sie ist auch in der TUM eine geschätzte, hoch angesehene Persönlichkeit. Die Zusammenarbeit mit ihr, ebenso wie mit dem Hochschulrat im Ganzen, hat uns vorangebracht

    Auch zu BMW sind die Beziehungen eng. Der ehemalige BMW-Vorstandsvorsitzende und heutige ?Aufsichtsratschef Joachim Milberg war TUM-Professor, der heutige BMW-Chef Norbert Reithofer war dessen Maschinenbau-Student an der TU München?

    Wichtige Spitzenpositionen der deutschen Automobilindustrie sind von TUM-Alumni besetzt. Mit BMW in München sind die Verbindungen traditionell, ebenso Siemens. Wissenschaft und Wirtschaft bestehen den unerbittlichen Wettbewerb um die besten Ideen, Produkte, Dienstleistungen und Märkte nur im Schulterschluss. Da sind qualifizierte ?Seilschaften? sinnvoll. Flaschenzüge überlassen wir den anderen

    International werden Elite-Hochschulen wie die TU München heute auch daran gemessen, welche Beiträge sie zur Lösung der Probleme dieser Welt leisten. Damit scheint es die TU München nicht so sehr zu haben?

    Die ?Probleme dieser Welt? zu lösen heißt täglich kleine Einzelbeiträge in ganz konkreter Weise zu leisten! Bei uns hat Carl Linde den Kühlschrank erfunden, und sein Schüler Rudolf Diesel jenen Motor, der heute noch läuft, besser denn je. Hans Fischer hat die Struktur des Hämoglobins entdeckt ? Voraussetzung für den Sauerstofftransport im Blut.

    euerdings entspringt unserer Initiative ein Forschungszentrum für ?Nachwachsende Rohstoffe? in Straubing, womit ein tatsächliches ?Weltproblem? erkannt ist. Die Klimaforschung haben wir mit zwei Professuren aufgestellt, beteiligt sind wir in der Forschungsstation Scheefernerhaus auf der Zugspitze. Weihenstephan hat ein starkes Profil in der ökologischen Forschung und in der modernen Agrar- und Forstwissenschaft

    Aber stimmt es nicht doch, dass viele ihrer Absolventen lieber direkt zu BMW gehen und dort ? überspitzt formuliert - lieber immer schnellere Dreckschleudern bauen als über energiesparende Maßnahmen nachzudenken?

    Erstens sind Autos der BMW-Kategorie Hochtechnologieprodukte, die in der ganzen Welt gefragt sind. Sie stehen für ?HighTech Deutschland?

    Zweitens ist auch bei BMW die Energieeinsparung ein zentrales F&E-Thema, wie dies an den zahlreichen Kooperationen mit uns auf diesem Sektor zu sehen ist. Wie im Übrigen auch bei den anderen großen Automobilbauern!

    Weniger polemisch gefragt: Wie groß kann der Beitrag sein, den Ingenieure im Allgemeinen und die TU München im Besonderen zu solchen drängenden Fragen wie Klimawandel etc. leisten.

    Wenn jemand einen inhaltlichen Beitrag leisten kann, dann sind es die Ingenieure und Naturwissenschaftler! Wer sonst? Als Uni-Präsident sehe ich eine wesentliche Aufgabe darin, die Verbindungen der disziplinären Kompetenzen zu katalysieren. In der Klima- und Energieforschung beispielsweise ist die TUM hinsichtlich der erforderlichen Einzelkomponenten besser aufgestellt als jede andere deutsche Universität

  • Dieser Artikel ist erschienen am 25.06.2007