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"Wer weiß, wie ich mit 40 drauf bin"

Das Gespräch führte Martin Roos
"Leute lachen eben über Zoten. Das war doch immer schon so. Wenn jemand ein intellektuelles Programm haben möchte, gibt es doch den Scheibenwischer. Mir fehlt dazu auch das Alter. Wer weiß, wie ich drauf bin, wenn ich 40 Jahre alt bin. Vielleicht analysiere ich dann gerne sozial-politische Themen."
karriere sprach mit Oliver Pocher, 26, Ex-Versicherungskaufmann und Pro-Sieben-Moderator, über die Arbeitswelt, die Zeugen Jehovas, seinen Ruhm als Werbestar und den Mist im deutschen Fernsehen.
Herr Pocher, gerade viel zu tun?

Oliver Pocher: Ja. Aber es macht Spaß. Das ist positiver Stress


Arbeiten Sie von Neun bis Fünf Uhr?

Nee. Das ist ja das Gute. Ich habe ja keinen festen Zeitplan. Ich habe mittlerweile ja zu jeder Tag- und Nachtzeit schon gedreht, Sendungen gemacht oder irgendetwas anderes. Das schwankt immer

Die besten Jobs von allen



Was hat man als Versicherungskaufmann für Arbeitszeiten?

Da hat man ja die so genannte Gleitzeit. Da konnte man zwischen sechs und zehn Uhr anfangen und zwischen drei und sechs Uhr wieder gehen


War das besser?

Auf gar keinen Fall. Für die Leute, die in einer geregelten Arbeitswelt leben, ist das bestimmt prima. Die haben ihre Sicherheiten, ihr geregeltes Umfeld, die können planen. Die Leute bekommen auch viel mehr Urlaub als ich heute. Aber ich bin heilfroh um das, was ich heute habe. Ich möchte um gar keinen Fall wieder tauschen


Was bringt Ihnen ihre freie Arbeitszeitgestaltung?

Das ist ja nicht nur die Zeit. Das ist das Leben. Ich darf doch so viel machen - durch die gewissen Prominenz die ich habe. Allein als Fußballfan bei der Europameisterschaft darf ich ins Stadion gehen, gratis


Wie viel verdient man als Versicherungskaufmann?

In der Ausbildung waren das 1000 bis 1.500 Mark


Und was verdienen Sie heute?

Definitiv mehr


Was sind Ihre Helden der Bibel?

Ich habe keinen Helden der Bibel. Da sind einige Leute, die sicherlich heldenhaft am Start sind. Aber nicht für mich


Sind Sie immer noch aktiver Zeuge Jehovas?

Ich war nicht aktiv dabei. Ich bin damit aufgewachsen. Meine Eltern sind Zeugen Jehovas. Aber ich habe damit nichts mehr zu tun


Was unterscheidet den Zeugen Jehovas von den anderen Christen?

Im Grunde kein großer Unterschied - nur dass er versucht, sich noch genauer an die Bibel zu halten


Haben Sie selbst mal für den Wachturm geworben?

Ja klar, auch ich habe die Zeitschrift den Leuten angeboten


Normalerweise sieht man immer nur Omas mit dem Wachturm in der Hand auf der Straße stehen?

Nein, das sind ja immer nur die Klischee-Zeugen-Jehovas


Aber ich sehe immer nur Omas und manchmal auch Opas.

Die Sie sehen, sind auch meistens die, die es auch noch nicht anders gerafft haben. Aber an der Tür, morgens um zehn Uhr, da klingelt durchaus auch so ein junger Typ wie ich


Die kommen auch an die Haustür?

Ja klar


Bei mir hat noch nie jemand von den Zeugen Jehovas geklingelt.

Sie sind ja auch viel unterwegs, deshalb erreichen wir Sie ja auch nicht. Gut, dass es auf diesem Weg jetzt klappt...


Sie haben also doch noch Kontakt zu den Zeugen?

Nein. Ich kenne zwei, drei Leute aus meinem Freundeskreis von damals. Aber besonderen Kontakt - nein


Sind nicht Kapitalismus und Kommerz bei den Zeugen Jehovas Werke des Teufels?

Nein. Erfolg zu haben ist nicht schlimm. Und sein Geld für seinen Erfolg zu verdienen, ist absolut legitim


Und Media-Markt-Kampagnen lassen sich auch damit vereinen?

Da ich damit nichts mehr zu tun habe, muss ich mir da auch keine Gedanken mit machen, ob das rein passt oder nicht


Sie bekommen aber deswegen keinen Ärger mit Ihren Eltern?

Nein. Die sind ganz stolz auf mich


Stimmt es, dass Ihr Vater Sie zur Harald-Schmidt-Show reinziehen wollte?

Nein. Mein Vater hat mich nie irgendwo reingedrängt, er hat mich immer begleitet. Mein Vater hatte einen ähnlichen Drang zu seiner Zeit, bekannt zu werden. Er war ebenfalls der Klassenkasper. Wir waren damals bei Harald Schmidt zu Gast, ganz am Anfang, als die Show anfing. Damals interessierte ich mich, für Schmidt Gags zu schreiben. Wir sind dann in den dritten Stock der Produktionsfirma hochgefahren und haben uns einfach mal informiert. Ein Redakteur kam auf uns zu, gab mir seine Visitenkarte und sagte, ich könnte ja mal ein paar Gags als Bewerbung für die Show schreiben. Das war's.
Die Produktionsfirma hieß damals Brainpool. Das ist die Firma, mit der ich heute zusammenarbeite


Ihr Vater war schon der Kaspar. Steckt das Witze-Gen im Blut?

Zum Teil. Ich habe ja schon ziemlich viel in der Versicherungsbranche an Life-Anschauungsunterricht mitbekommen. Ich arbeitet fünf, sechs Jahr als Angestellter ganz normal im Büro. Der stinknormale Alltag kann sehr komisch und skurril sein. Und man kann man sich auch dort komödiantisch gut in Szene setzen. Zudem war ich während meiner ganzen Versicherungszeit DJ bei Partys, habe Flirt-Feten moderiert, habe in Hannover fürs Radio gearbeitet. Mein Traum, irgendwas in den Medien machen, wurde schließlich immer größer. Deshalb bin ich nach Köln gezogen


Leben Sie heute Ihren Traum?

Ich tue das, was ich immer machen wollte. Leute unterhalten. Und sie im besten Fall zum Lachen bringen


Was war denn bisher ihr größter Reinfall?

Einer meiner Fernsehtiefpunkte war bei Bärbel Schäfer bei der Sendung "Du bist nicht witzig", wo ich einen Ansatz von Stand-up-Comedy ausprobiert habe und es gnadenlos daneben ging. Die Leute haben wie wild gebuht


Wie geht man mit so einer Niederlage um?

Ich habe immer versucht, das Beste rauszuziehen: Ich hatte zumindest damals schon mal einen Fernsehauftritt auf Video. Das war doch was


Kritiker sagen, Sie seien ein oberflächlicher bis flachgeistiger Komiker.

Das sind nur die Kritiker, die Frankfurter Rundschau lesen. Mir ist das ziemlich egal, was so gesagt und geschrieben wird. Wenn jemand was Gutes schreibt, freue ich mich natürlich. Wenn jemand was Negatives schreibt, denke ich "Na und?" Jeder hat das Recht, Dinge nicht gut zu finden


Sie haben anscheinend ein großes Vertrauen in sich selbst.

Absolut. Meine Sendung gucken im Schnitt eine Millionen Leute - bei 80 Millionen Einwohnern in Deutschland. 79 Millionen ist es also ziemlich kack egal, was ich mache. Damit kann ich aber gut leben


Wie gefallen Ihnen Vergleiche mit Harald Schmidt?

Es gibt überall in der Medienlandschaft Leute, die ich super finde. Ich würde mich niemals mit anderen Leuten vergleichen wollen. Prinzipiell finde ich Vergleiche nicht gut


Bilden Sie sich weiter?

Ich lese viel Zeitung, das ein oder andere Magazin und wenn ich im Urlaub mal Zeit habe auch ein Buch. Aber in Museen hänge ich nicht rum. Viel Lebensreife erlangt ein Typ wie ich wohl am besten, in dem er lebt, unterwegs ist und Dinge erlebt. Zum Beispiel fliege ich bald nach Nepal


Was machen Sie denn da?

Unter anderem Urlaub. Ein Kollege von mir hat da ein Kinderhaus gegründet. Das wollen wir mal besuchen und dann schau ich mir auch mal das Gebirge an - per Trekkingtour


Und dann quatscht Sie einer auf dem Himalaya an und sagt Ihnen: "Lass dich nicht verarschen". Nervig, oder?

Nein, aber damit könnte man rechnen. In Deutschland ist das ja fast täglich so. Aber auf dem Himalaya wäre das schon lustig


Sind Sie nun Werbestar oder Komiker?

In erster Linie: Komiker


Ihre Strategie war immer: berühmt werden.

Nein. Das ist nicht die Strategie. Die Strategie ist, mit dem, was man macht, Erfolg zu haben. Mit der Media-Markt-Kampagne haben wir beides vereint. Es gab bisher zumindest noch niemanden, der gesagt hat: Das ist überhaupt nicht witzig


Hatten Sie bei den Spots Mitspracherecht?

Ja klar. Meine Ideen konnte ich überall einbringen. Deswegen sind sie, glaube ich ganz unbescheiden, so humoristisch und authentisch geworden, wie sie sind


Wer ist Ihr Publikum?

Leute, die zu mir in die Sendung kommen - zwischen 20 und 40 Jahre alt, Studenten, aber auch Leute mit geregeltem Einkommen..


Spießer?

Wenn Sie es so bezeichnen. Für mich sind es Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und ein ganz normales Leben führen. Aber auch Angestellte, Ärzte, Arbeitslose - die ganze Palette


Und die finden sie alle witzig?

Mein Humor ist relativ massentauglich


Ihr Humor ist durchaus auch unter der Gürtellinie.

Ich glaube, das gibt es noch genug Leute, die wesentlich heftiger unter die Gürtellinie stoßen


Geht es ohne Deftigkeit?

Leute lachen eben über Zoten. Das war doch immer schon so. Wenn jemand ein intellektuelles Programm haben möchte, gibt es doch den Scheibenwischer. Mir fehlt dazu auch das Alter. Wer weiß, wie ich drauf bin, wenn ich 40 Jahre alt bin. Vielleicht analysiere ich dann gerne sozial-politische Themen


Sie könnten morgen schon out sein.

Ich glaube das nicht. Ich bin jetzt fünf Jahre im Geschäft mit einer kontinuierlichen Steigerung. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich in ein paar Jahren noch eine Bedeutung in meinem Beruf haben werden. Ich bin jetzt nicht durch einen Werbespot kurz mal bekannt und muss in einem halben Jahr irgendwelche drittklassigen Einspieler drehen. Man muss kontinuierlich an sich arbeiten, versuchen, am Puls der Zeit zu bleibe. Man muss darf halt nicht so viele Fehler machen - zum Beispiel total abgedrehten Mist produzieren


Was gibt es denn gerade für Mist im TV?

Ich verabscheue jede Art von Game-Shows, diese Abzocke. Das ist mit das Grottigste, was es im deutschen Fernsehen gibt


Das hätten Sie damals, als Sie anfingen, bestimmt auch moderiert?

Das kann ich heute nicht sagen. Schon möglich. Ich war ja damals sogar bei einem "Unter-Uns-Casting" und bin heute froh, nicht genommen worden zu sein


Was haben Sie als nächstes vor ?

Im Februar beende ich erst einmal "Rent a Pocher" Dann tauche ich mal etwas weniger im Fernsehen auf, weil ich auf die Bühne gehe. Ich toure durch Deutschland mit meinem Programm: "It's my Life. Aus dem Leben eines B-Promis"


Haben Sie eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen?

Das habe ich ehrlich gesagt nicht - auch wenn meine Eltern mich andauernd darauf hinweisen. Ich setzte aber, wenn es soweit ist, auf den Faktor Mitleid: Ich gebe dann ein Benefizkonzert und die Leute können für mich spenden


Dieser Artikel ist erschienen am 06.01.2005