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Wer soll das bezahlen?

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Jetzt auch noch Studiengebühren! Wie Studenten das Geld zum Leben und Lernen zusammenbekommen und welche Spielregeln dabei zu beachten sind: alle Finanzierungsquellen auf einen Blick.
Endlich ausziehen, in eine eigene Wohnung mit dem Freund - davon träumt Anne Schielke seit langem. Noch wohnt die VWL-Studentin bei ihren Eltern. Die 340 Euro, die Anne jeden Monat von ihnen bekommt, reichen gerade für Klamotten, Mensa, Kosmetika, Kino, Handy, Ausgehen sowie Bücher und Co. für die Uni

Zusätzlich Miete zahlen ist nicht drin. "Da ich kein Bafög bekomme, werde ich mir einen guten Nebenjob suchen müssen, um meine eigene Bude finanzieren zu können", sagt die Drittsemesterin. Mindestens 400 Euro soll der Job bringen, zusammen mit der elterlichen Finanzspritze hofft die Kölnerin über die Runden zu kommen.
Die 500 Euro Studiengebühren, die für Anne ab 2007 anfallen, übernehmen ihre Eltern. "Zum Glück. Alleine könnte ich die Gebühren gar nicht stemmen, höchstens mit noch mehr jobben", so Anne

Die besten Jobs von allen


Knallhart kalkulieren

Wie stemme ich Gebühren, Urlaube, eine eigene Wohnung und überhaupt meinen ganz normalen Lebensunterhalt? Seit für viele Studiengebühren ins Haus stehen, müssen junge Leute wie Anne Schielke ihren Budget-Mix aus Bafög, Nebenjob und Elternunterstützung noch viel härter kalkulieren

Rund 770 Euro braucht der Durchschnittsstudent monatlich für Miete, Essen, Klamotten, Bücher, Fahrtkosten und Urlaub. Die Studiengebühren, die demnächst hinzukommen, belaufen sich auf bis zu 80 Euro im Monat. Tausende sind betroffen: Zum Wintersemester haben Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hamburg Uni-Gebühren eingeführt, Bayern und Baden-Württemberg ziehen im Frühjahr nach. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? karriere zeigt, wie Studenten ihr Geld zusammenbekommen und was vom Bafög bis zum Studienkredit zu beachten ist

Elternunterhalt

Fast 90 Prozent der Studenten bekommen regelmäßig eine Finanzspritze von zu Hause, 435 Euro im Schnitt. Das ist nicht nur eine Frage der Großzügigkeit. Wenn Eltern es sich leisten können, sind sie sogar gesetzlich verpflichtet, den Nachwuchs während der Erstausbildung zu unterstützen. Schließlich haben Studenten, deren Eltern gut verdienen, keine Chance auf Bafög. Außerdem kassieren die Erzeuger auch für ihre erwachsenen Kinder, wenn sie studieren und nicht älter als 25 Jahre sind, Kindergeld, zurzeit gut 150 Euro im Monat

Wie üppig der monatliche Scheck von Papi ausfällt, sollten Studenten in Ruhe aushandeln. Als Orientierung dient die "Düsseldorfer Tabelle" der Familiengerichte. Sie beziffert den Elternunterhalt derzeit auf 640 Euro im Monat, wenn der Nachwuchs nicht mehr zu Hause wohnt (Infos unter www.famzr.de).

Bafög

Verdienen die Eltern zu wenig, springt der Staat ein. Bafög steht generell nur Studenten zu, die das 30. Lebensjahr noch nicht überschritten haben und ihre erste Ausbildung absolvieren. Wie lange es Geld aus öffentlicher Hand gibt, richtet sich nach der Regelstudienzeit des jeweiligen Fachs. Den Bafög-Antrag müssen Studenten beim Amt für Ausbildungsförderung beim Studentenwerk des jeweiligen Hochschulortes stellen.

Ob und wie viel Bafög es gibt, hängt vom Einkommen der Eltern, aber auch von der Zahl der Geschwister, die noch in der Ausbildung stehen, sowie von sonstigen Unterhaltsverpflichtungen ab. Ein Jahresnettoeinkommen der Eltern von 32.000 Euro nennt das Deutsche Studentenwerk als grobe Grenze, von der ab Studenten in der Regel beim Bafög leer ausgehen. Haben die Eltern weniger als 17.500 Euro netto im Jahr zur Verfügung, gibt es meist den Bafög-Höchstsatz von derzeit 585 Euro monatlich

Auch wenn Eltern mehr verdienen, kann sich der Antrag lohnen; immerhin kassieren derzeit rund ein Viertel der Studenten die staatliche Unterstützung, im Schnitt 370 Euro im Monat. Selbst wer nur einen Bruchteil bekommt, kann sich freuen. Schließlich ist das Bafög zur Hälfte geschenktes Geld, ein Zuschuss vom Staat, der nicht zurückgezahlt werden muss. Die andere Hälfte erhält der Student als zinsloses Darlehen, dass er spätestens fünf Jahre nach Studienende anfangen muss zu tilgen (www.das-neue-bafoeg.de)

770 Euro Monatlich gibt der Durchschnittsstudent aus für ...
... Miete und Nebenkosten 250 Euro
... Essen 160 Euro
... Fahrtkosten 85 Euro
... Klamotten 60 Euro
... Telefon/Internet 50 Euro
... Lernmaterial 40 Euro
... Studiengebühren 80 Euro
... bleiben für Freizeit und Spaß 45 Euro

Jobben

Ob als Kellner, Bürohilfe, Taxifahrer oder Umzugshelfer - zwei Drittel aller Studenten müssen regelmäßig jobben, um über die Runden zu kommen. Viele haben gleich mehrere Nebenjobs, die meisten schlagen sich mit Aushilfstätigkeiten für einen Stundenlohn von durchschnittlich weniger als zehn Euro durch (siehe Kasten). 325 Euro verdient Otto Normalstudent damit im Monat.

Wer neben dem Studium regelmäßig Geld verdient, muss aber einige Spielregeln bei Steuern, Kranken- und Rentenversicherung beachten. Schließlich zahlen Studenten meist wesentlich günstigere Beiträge als Arbeitnehmer. Die einfachste Variante ist ein 400-Euro-Job: Um Steuern und Sozialabgaben muss sich der Student dabei nicht kümmern, die trägt der Arbeitgeber pauschal. In den Semesterferien ist ein Fulltime-Job okay, ohne dass Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge auf den Verdienst anfallen - vorausgesetzt, der Ferienjob ist auf 50 Arbeitstage oder zwei Monate pro Jahr befristet

Während des Semesters gelten strengere Regeln für Jobber, weil der günstige Studententarif bei der Krankenkasse nur für aktive Studenten gedacht ist. Soll heißen: Der Job darf nur eine Nebenrolle spielen. Neben dem Brötchenverdienen muss ausreichend Zeit bleiben für Vorlesungen, Seminare und Büffeln in der Bibliothek. Maximal 20 Stunden pro Woche Jobben gilt als angemessen. Wer überwiegend am Wochenende oder nachts arbeitet, darf im Einzelfall mehr Stunden abreißen. Alles, was darüber hinausgeht, kostet den Nebenjobber seinen günstigen Studentenstatus bei der Krankenkasse

Sobald Studenten regelmäßig über der Verdienstgrenze von 400 Euro liegen, werden Beiträge zur Rentenversicherung fällig. In der so genannten Gleitzone bis 800 Euro steigt der Beitragssatz für den Arbeitnehmer langsam bis zum üblichen Prozentsatz von 9,75 Prozent. Nur bei den typischen Ferienjobs, die von vorneherein auf maximal 50 Arbeitstage im Jahr beschränkt sind, fallen für den Studenten keine Rentenbeiträge an. Dauert die Beschäftigung länger, werden ab der Zwei-Monats-Marke Beiträge fällig. Steuern müssen Studenten erst ab einem Jahresverdienst von mehr als 8.580 Euro zahlen; umgerechnet auf den Monat können sie demnach bis zu 715 Euro verdienen, ohne dass der Fiskus Geld sehen will.

Wer diese Grenze ausreizt, riskiert allerdings Kindergeld und Bafög. Kindergeld gibt es beispielsweise nur für Studenten, die maximal 7.680 Euro im Jahr erjobben. Bafög-Empfänger dürfen sogar höchstens 4.200 Euro jährlich verdienen, sonst bekommen sie anteilig die Förderung gekürzt - mehr als 350 Euro monatlich sind also nicht drin; schon ein 400-Euro-Job kappt das Bafög um 38 Euro

Stipendien

Die Chancen, in Deutschland ein Stipendium zu ergattern, sind nicht übermäßig hoch. Aktuell erhalten rund zwei Prozent der Studenten eine öffentliche oder private Förderung - im Durchschnitt 320 Euro pro Monat. Die Studienstiftung des Deutschen Volkes zum Beispiel greift zurzeit 6.000 Stipendiaten mit maximal 525 Euro pro Monat unter die Arme. Insgesamt vergeben mehrere hundert Organisationen Stipendien. Gefördert werden beileibe nicht nur Einser-Kandidaten und Hochbegabte, sondern auch politisch oder gesellschaftlich engagierte Studenten

Hochbegabte werden unter anderem durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes und die Stiftung der Deutschen Wirtschaft unterstützt, während das Cusanuswerk der katholischen Kirche oder das Evangelische Studienwerk konfessionell fördern. Konrad-Adenauer-, Friedrich-Ebert- oder Friedrich-Naumann-Stiftung wiederum stehen den Parteien nahe, die Hans-Böckler-Stiftung den Gewerkschaften. Eine Stipendiendatenbank mit mehr als 600 Programmen findet sich unter www.e-fellows.de

Studienkredit

Wer trotz Finanzspritze von den Eltern und Dauerschichten in der Kneipe nicht über die Runden kommt, kann neuerdings mit einem Studienkredit sein Budget aufbessern. Zahlreiche Geldinstitute wie Sparkassen, Deutsche und Dresdner Bank, die Deutsche Kreditbank sowie die staatliche KfW bieten vergünstigte Darlehen für Studenten an. Das Geld gibt es unabhängig vom Einkommen der Eltern. Im Gegensatz zum Bafög muss allerdings am Ende des Studiums die komplette Kreditsumme zurückgezahlt werden. Die Konditionen zu Zinssatz, Laufzeit und Rückzahlung variieren je nach Anbieter (Infos unter www.karriere.de/Studienkredit).

Bevor Studenten sich fürs Studium verschulden, sollten jedoch zunächst alle anderen Geldquellen wie Bafög, Elternunterhalt, Nebenjob und Stipendienmöglichkeiten ausgeschöpft werden. "Ein Kredit ist der letzte Ausweg, wenn das Geld sonst partout nicht zum Studieren reicht", rät Helga Springeneer, Finanzexpertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Wer sich für ein Studium auf Pump entscheidet, sollte auf die Dosierung achten: Ein Student, der beispielsweise vier Jahre lang 500 Euro monatlich von der Bank kassiert, steht beim Start ins Berufsleben mit mehr als 35.000 Euro in der Kreide. Je nach Zinshöhe muss er dann zehn Jahre lang Monat für Monat rund 300 Euro abstottern. Bei der Kreditaufnahme gilt daher: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Nur 50 Euro mehr jeden Monat summieren sich im Laufe eines fünfjährigen Studiums mit Zinsen auf fast 4.000 Euro Schulden.

Sinnvoll ist ein Studienkredit vor allem für Fortgeschrittene, die kurz vor dem Examen stehen. Dann gibt das Geld von der Bank den angehenden Akademikern die Chance, beim Nebenjob kürzer zu treten, um sich voll und ganz auf Prüfungen und Abschlussarbeit zu konzentrieren. Und wer dadurch schneller studiert, spart am Ende Studiengebühren und kann zügiger ins Berufsleben starten.
Katja Stricker

Typische Nebenjobs Übliche Stunden
Babysitter 5-8 Euro
Büroaushilfe 7-10 Euro
Call-Center Agent 7-10 Euro
Fahrradkurier 10-15 Euro
Fitnesstrainer 6-15 Euro
Interview/Marktforscher 8-10 Euro
Kellner ca.7 Euro(plus Trinkgeld)
Promoter 7-15 Euro
Taxifahrer 5-10 Euro (plus Trinkgeld)
Umzugshelfer 10-15 Euro
Dieser Artikel ist erschienen am 09.11.2006