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Wer nicht mit den Wölfen heult

Von Peter Heinlein, Handelsblatt
Zu schnell, zu wenig Fingerspitzengefühl: Von Lobenstein und André Kemper sind bei der Agentur BBDO gescheitert.
HAMBURG. Zwei der besten Werber Deutschlands wurden am Dienstag kurz vor dem Aufstieg auf den höchstbezahlten Werbethron hier zu Lande gestürzt. Hubertus von Lobenstein und André Kemper sollten am morgigen Donnerstag die Leitung des Deutschlandgeschäftes des weltweit größten Werbenetworks BBDO übernehmen. In der von Neid und Missgunst gekennzeichneten Werbebranche hatten wenige den beiden, die mit einem Salär von unbestrittenen 550 000 Euro plus Bonus und Gewinnbeteiligung geholt wurden, den neuen Job gegönnt. Doch den K.-o.-Schlag, den hätte man Kemper und Lobenstein gern erspart. Er war aber vorhersehbar.?Jetzt wird nur noch Attacke geritten?, mit diesen Worten hatte der Chief Executive Officer von BBDO, Rainer Zimmermann, vor knapp einem Jahr seine beiden Superstars als Geschäftsführer in Düsseldorf in Marsch gesetzt. Sie nahmen es wörtlich. Sie waren schließlich die Stars. Nur ihnen wurde zugetraut, die 3 600 Mitarbeiter dieses in viele verschiedene Unternehmen und Partneragenturen aufgeteilten Netzwerkes mit 2,1 Milliarden Euro Umsatz zu übernehmen.

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Der hoch ausgezeichnete deutsche Kreative André Kemper war dabei. Er hatte 15 Jahre Kaderschulung bei Deutschlands ehemals bester Agentur, bei Springer & Jacoby (S & J), hinter sich. War dort unumstrittener Chef, hatte aber keine Erfahrung mit der Welt außerhalb der S&J-Milchstraße. Wozu auch? S&J-Gründer Konstantin Jacoby und Reinhard Springer, bei denen er lernte, hatten ja Grundgesetze erfolgreicher Werbung aufgestellt, nach denen auch andere Agenturen erfolgreich waren. Damit käme man auch bei BBDO zurecht.Und da war Hubertus von Lobenstein, der Berater mit dem kreativen Herzen. Der Mann, der nach sieben Jahren S&J die deutsche Niederlassung von Saatchi und Saatchi übernahm und sich dort für Größeres empfahl.Diese beiden ?fine young radicals?, wie sie sich selbst nannten, waren Rainer Zimmermann gerade recht. Zunächst sollten sie die in der Branche als verschnarcht geltende Werbeagentur der BBDO wach küssen und dann die Führung des ganzen deutschen Netzwerkes übernehmen.Darin gibt es aber etwa 100 erfahrene Unternehmer, alles Alphatiere, die als Gesellschafter die diversen Geschäfte in Kommunikation, Beratung, Marketing, Werbung und sonstige Dienstleistungen verantworten. Bevor die einen Leitwolf akzeptieren, muss der zumindest mit ihnen geheult haben.Genau das taten Lobenstein und Kemper nicht. Im Gegenteil. Sie nahmen den Marschbefehl wörtlich und ritten nur Attacke. Die Rückendeckung hatten sie ja. Fingerspitzengefühl legten sie nicht an den Tag. Es sollte schließlich schnell gehen.So achteten sie nicht genug auf das Geheul der anderen. Auf die gefletschten Fangzähne der BBDO-Gesellschafter, die sich übergangen fühlten. Auf die wachsende Meute der Jungwölfe, die von Kemper und Lobenstein aus dem Rudel geworfen worden waren. ?Die beiden waren nur auf Sendung, schalteten nicht einmal auf Empfang, um zu hören, was da los war?, beschreibt ein Agenturchef die Szene.Sicher, von Lobenstein war mit Frau und drei Töchtern nach Neuss gezogen, um dem Sitz der Agentur in Düsseldorf nahe zu sein. Kemper und Familie allerdings wollten nicht fort aus Hamburg. Er pendelte zwischen Elbe und Rhein. Und dann machte er auch noch in Hamburg einen BBDO-Ableger auf für seine kreative Task-Force. Ein Schlag ins Gesicht der Kreativen in Düsseldorf. Der Druck war groß. Neugeschäft musste her. Details der Verhandlungen mit dem Autovermieter Sixt landeten als Indiskretion in der Öffentlichkeit, führten zu einem skandalträchtigen ?Werbegate? zwischen BBDO und der Sixt-Agentur Jung von Matt. Die ganze Branche litt darunter, dass Kunden sich darauf bezogen und Dumpingpreise sowie Gratisleistungen einforderten.Das Geheul wurde immer größer und drang nach New York, dem Hauptsitz des Networks und dem der weltweiten Werbeholding Omnicom, zu der BBDO zählt. ?Noch bis in die vergangene Woche hinein wurde uns Vertrauen aus New York signalisiert?, sagt Lobenstein. Doch währenddessen wurden schon die Strippen für andere gezogen.Olaf Göttgens, Chef der BBDO- Consulting, wird Zimmermann beerben. Für Lobenstein war nun kein Platz mehr. Kemper hätte vielleicht bleiben können, geht aber mit. Er hat an ?Plan B? gearbeitet. ?Ich werde eine eigene Agentur gründen, zusammen mit meinem langjährigen Freund Michael Trautmann?, sagte er gestern. Trautmann war deshalb gerade als Marketingchef von Audi ausgeschieden. Ob die beiden aber, wie gemunkelt wird, die BBDO-Mutter Omnicom daran beteiligen, das ist noch offen.Von Lobenstein hat bis zuletzt gekämpft. Er hat keinen Plan B. Seine Rückfallposition ist die Familie. Jetzt hat er erst einmal viel Zeit, ?für meine vier Frauen?. Viel Sport wird er treiben, Reiten und Inlineskaten.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.03.2004