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Wer in Europa zählt

Christoph Mohr, HANDELSBLATT, 17.4.2003
Ranglisten der besten Business Schools sind bei den Schulen gefürchtet und bei MBA-Interessenten beliebt. Nun versucht der Economist, dem bisher maßgeblichen Financial-Times-Ranking den Rang streitig zu machen.
Zwei, drei Mal im Jahr haben die Chefs von Business Schools weltweit eine schlechte Nacht. Dann steht eines der einflussreichen MBA-Rankings ins Haus, das Business Week, Financial Times, US News and World Report oder Wall Street Journal in regelmäßigen Abständen veröffentlichen.

In den USA sollen Business-School-Deans wegen einer schlechten Platzierung auf einer solchen Rangliste schon ihren Job verloren haben. "In Europa sind MBA-Interessenten glücklicherweise etwas intelligenter", bemerkt der Dean einer Top- 15-Schule, "und bewerben sich nicht nur nach Ranking-Resultaten."

Die besten Jobs von allen


Eines ist jedoch klar: Eine gute Platzierung auf einem einflussreichen Ranking bringt den Schulen einige Hundert Interessenten mehr. Wichtiger noch: Die besten Schulen ziehen auch die besten Studenten an. So haben die Business Schools gelernt, mit Rankings zu leben. "Wenn Sie auf einem Ranking gut wegkommen, lieben sie es. Wenn nicht, . . .", ironisiert ein Dean.

Bislang beherrschte das alljährliche MBA-Ranking der Financial Times das Feld in Europa, vor allem auch, weil die Ranglisten solcher Konkurrenten wie Business Week und Wall Street Journal wegen zu starker US-Lastigkeit für den europäischen Markt nur wenig Aussagekraft besaßen. Das könnte sich nun ändern, seitdem sich die Economist Intelligence Unit, ein Schwesterunternehmen des renommierten Wirtschaftsmagazins Economist, entschlossen hat, ihre seit Jahren erhobenen Daten erstmals als gewichtete Rangliste (http://mba.eiu.com) zu veröffentlichen.

"Was seriöse Rankings von solchen unterscheidet, die Publikationen nur machen, um Anzeigenkunden zu locken, ist, dass sie ihre Methodologie offen legen", sagt ein Kenner des MBA-Marktes. Woher kommen die Antworten? Wie viele Leute wurden befragt? Nach welchen Kritierien wurde bewertet?

"Wir glauben, dass es Platz für verschiedene Rankings gibt", sagt George Bickerstaffe von der Economist Intelligence Unit und Autor des MBA-Klassikers "Which MBA?". Vereinfacht könnte man sagen, dass das Economist-Ranking, das auf den Antworten von immerhin 18 255 gegenwärtigen und ehemaligen MBA-Studenten weltweit beruht, nur eine Frage interessiert: Was bringt der MBA für die Karriere?

Bei der Financial Times hingegen fallen noch zwei weitere Kriterienblöcke ins Gewicht: die Qualität der Forschung und die "Diversität", wozu etwa der Anteil von Frauen oder Ausländern unter den Studenten und Dozenten fällt. Die Relevanz und Gewichtung dieser Kriterien sind in der Business-School- Szene stark umstritten. "Was sagt es über die Qualität einer Schule aus, dass sie viele weibliche Studenten hat?", fragt sich Bernard Ramanantsoa, Dean von HEC Paris.

Der große "Gewinner" des Economist-Rankings ist zweifellos der weltweit operierende MBA-Anbieter Henley Management College aus England, dessen MBA-Programme auch über die Universität der Bundeswehr/gfw in München und ab Herbst dieses Jahres in Kooperation mit der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt angeboten werden.

Doch von dieser Ausnahme abgesehen finden sich alle zehn bestbewerteten Schulen auch bei der Financial Times auf den vorderen Plätzen wieder. So bestätigt das "Economist"-Ranking die Galaxie der europäischen Spitzenschulen aus IMD (Lausanne), Insead (Fontainebleau), London Business School, HEC Paris etc.

Aufs Ganze gesehen finden sich die meisten guten europäischen Business Schools nach wie vor in Großbritannien. In Frankreich und anderswo mag es zwar eine wachsende Zahl von MBA-Angeboten geben, die Standards der Briten erreichen sie nicht.

HEC Paris lässt mittlerweile nicht nur seine französischen Mitbewerber (ESSEC, Sciences-Po) weit hinter sich, sondern etabliert sich auch dauerhaft als eines der führenden MBA-Programme in Europa. Die Ambitionen der Grande Ecole gehen sogar noch weiter: "Mein Ziel ist es", sagt die neue MBA-Chefin Valérie Gauthier im Gespräch, "dass HEC in den nächsten fünf Jahren zu den drei besten MBA-Programmen in Europa zählt." Diese Positionen halten bislang nach allgemeiner Einschätzung IMD, Insead und die London Business School.

Spektakulär ist auch der Aufstieg des Instituto de Empresa in Madrid unter dem jungen Dean Angel Cabrera. Sowohl Financial Times als auch Economist sehen die Schule, die in den vergangenen Jahren noch im Schatten der spanischen Marktführer IESE und ESADE stand, heute in der Spitzengruppe.

Zu beobachten sein wird auch die Entwicklung der bislang international eher unbekannten Edinburgh University Business School. Auf beiden Rankings erscheint die schottische Schule nun unter den Top 15.

Erstaunlich das Abschneiden der Rotterdam School of Management (RSM). Sieht die Financial Times die Schule auf Platz 6, erscheint sie beim Economist weit abgeschlagen erst auf Platz 25. "RSM ist extrem stolz auf die guten Ergebnisse bei den meisten Rankings", kommentiert RSM-Dean Kai Peters auf Anfrage. "Wir haben in den letzten Jahren unsere Position stetig verbessert." Mit auch kommerziell positiven Folgen: "Die Zahl der MBA-Studenten ist in den letzten fünf Jahren stetig angewachsen."

Bedauerlich bleibt nach wie vor das MBA-Angebot in Deutschland. Sowohl auf der Rangliste der Financial Times als auch beim Economist findet sich keine einzige deutsche Hochschule.

Anlage: Die besten Business Schools in Europa (Tabelle)
Dieser Artikel ist erschienen am 22.04.2003