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Wer im Home-Office sitzt, macht keine Karriere

Von Christoph Lixenfeld
Warum nicht einen Teil seines Jobs von zu Hause aus erledigen, anstatt sich an mindestens fünf Tagen in der Woche durch den Stau zu quälen? Theoretisch unterstützen auch Arbeitgeber diese Idee. Doch zu Hause arbeiten ist heikel. Im Karrierekarussell wird nur der berücksichtigt, der Präsenz in der Firma zeigt.
Telearbeiter haben schlechtere Karrierechancen als Kollegen, die ständig im Unternehmen präsent sind. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Die Straßen sind verstopft und Bürofläche teuer. Schnelle Datenleitungen dagegen billig und überall verfügbar. Was liegt da näher, als zumindest einen Teil seines Jobs von zu Hause aus zu erledigen, anstatt sich an mindestens fünf Tagen in der Woche durch den Stau zu quälen. Theoretisch unterstützen auch Arbeitgeber diese Idee. Kaum ein Unternehmen, das sich nicht auf seiner Website oder in Pressemeldungen für ein entspanntes Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben stark macht ? meist unter dem griffigen Label ?Work-Life-Balance.?Doch in der Praxis wird die Alternative zum Büroalltag gerade von Führungskräften kaum genutzt. Warum das so ist, förderte eine Studie des internationalen Personalberatungsunternehmens Korn/Ferry zu Tage: 61 Prozent von 1 320 befragten Führungskräften weltweit urteilen, dass Telearbeiter schlechtere Karrierechancen haben als jene Kollegen, die ständig im Unternehmen präsent sind.

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Brisant ist dieses Ergebnis vor allem vor dem Hintergrund der eigenen Wünsche der Befragten: 77 Prozent sagten, dass sie es sich ?definitiv? oder ?eventuell? vorstellen könnten, teilweise zu Hause für ihre Firma zu arbeiten. Nur ein Prozent schloss diese Möglichkeit für sich kategorisch aus. Und: 78 Prozent der Führungskräfte glauben, dass Telearbeiter ebenso produktiv ? wenn nicht sogar produktiver ? sind als die Kollegen vor Ort.Peter Behncke, Partner bei Korn/Ferry in Frankfurt, erläutert dieses Ergebnis: ?Ein funktionierendes Netzwerk ist der Karrieremotor Nummer eins. Also gilt es, Vertrauen aufzubauen, und das funktioniert eben nur über das persönliche Gespräch. Hinzu kommt, dass ein gemeinsames Mittagessen oder das gelegentliche Bier nach der Arbeit den Zusammenhalt noch weiter fördert.?US-Heimarbeiter Chris Miller* analysiert: ?Es kommt eben immer noch mehr darauf an, wen du kennst, und nicht, was du weißt. Und das liegt daran, dass wir im Grunde eben Primaten sind und vor allem jenen vertrauen, mit denen wir ständig gemeinsam unterm Baum sitzen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wer sich erfolgreich Freiräume erkämpft hat, ruft Neider auf den Plan. Ernst Heilgenthal, Personalberater bei Gemini Executive Search in Köln, sieht das ähnlich: ?Die Kollegen wollen Menschen zum Anfassen. Und sie wollen Small Talk: Wie war es im Urlaub? Wie geht es der Familie, soetwas brauchen die Menschen. Dialog besteht nicht nur aus Fakten.? Heilgenthal resümiert: ?Ich kenne kein Unternehmen, das Leute, die im Home-Office arbeiten, noch befördert. Führungskräfte gehören nun mal ins Unternehmen an die Front undnicht auf Nebenschauplätze.? Und weiter: ?Wie soll sich ein Beziehungsgeflecht ergeben mit jemanden, der immer abwesend ist? Und genau das ist Voraussetzung für die Karriere.?
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Hinzu kommt: Wer sich erfolgreich Freiräume erkämpft hat, ruft Neider auf den Plan. Diese Erfahrung hat Dorothea Lamberti* als Personalchefin bei einem Dienstleister in Hamburg gemacht. Sie hatte nach zähem Ringen durchgesetzt, freitags zu Hause zu arbeiten, um nebenbei den gerade anstehenden Hausbau managen zu können. Vier Monate ging das gut, dann fanden plötzlich immer öfter ausgerechnet freitags Meetings statt ? um sie letzten Endes doch an den Tisch zu zwingen. ?Ob ein Wunsch wie meiner akzeptiert wird, hängt auch davon ab, was dahinter steckt,? so Lamberti. ?Ein Kind zu versorgen oder die alte Mutter zu pflegen ? dagegen kann kaum jemand etwas sagen. Aber bei anderen Gründen wird es schon schwieriger.?Und selbst mit handfester Begründung ist das Arbeiten zu Hause oft problematisch. Denn auch die Kollegen nehmen die Heimarbeiter oft nicht ernst. Gerlinde Hummer*, Redakteurin bei einem Zeitschriftenverlag in Hamburg, ist neben dem Job auch Mutter eines vierjährigen Sohnes. Sie arbeitet ? offiziell ? 30 Stunden in der Woche. ?Das Verständnis ist da, aber alle Arbeitsabläufe sind an Menschen orientiert, die ständig zur Verfügung stehen. Wer das nicht tut, gehört irgendwann nicht mehr richtig dazu. Ich fehlte dreimal nachmittags bei einer Konferenz, und beim vierten Mal stand ich dann ? wie aus Versehen ? plötzlich nicht mehr auf dem Mail-Verteiler,? erzählt Hummer.Management Coach Andreas von Studnitz aus Rendsburg mutmaßt, dass Heimarbeit auch deshalb bei Vorgesetzten unbeliebt ist, weil sie Kontrolle behalten wollen. ?Führungskräfte wollen das Gefühl haben, ständig Zugriff auf ihre Leute zu haben. Auch bei Jobs, bei denen es egal ist, wo der Betreffende sitzt. Und wenn es ein Buchhalterposten ist.? Die Folge ist, wie die Korn/Ferry-Studie zeigt, dass die Menschen auf ihr Home-Office verzichten, um ihre Aufstiegschancen nicht zu gefährden. Lamberti: ?Wer wirklich Karriere machen will, muss das Privatleben ganz dem Job unterordnen.?
*Name der Redaktion bekannt
Dieser Artikel ist erschienen am 27.03.2007