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Wer erwürgte Schatzschneider?

Von Christoph Hus, Handelsblatt
Büroangestellte machen Jagd auf den Mörder, damit sie im Job bessere Teams werden.
Die tote Frau liegt mit dem Gesicht nach unten quer auf dem Doppelbett. Im Todeskampf hat sie ihre rechte Hand ins Kopfkissen gekrallt. Der blaue Seidenschal, mit dem sie erdrosselt wurde, ist noch um ihren Hals geschlungen. Doch davon lässt sich keiner der 25 Männer und Frauen aus der Ruhe bringen, die sich im Hotelzimmer drängeln.Vor wenigen Minuten waren sie alle noch verunsichert, als sich ihnen zwei schwarz gekleidete Frauen als Detektivinnen vorgestellt hatten, als sie mit der Unterschrift unter einen Ermittler-Ehrenkodex der Gewalt hatten abschwören müssen, als ihnen ein verstörter Hotelangestellter von dem brutalen Mord in Zimmer 308 berichtet hatte.

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Jetzt mimen alle 25 die erfahrenen Ermittler, die sie aus dem Fernsehen kennen. Alle Männer und Frauen sind Angestellte des Kölner Unternehmens Cosmopolitan Cosmetics, und eigentlich hatten sie heute hier im Kölner Hotel Holiday Inn am Stadtwald eine Fortbildung erwartet. Deshalb war die Überraschung erst groß. Bis sie begriffen, dass hier nichts echt ist. Nicht die Tote auf dem Bett, nicht der nervöse Hotelangestellte, nicht die schwarz gekleideten Detektivinnen.Noch kichern einige nervös über die im ganzen Hotelzimmer des Mordopfers verteilten Sex-Spielzeuge, während andere schon konzentriert Spuren sichern. Ein dunkelhaariger, drahtiger Mann blättert im Kalender der Toten. Rosemarie Schatzschneider hieß sie und hatte am Vormittag noch Besuch.Eine blonde Frau Anfang 30 inspiziert das Badezimmer und entdeckt einen benutzten Schwangerschaftstest. Eine Kollegin schaut ihr über die Schulter, während sie die Handtasche der Toten durchwühlt. ?Hier ist auch ihr Handy drin?, ruft sie und hält das Telefon hoch.Den Mord im Hotel hat die Kölner Agentur Alibi inszeniert. Rund zwei Mal pro Monat strapaziert deren Chefin Anja Deilmann die Nerven einer Gruppe von Hobby-Schnüfflern. Deilmanns Kunden sind mittelständische und große Unternehmen, die die Aktion für ihre Angestellten buchen. Manchmal als Dankeschön für eine besonders gute Leistung eines Teams, manchmal auch aus handfesteren Erwägungen: Etwa weil sich bei der Mörderhatz gut beobachten lässt, wer das Heft in die Hand nimmt und wer graues Mäuschen bleibt.Für einen Tag Detektivspiel muss ein Unternehmen 5 000 bis 8 000 Euro berappen. Dafür bekommen die Angestellten eine ausgefeilte Show geboten. Knapp zehn professionelle Schauspieler tauchen während der Ermittlung auf, mal als Freunde des Opfers, mal als Kunden ? und alle dabei höchst verdächtig.Zwei Stunden nachdem die Leiche im Hotel gefunden wurde, sind die Kölner Ermittler ein Stück weiter. Sie haben die gespeicherten Telefonnummern im Handy der Toten überprüft, das Büro eines Verdächtigen durchwühlt und Fotos sichergestellt, die unter dem Schreibtisch versteckt waren. In der Tiefgarage haben sie den Audi von Conrad von Sternberg gefunden, dem Liebhaber der toten Rosemarie Schatzschneider. Der Mann ist verschwunden.Jetzt aber hat die Ermittlung einen toten Punkt erreicht. Alle sitzen in der Runde, schauen sich ratlos an, schweigen. Da steht ein junger Mann auf und übernimmt die Initiative. Vor ihm haben andere die Ermittlung voran getrieben, jetzt fühlt er sich berufen. Er formuliert die nächsten Aufgaben, schreibt sie an die Tafel und teilt neue Ermittlungsgruppen ein. ?Wir haben schon eine Menge geschafft?, will er seine Kollegen aufmuntern, ?wir sind nicht mehr weit von der Lösung entfernt.?Während eine kleine Gruppe aufbricht, um noch einmal den verdächtigen Hotelangestellten in die Zange zu nehmen, steht Ulrike Preuß ein wenig abseits. Die Personalentwicklerin von Cosmopolitan Cosmetics hat Agenturchefin Anja Deilmann mit der Mord-Inszenierung beauftragt. Ihr Ziel: Die Mitarbeiter, alle Ansprechpartner für die Auszubildenden im Unternehmen, sollen sich besser kennen lernen. ?Ich erwarte nach diesem Tag keine revolutionären Veränderungen im Arbeitsalltag?, erklärt Preuß, ?aber wenn wir hier das Wir-Gefühl noch weiter steigern können, haben wir schon viel geschafft.?Die Hoffnung scheint aufzugehen. Es ist zwei Minuten vor sieben am Abend, als die 25 Detektive mit ihren zwei Chef-Ermittlerinnen einträchtig in einem dichten Gebüsch hocken und auf den Mörder warten. Es ist schon dämmerig, und die Bäume im Kölner Stadtwald werfen gespenstische Schatten. Erst wenige Minuten zuvor war den Detektiven ein Tonband zugespielt worden, auf dem ein Erpresser den Mörder für sieben Uhr hierher bestellt hatte. Schemenhaft kommt jetzt ein großer Mann ins Blickfeld, in der Hand einen Aktenkoffer. Da nähert sich auch aus der anderen Richtung ein Schatten. Direkt vor dem Gebüsch treffen sich die beiden Männer. Erst tuscheln sie nur aufgeregt, dann schreien sie sich an. Den Detektiven im Gebüsch wird jetzt klar, wer der Mörder ist. Plötzlich zieht einer der Männer eine Pistole aus dem Mantel. Krachend fallen zwei Schüsse. Doch die Ermittler sind schneller als der Schurke. Unerschrocken stürmen sie aus dem Gebüsch, entreißen ihm die Waffe und legen beiden Handschellen an.Der Fall ist gelöst. Schon zehn Minuten später stoßen die Amateur- Detektive in der Hotelbar auf ihren Ermittlungserfolg an ? auch mit dem Mörder-Mimen. ?Es war verdammt anstrengend?, schnauft eine junge Frau, ?aber auch spannend, fast wie Kindergeburtstag.?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.11.2003