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Wer dreimal gründet, dem glaubt man

Von Sigrun Schubert
Martin Roscheisen ist Münchener, Seriengründer ? und laut ?Fortune? einer der vielen Top-Jungunternehmer der USA.
SAN FRANCISCO. Risikofreudig? Nur weil er sein viertes Unternehmen gegründet hat und sich trotz ordentlichen Reichtums nicht zur Ruhe setzt? Das amüsiert Martin Roscheisen. ?Nein, ganz und gar nicht. Ich bin sehr konservativ und gehe überhaupt nicht gerne Risiken ein?, beteuert er und lacht laut, während seine Augen leicht ironisch hinter der randlosen Brille blitzen.Der 37-jährige Münchener sitzt auf seiner Couch im lichtdurchfluteten Wohnzimmer in San Francisco, die Fensterfront gibt einen Panoramablick auf die Golden Gate Bridge und den Pazifik frei. Er nippt an seiner Tasse Tee und pausiert einen Moment. ?Die meisten Menschen setzen Unternehmertum mit Risiko gleich?, sagt er. ?Aber ich prüfe im Detail, ob eine Firma Chancen auf Erfolg hat. Für jede Idee, die ich umsetze, gibt es 50 andere, ebenfalls gute, die ich verwerfe.?

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Wenn diese Rechnung stimmt, hatte Roscheisen in den zehn Jahren seit seiner ersten Firmengründung 200 gute Ideen. Vier davon setzte er um ? mit erstaunlichen Erfolgen. 1995 gründete er mit Partnern Findlaw, das juristische Dokumente im Internet publizierte. Sechs Jahre später verkaufte er sein erstes Unternehmen für 30 Millionen Dollar an den Informationsdienstleister Thomson. ?Schlechter Deal?, kommentiert Roscheisen. Aber im unsicheren Klima nach dem Platzen der Internet-Spekulationsblase schien der Verkauf eine vernünftige Option. Mehr Geld gab es da schon für die 1998 gestartete E-Mail-Plattform Egroups: Das Internet-Portal Yahoo übernahm sie für 450 Millionen Dollar. In der Zwischenzeit gab es auch nochTrading Dynamics, eine Internet-Handelsplattform, der Roscheisen 1997 auf die Füße half. 18 Monate später wurde sie vom Softwarehersteller Ariba übernommen. Verkaufspreis: 720 Millionen Dollar. Im Jahr 2003 listete das US-Wirtschaftsmagazin ?Fortune? Roscheisen unter den zehn vielversprechendsten Gründern der USA. Eigentlich hätte er sich aber nach den Verkäufen zur Ruhe setzen können. Das Geld hätte gereicht für ein komfortables Leben.Versucht hat er es. ?Ich schaute den Blumen beim Wachsen zu, reiste, traf mich mit Freunden, investierte in den Film, den mein Bruder produzierte, spielte Tennis, ging auf Partys?, sagt der Wahl-Kalifornier, der sein Informatikstudium an der TU München in Rekordzeit und als Jahrgangsbester abschloss. Doch die nächste Geschäftsidee schwirrte bereits in seinem Kopf. Und dieses Mal soll es das wirklich große Ding werden. So wie bei denen, die gleichzeitig mit ihm als Doktoranden an der Elite-Uni Stanford Tür an Tür werkelten: David Filo und Jerry Yang, die über dem Konzept für Yahoo grübelten; und Larry Page und Sergey Brin, die auf der gleichen Etage zu dieser Zeit Google entwarfen.Da juckt es, der Nachwelt ähnlich Großes zu hinterlassen. Außerdem hat das gründerfreundliche und kreative Klima an der Stanford University Spuren hinterlassen bei Roscheisen: ?Dort ist man an vorderster Front der Innovation, aber trotzdem ist alles spielerischer und kreativer als in Deutschland?, findet der in Deutschland aufgewachsene Österreicher.Lesen Sie weiter auf Seite 2: 48 Millionen Dollar Wagniskapital Doch Roscheisen will es den anderen Ex-Stanfordern nicht im Internet zeigen ? sondern bei der Photovoltaik. Nanosolar heißt sein neues Baby: ?Wir wollen Sonnenkollektoren auf jedes Dach bringen?, sagt er und spielt auf Microsofts Mission an, einen PC in jeden Haushalt zu bringen. Um das zu erreichen, will er die Kosten für Solarzellen auf ein Zehntel drücken. Die Kollektoren, die er mit einem Team aus Wissenschaftlern entwickelte, bestehen aus winzig kleinen Teilchen, so genannten Nanopartikeln, die sich wie Farbe auf Oberflächen auftragen lassen.48 Millionen Dollar Wagniskapital hat Roscheisen bereits zusammen, über einen Standort für die Massenproduktion soll bis Ende des Jahres entschieden sein. Einer der Favoriten: die Region Berlin-Brandenburg. ?Da Deutschland in der Solarenergie zum Neid der Kalifornier weltweit führend ist, planen wir, in Deutschland zu entwickeln und zu produzieren.? Rund 50 Millionen Dollar würde Roscheisen in Produktionsstätten investieren.Dass er überhaupt über einen Standort nachdenken kann, hat Roscheisen seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Als er 2001 begann, Firmen und Konferenzen zu besuchen, um herauszufinden, wie die Herstellungskosten für Sonnenkollektoren drastisch gesenkt werden könnten, reagierten die meisten Gesprächspartner belustigt und hielten das Anliegen für aussichtslos. Und: ?Als wir 2002 versuchten, Wagniskapital zu bekommen, galt die Solartechnik noch als ganz komisches Geschäft, in das keiner investieren wollte?, schmunzelt Roscheisen. Inzwischen halten Anleger in den USA und Kanada alternative Energien für so attraktiv, dass 2004 mehr als eine Milliarde Dollar an Venture-Capital in dieses Feld floss.Auch Top-Wissenschaftler ließen sich begeistern. Bill Gurley, Partner beim Wagniskapitalgeber Benchmark Capital, der in Nanosolar investiert, hält Roscheisens Fähigkeit, die richtigen Leute anzuheuern, für eine seiner Stärken: ?Er ist einer der intelligentesten Köpfe, die ich je getroffen habe.? Wenn Nanosolar einschlägt, könnte es Roscheisens letzte Gründung sein, seine Wirkungsstätte auf absehbare Zeit. ?Firmen zu gründen ist ziemlich schrecklich?, sagt er mit einem explosiven Lachen, das seiner Intensität mit Humor die Schärfe nimmt. Nicht nur für ihn: ?In unserem Labor wurde anfangs jeden Tag 22 Stunden gearbeitet ? nur von vier Uhr morgens bis sechs Uhr morgens war Pause.?Einen kleinen persönlichen Triumph konnte der schlanke Informatiker schon verzeichnen: Zu den Nanosolar-Investoren zählen zwei, die damals in Stanford den Grundstein zum Erfolg legten: Larry Page und Sergey Brin, die Gründer von Google.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.09.2005