Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Wer darf in den Club?

Von Susanne Craig, Wall Street Journals
Im Juni haben Spitzenmanager von Goldman Sachs begonnen, Kandidatenlisten für die Aufnahme in einen der exklusivsten Clubs an der Wall Street zu erstellen. Wer wird sich in diesem Jahr zu den etwa 300 Partnern der Investmentbank gesellen dürfen?
Goldman-Chef Lloyd Blankfein ruft die neuen Partner meist persönlich an. Foto: ap
NEW YORK. Im Verlauf dieses geheimen Auswahlritus bei Goldman Sachs werden die Aspiranten in drei Kategorien unterteilt und mit ?A?, ?B? und ?C? benotet. Wer sich ein ?C? einfängt, gilt als Wackelkandidat. ?Ich versichere Ihnen, dass jeder, der in diesem Prozess mit einem ?B? oder ?C? abschneidet, zum ersten Mal in seinem Leben mit einer solchen Bewertung konfrontiert wird?, sagt Gary Cohn, Co-Präsident von Goldman, der das Ausleseverfahren überwacht.Es ist eine der lukrativsten und geheimsten Wetten der Geschäftswelt: Die Auswahl der elitären ?Partner Managing Directors? oder PMDs von Goldman Sachs. Sie reicht bis zu den Wurzeln von Goldman als ?Private Partnership? ? nicht börsennotierte Gesellschaft ? zurück, also bis in jene Tage, als alle großen Unternehmen der Wall Street auf diese Art und Weise geführt worden waren. Goldman ist zwar 1999 an die Börse gegangen. Aber die Bank bemüht sich, die einstige Club-Tradition aufrecht zu erhalten, und so werden alle zwei Jahre etwa hundert PMDs gekrönt. Berufen zu werden, gilt als Freifahrtschein zu ungeheuren Reichtümern.

Die besten Jobs von allen

?An der Wall Street bedeutet dieser Club das Finale. Er ist das beste Mittel, das ein Unternehmen zur Motivierung seiner Mitarbeiter einsetzen kann, das ich kenne?, sagt Glenn Schorr, ein Analyst, der Goldman für die UBS beobachtet.Am 25. Oktober wird Goldman den neuen Jahrgang der Partner öffentlich vorstellen. Sie rücken dann zu den 287 Managern auf, die den Titel schon errungen haben. Im vergangenen Jahr teilte diese Gruppe mehr als zwei Milliarden Dollar unter sich auf. Das entspricht etwa 20 Prozent der Gesamtvergütung, die Goldman seinen über 25 000 Mitarbeitern weltweit gezahlt hat, verlautete aus Unternehmenskreisen. Auf jeden Partner entfielen damit durchschnittlich rund sieben Millionen Dollar. Zum Vergleich: Der Bankgewinn lag im dritten Quartal 2006 bei 1,6 Mrd. Dollar.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Partner können Goldman-Aktien mit einem Abschlag von 25 Prozent kaufen. Den Goldman-Partnern wird auch die Möglichkeit geboten, an der Seite der Firma zu investieren, wenn sich diese an anderen Unternehmen beteiligt. Das kann sich als sehr lukrativ erweisen. Andere Goldman-Manager bekommen solche Chancen nicht so ohne weiteres. Partner können zudem Goldman-Aktien mit einem Abschlag von 25 Prozent kaufen. Die Firma erledigt die Steuererklärung für sie. Goldman reserviert ihnen sogar einen Tisch in begehrten New Yorker Restaurants wie ?Babbo? und ?Spice Market?.Einige Partner verdienen sogar mehr als ihre Chefs. Mark McGoldrick, der im Jahr 2000 Partner wurde und eine Gruppe leitet, die das eigene Geld der Firma investiert, hat es im vergangenen Jahr auf etwa 40 Mill. Dollar gebracht, verlautete aus dem Unternehmen. Lloyd Blankfein, Chairman und Chief Executive der Investmentbank, verdiente 2005 dagegen nur 30,8 Mill. Dollar.Diejenigen, die dem Unternehmen das meiste Geld einbringen, - intern heißen sie ?Commercial Killers? ? haben die besten Chancen, Partner zu werden. Im Jahr 2004 kamen nur vier der Auserwählten aus Abteilungen, die keinen Umsatz generieren, wie etwa der Rechtsabteilung.Die Spitzenmanager, die die Kandidaten überprüfen, befragen niemals die Hoffnungsträger selbst. Sie tauschen sich über die Betreffenden lieber mit anderen Partnern aus. Wenn die Entscheidung gefallen ist, wird wahrscheinlich Blankfein den neuen Partnern die frohe Botschaft überbringen. Die nicht berücksichtigten Manager werden von ihren Abteilungsleitern benachrichtigt. Nur wenige Kandidaten finden jemals heraus, warum sie es geschafft oder nicht geschafft haben.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Gewinnern, die nach ihrer Ernennung die Erwartungen enttäuschen, legt man schon einmal diskret den Abgang nahe.?Als ich vor der Wahl zum Partner stand, war mein einziges Ziel, nicht auf irgendeine Landmine zu treten, meinen Kopf geduckt zu halten und weiter meine Leistung zu bringen?, sagt Michael Daffey, Co-Leiter der Gruppe für europäische Aktien bei Goldman, der 2002 zum Partner erkoren worden war.Wer nur unter ?ferner liefen? rangierte, bekommt manchmal zwei Jahre später noch einmal eine Chance. Aber meist ist eine Karriere bei Goldman dann passé. Gewinnern, die nach ihrer Ernennung die Erwartungen enttäuschen, legt man auch schon einmal diskret den Abgang nahe.Der Investmentbanker George Foussianes war mindestens zweimal durchgefallen. Er hatte bei Goldman in verschiedenen Abteilungen gearbeitet und konnte deshalb auf keinen einzigen Partner als Mentor zurückgreifen. Das habe seine Chancen geschmälert, sagen mit dem Auswahlverfahren vertraute Personen. Er hat Goldman im vergangenen Jahr verlassen und arbeitet jetzt bei HSBC in einer Spitzenposition. Er sei über das Ergebnis enttäuscht gewesen, aber er sehe den Prozess selbst als wertvoll an, sagt Foussianes.Mark Slaughter, ein Jurist mit Harvard-Ausbildung, der für Goldman in der Investment-Banking-Abteilung gearbeitet hatte, war mehr als einmal übergangenen worden, bevor er 2005 die Bank verließ und eine leitende Position bei der Citigroup annahm. Er wollte keine Stellungnahme abgeben. Robert Hottensen, ein Aktienanalyst, hatte zweimal das Ziel verfehlt und ist gegangen. Er sei ?extrem enttäuscht? gewesen, aber allein die Möglichkeit, Mitglied im Club zu werden, habe ihn motiviert, noch härter zu arbeiten, sagt Hottensen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Aus Überfliegern Partner zu machen, garantiert noch nicht, dass sie beim Unternehmen bleiben. In der vergangenen Woche hat Joseph Stevens, einer der Spitzenbanker von Goldman in China, für internen Aufruhr gesorgt, als sein Wechsel zu Standard Chartered bekannt wurde. Stevens hat sich damit selbst aus dem Rennen genommen, nachdem spekuliert worden war, er werde den Partner-Titel nicht schaffen. Stevens hatte nach eigenen Worten von den Gerüchten gehört. Es sei ihm aber gesagt worden, er habe eine ?sehr gute Chance?, Partner zu werden. Er habe die Firma verlassen, weil er den Chefposten in China nicht bekam. Goldman wollte die Entscheidung nicht kommentieren. Aus Überfliegern Partner zu machen, garantiert noch nicht, dass sie beim Unternehmen bleiben. George H. Walker, ein Cousin zweiter Linie von US-Präsident Bush und ein aufgehender Stern an der Wall Street, war 1998 Partner geworden. Trotzdem ist er Anfang des Jahr zu Lehman Brothers gewechselt.Goldman will mit der Partnerwahl seine Talente binden. Denn die Konkurrenz seitens der Hedge- Fonds, die für Starhändler Spitzengehälter zahlen, ist groß. ?Es gibt viele Firmen, die gerne unsere Leute abwerben würden. Aber die Anziehungskraft, die die Partnerschaft ausübt, ist immer noch ein sehr starker Anreiz, zu bleiben?, sagt Goldman-Präsident Cohn.
So funktioniert es:Zeitplan: Die Abteilungsleiter haben am 3. April mit der Auswahl von geeigneten Mitarbeitern begonnen, die die potenziellen Partner überprüfen sollen. Damit begann ein vielstufiges Verfahren. Am 25. Oktober werden die Partner bekannt gegeben.Auswahl: Goldman war zu keiner Stellungnahme zu den diesjährigen Kandidaten bereit. Zuletzt wurden 2004 insgesamt 237 Personen nominiert, 174 von den Partnern überprüft und 99 ausgewählt, darunter nur 14 Frauen.?Kreuztrumpfen?: Der Begriff stammt vom ?Bridge?. Er meint, dass die Partner jeweils Kandidaten aus anderen Abteilungen unter die Lupe nehmen. Der Prüfer bekommt eine weiße Mappe mit einem Photo des Kandidaten, einer Übersicht über seine Leistungen und einer Liste der Partner, die ihn kennen. Oft hat der Prüfer den Kandidaten noch nie gesehen.Informationen: Acht der 23 Mitglieder des Managementkomitees und eine Reihe von derzeitigen und ehemaligen Partnern erklärten sich bereit, darüber zu sprechen, was hinter den Kulissen passiert.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.10.2006