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Wer braucht eigentlich Historiker?

Hans-Martin Barthold
Sie blicken auf viel Vergangenheit zurück - und in eine unbestimmte berufliche Zukunft. Unbestimmt ist aber nicht gleich düster: Historiker, die ihrem Studium einen guten Schuss Praxis beimischen, kommen in sehr verschiedenen Jobs unter.
So mancher Lesemuffel hat das Geschichtsstudium schon geschmissen. Denn Geschichte studieren, heißt vor allem mit Texten arbeiten, weiß Oliver Häuser, an der Uni Tübingen im zwölften Semester. Als Fachschaftsvertreter kennt er die Probleme von Studienanfängern: "Mehr noch als mit der Textmasse kämpfen Erstsemester mit den komplexen Inhalten." Die Auswertung von historischen Quellen plus Sekundärliteratur sei schließlich nicht mit der Lektüre eines Konsalik-Romans zu vergleichen.

Was sagen die Quellen über Lebensverhältnisse und Machtstrukturen? Wieso haben Ideologien sich in einer bestimmten Zeit in eine bestimmte Richtung entwickelt? Müssen historische Ereignisse auf Grund einer neuen Quellenlage neu bewertet werden? Das sind zentrale Fragen, denen Geschichtsstudenten nachgehen. "Wer sich zu schnell mit oberflächlichen Erklärungen zufrieden gibt, ist mir schon im Proseminar suspekt", sagt der Bochumer Professor Thomas Mergel.

Die besten Jobs von allen


Stefan Zauner, promovierter Historiker und Studienfachberater an der Tübinger Uni, sieht das genauso: "In unserem Fach geht es ja keineswegs nur um "facts and figures". Sondern auch um historische Phänomene, die so oder so interpretiert werden können." Das Geschichtsstudium vermittle keine Glaubensweisheiten, sondern die Fähigkeit, sich mit verschiedenen Positionen auseinander zu setzen.

Dies ist eine der Schlüsselqualifikationen, die Absolventen hilft, sich auf dem Arbeitsmarkt über Wasser zu halten. Die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen, ist in vielen Branchen gefragt - beispielsweise in den Medien, der politischen Beratung, der Öffentlichkeitsarbeit, in Kunst und Kultur oder in der Erwachsenenbildung. Außerdem sind Historiker fit darin, zu recherchieren, große Informationsmengen zu verarbeiten und Ergebnisse gut strukturiert zu präsentieren.

"Von den übrigen Geisteswissenschaftlern heben Historiker sich durch ihre überdurchschnittliche Methodenkompetenz ab. Und sie besitzen eine große Tiefenschärfe", sagt der Bochumer Professor Mergel selbstbewusst. "Denn in der Geschichtsforschung geht es zwar um Detailfragen. Aber immer vor einem tiefen Hintergrund."

Die im Studium erworbenen Qualifikationen allein reichen jedoch nicht aus, um den Wunschjob zu bekommen, betont Mergel. "Hinzu kommen muss sehr viel persönliches Engagement, beispielsweise selbst organisierte Praktika. Denn gesucht sind aufgeweckte Persönlichkeiten, keine Fach-Schlafmützen." Viele entscheiden sich für das Geschichtsstudium mittlerweile von vornherein mit einem eher fachfremden Berufsziel, beobachtet der Bochumer. In den angestammten Sparten Hochschule, Archiv, Bibliothek und Museum - wo der Bedarf im Übrigen seit jeher gering ist - verdienen nur wenige Absolventen ihr Geld

Auf fremdem Terrain zu navigieren, müssen Historiker bereits im Studium lernen: Die Berührungspunkte mit anderen Fächern sind vielfältig. Schnittmengen gibt es beispielsweise mit Politik, Soziologie und den Wirtschaftswissenschaften. Außerdem typisch für das Geschichtsstudium: Lehrveranstaltungen bieten nur Ein- und Überblicke, die es selbstständig zu vertiefen gilt.

Die bislang erst vereinzelt, künftig aber wohl vermehrt eingeführten Bachelor- und Masterabschlüsse könnten das Geschichtsstudium allerdings stärker verschulen; ähnlich wie etwa in den USA. Historiker Zauner, der das jetzige Magisterstudium für "sehr vernünftig" organisiert hält, verfolgt diese Entwicklung mit Sorge.

Auch Fachkollege Mergel fürchtet um den Verlust von Kernkompetenzen: "Im Geschichtsstudium geht es ja gerade nicht um die Aneignung vorgegebener Kanones, also bestimmter Regelwerke." Die Wahlfreiheit, die die Prüfungsordnung der Magisterstudiengänge bietet, bedeutet: Studenten müssen viele Entscheidungen allein treffen: Wo setze ich Schwerpunkte im Studium - Alte, Mittlere oder Neuere Geschichte? Was ist die optimale Fächerkombination?

"Den Geheimtipp dafür gibt es nicht", sagt Studienfachberater Zauner. Maßgeblich seien die persönlichen Interessen und Berufsziele. Geschichtsprofessor Mergel plädiert für Nebenfächer wie BWL oder Jura, "die Herrschaftswissen vermitteln". Deshalb seien auch spezielle historische Disziplinen wie Medien- oder Medizingeschichte empfehlenswert. Daneben hält Mergel eine Promotion für wichtig - auch für eine Karriere in fachfremden Jobs. Aber Vorsicht vorm Verzetteln, warnt Student Oliver Häuser: "Hat man an der Geschichte erst mal Feuer gefangen, könnte man ein Leben lang studieren."
Dieser Artikel ist erschienen am 24.01.2002