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Wenn es im Briefkasten tickt

Von Lars Reppesgaard, Handelsblatt
Nicht nur Politiker, auch Manager können zum Ziel von Briefbomben werden. Doch noch wird das Thema in weiten Teilen der Unternehmenslandschaft unterschätzt.
Immer häufiger flattern Briefbomben bei Institutionen und Unternehmen ins Haus. Foto: dpa
?Die Krisenplanung von Unternehmen muss Verhaltensrichtlinien für den Fall vorsehen, dass verdächtige Postsendungen eingehen?, erklärt Marc Vink, General Manager beim Risiko-Beratungsunternehmen Control Risks in Berlin. Doch das Thema Briefbomben wird unterschätzt, warnt Walfried Sauer, Geschäftsführer der Result Group in München: ?Wer eine eigene Abteilung für Konzernsicherheit hat, ist in der Regel auch in diesem Bereich gut aufgestellt. Doch das sind meist nur die großen Unternehmen. Der Mittelstand macht leider oft gar nichts und ist sehr verwundbar.?Dabei muss man nicht im politischen Rampenlicht stehen, um zum Ziel für Briefbomber zu werden. ?Drohungen und Sprengstoffsendungen gibt es oft bei Restrukturierungen und Entlassungswellen?, beobachtet Sauer.

Die besten Jobs von allen

Häufig braucht es einen konkreten Anlass, damit die Unternehmen an größere Sicherheit denken: Bei der MVV Energie AG in Mannheim sorgte eine Bombendrohung einen Tag nach den New Yorker Terroranschlägen dafür, dass die Mannheimer Energieversorger ihre Sicherheitsrichtlinien überarbeiteten.Zu den Schutzmaßnahmen gehörte vor allem die Einrichtung eines zentralen Posteingangs. Das ermöglicht die Prüfung der Post durch geschultes Personal. ?Wenn eine verdächtige Sendung identifiziert wird, informiert man den Empfänger und schaut sich gemeinsam an, was abgegeben wurde?, erläutert MVV-Unternehmenssprecher Roland Kress.Außerdem pflegen die Mannheimer neben dem direkten Draht zur Polizei gute Beziehungen zu den US-Streitkräften, die in der Stadt stationiert sind. US-Sprengstoff-Spezialisten haben die Mitarbeiter der Poststelle geschult und rücken bei Bedarf mit Spürhunden an, um verdächtige Sendungen zu prüfen.Schulungen bieten aber auch verschiedene Sicherheitsdienstleister an: Sekretärinnen und Mitarbeiter von Poststellen lernen hier, Auffälligkeiten festzustellen und mit solchen Posteingängen richtig umzugehen.Briefe, die pauschal an die Geschäftsführung adressiert sind, oder Sendungen an einzelne Empfänger, auf denen Aufschriften wie ?persönlich? oder ?vertraulich? stehen, ohne dass ein entsprechendes Paket erwartet wird, machen die Sicherheitsexperten ebenso misstrauisch wie Pakete, auf denen kein oder ein unleserlicher Absender steht. Auffällig sind auch Päckchen, die sehr viel schwerer sind, als sie aussehen, die hörbar Metallteile enthalten oder deren Gewicht innerhalb der Sendung ungleich verteilt ist.Vorsicht ist zudem geboten, wenn Fettflecken auf dem Verpackungspapier sind oder Pakete weihnachtlich duften: Einige Sprengstoffe riechen wie Marzipan oder Mandelaroma. ?Oder auf der Sendung ist mehr Porto als notwendig, weil der Absender sicher gehen will, dass sie ankommt?, erklärt Sauer. ?Je mehr dieser Punkte auf die Sendung zutreffen, desto größer ist das Verdachtsmoment.?Mindestens ebenso wichtig wie die Schulung der Mitarbeiter sind Maßnahmen im Vorfeld, zu denen Analysen der Widerstandskraft kritischer Gebäudeteile ebenso gehören wie die Schaffung von technischen Voraussetzungen für die Erkennung und sichere Behandlung von Briefbomben.Im Ernstfall raten die Sicherheitsexperten, verdächtige Sendungen ungeöffnet liegen zu lassen oder sie, wenn dies offensichtlich gefahrlos möglich ist, ins Freie zu bringen. ?Diese Sendungen explodieren in der Regel nicht sofort?, erklärt Marc Vink. ?Sie haben schon den ganzen Postweg überstanden und sind so konstruiert, dass sie erst zünden, wenn sie geöffnet werden.Auf keinen Fall, so die Experten, sollten Unternehmensmitarbeiter sie knicken, schütteln oder gar versuchen, verdächtige Sendungen selbst zu entschärfen, sondern umgehend Experten der Polizei zur Hilfe rufen.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.01.2004