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Wenn die Meeresschildkröten zurückkehren

Von Claudia Müller
Glänzende Karriereaussichten locken immer mehr gut ausgebildete Chinesen aus Übersee in die Heimat zurück. China profitiert von ihrem Kapital und ihren Kenntnissen. Eine Handelsblatt-Reportage.
HB SCHANGHAI. Cha Li nippt genüsslich an seiner Tasse Jasmintee. Sein Schreibtisch ist leer bis auf Laptop und Handy, an der Wand hängen neben dem Schwert eines chinesischen Kaisers diverse Golf- und Tennisschläger, im Hintergrund läuft eine Sonate von Mozart. Cha Li hat es sichtlich geschafft. Er ist wohlhabend, er hat einige Unternehmen gegründet, er beschäftigt 1 000 Mitarbeiter. Und ganz nebenbei wird er nun einen Sammelband mit seinen eigenen Gemälden veröffentlichen. Aus alter Liebe.Leute wie Cha Li nennt man in China ?Meeresschildkröten?. ?Heimkehrer? heißen auf Chinesisch ?hai gui?. ?Hai? bedeutet ?Meer?, ?gui? heißt ?zurückkehren?, aber auch ?Schildkröte?. Remigranten sind also wie Meeresschildkröten: Sie werden am Ufer (in China) geboren, wachsen im Meer (in Übersee) auf, kehren aber schließlich wieder ans heimische Ufer zurück.

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Sie haben nach der Kulturrevolution im Ausland studiert, sie haben es dort zu etwas gebracht. Und jetzt, in Zeiten der Liberalisierung, kehren sie wieder zurück und befeuern den chinesischen Kapitalismus mit ihrem Geld und ihren Ideen. Von den rund 580 000 Auslandsstudenten sind bislang mehr als 150 000 zurückgekehrt. Und die Zahl der Remigranten nimmt nach amtlichen Statistiken jedes Jahr zu: So gab es im Jahr 2002 etwa 18 000 Heimkehrer und damit etwa doppelt so viele wie im Jahr 2000.Cha Lis Leidenschaft waren immer Kunst und Malerei ? und tatsächlich bestand er 1977 die Aufnahmeprüfung an der renommierten Nationalen Hochschule für bildende Künste in Hangzhou. Doch eine Woche vor seinem Abschluss wurde er zur Umerziehung aufs Land geschickt. Seine Zeichnungen waren ?zu modern?. Nach drei Jahren Arbeitslager ergatterte er in Schanghai ein Stipendium des British Council für ein Kunststudium in London.Das war seine große Chance. Er erinnert sich: ?1984 war China ein dunkler Ort.? In dem obligatorischen Vorbereitungsseminar vor seiner Ausreise zeigte man ihm einen Furcht einflößenden Film, in dem die Einwohner Londons mit Gasmasken herumliefen ? angeblich zum Schutz gegen die hohe Luftverschmutzung. ?In Panik versuchte ich noch vor meinem Abflug eine Gasmaske aufzutreiben. Bei meiner Ankunft in London stellte ich dann völlig erstaunt fest, dass alles gar nicht stimmte.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Remigranten müssen gute Beziehungen aufbauenNach 13 Jahren im Ausland und einer Karriere zunächst als Maler, dann als Leiter einer eigenen Werbe- und Marketingfirma in New York besuchte Cha Li im Jahr 1997 erstmals wieder China ? und traute seinen Augen kaum: Denn das heutige China mit Leuchtreklamen, Mobiltelefonen und Internet steht im krassen Gegensatz zu jenem Land, das er 1984 verlassen hat. Cha Li witterte Geschäftsmöglichkeiten und blieb dort, um den ersten E-Mail-Anbieter Chinas ins Leben zu rufen. In den folgenden Jahren gründete er noch ein Medienunternehmen, eine Plattenfirma für chinesische Untergrundmusik und landesweite Online-Testzentren für Studenten im Fernstudium, die sich nun die weite Reise in die Hauptstadt zum Ablegen der Prüfungen sparen können.Die hohen Wachstumsraten Chinas sind für die meist diplomierten und berufserfahrenen Rückkehrer die Chance, schnell viel Geld zu verdienen. Gleichzeitig beschleunigen die ?Meeresschildkröten? die wirtschaftliche Entwicklung sogar noch. Denn erstens sind hoch qualifizierte Arbeitskräfte in China knapp. Zweitens gründen viele Rückkehrer ein Unternehmen und schaffen damit Arbeitsplätze. Und nicht zuletzt bringen Remigranten neue Ideen und Technologien mit zurück.Unter den 50 000 Übersee-Chinesen, die bislang nach Schanghai zurückkehrten, sind 2 500 Unternehmer ? angesichts der immer noch schwierigen Rahmenbedingungen in China eine beachtliche Zahl. Zum Beispiel sind gute Beziehungen zu den Behörden für den Erfolg unerlässlich. Diese so genannten ?guanxi? müssen auch Remigranten zunächst einmal aufbauen. Hinzu kommt ein oft noch unreifer Markt. Unter solchen Voraussetzungen bietet auch die beliebte Methode, westliche Geschäftsmodelle zu kopieren, keine Erfolgsgarantie.Doch es kann funktionieren: Geschafft haben es beispielsweise die Gründer des ersten chinesischen Online-Auktionshauses Eachnet. Nur vier Jahre nach der Gründung konnten sie ihr Unternehmen für mehrere Millionen Dollar an ihr Vorbild Ebay verkaufen. Hai Yin Tan war Gründungsmitglied. Sie hat mit ihren 30 Jahren bereits ein Studium in China, drei Jahre Arbeitserfahrung bei der Unternehmensberatung McKinsey, ein MBA-Studium in Harvard und mehrere Jahre als Managerin eines Start-ups in China hinter sich. ?Ein Start-up in China zu gründen ist schwierig?, sagt sie. Zu Anfang hätten sie keine Genehmigung von den Behörden erhalten. Außerdem sei es schwierig gewesen, mit den Banken ein Abkommen zum Online-Banking auszuhandeln.Lesen Sie weiter auf Seite 3: So ganz trauen Heimkehrer dem neuen China noch nichtBesonders in forschungsintensiven Branchen wie Biotech, Pharma oder IT spielen Remigranten eine wichtige Rolle. Denn bislang gibt es kaum einheimische Unternehmen, die eigenständig neue Produkte entwickeln und nicht nur imitieren. Wegen ihrer Kompetenz arbeiten viele Remigranten zusätzlich als Professor, als Leiter staatlicher Forschungseinrichtungen oder als Berater der Regierung.Der Biotech-Unternehmer Ying Luo konnte nicht nur US-amerikanische Investoren für sein Vorhaben gewinnen. Seine Referenzen aus dem Ausland erleichterten ihm auch die Mittelakquise in China. So erhielt Ying problemlos Geld von lokalen Wagniskapitalgebern. Außerdem bewilligte das chinesische Ministerium für Wissenschaft und Forschung eine Million Dollar. Die nutzt das Unternehmen für Forschung auf internationalem Niveau: 67 Angestellte, darunter elf mit einem Doktortitel, arbeiten unter anderem an der Entwicklung eines Medikaments gegen die Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose. Zum Vergleich: Der wichtigste Geschäftsbereich einheimischer ?Biotech-Unternehmen? ist häufig die Entwicklung von Ernährungszusätzen.Die meisten Heimkehrer siedeln sich an der florierenden Ostküste an. Etliche wählen beispielsweise den Zhangjiang-High-Tech-Park in Schanghai, weil es in China keinen Ort gibt, der dem Silicon Valley so ähnlich sieht. Die Stadtregierung Schanghais hat Zhangjiang nach US-Vorbild anlegen lassen, mit breiten Straßen, vielen Grünflächen, künstlichen Seen und lichten Gebäuden. Auch die Gründer selber beschwören das Silicon-Valley-Flair herauf, indem sie beim Bau ihres Firmengebäudes in China das ihres ursprünglichen Arbeitgebers in den USA imitieren - inklusive Dachterrasse und Cocktail-Bar.Doch so ganz trauen viele Heimkehrer dem neuen China noch nicht. Viele lassen ihre Familie in den USA zurück und fliegen dafür mehrmals im Jahr über den Pazifik. ?Man nennt mich auch den Skyman?, lacht Ying, dessen zwei Söhne in den USA aufwachsen, ?weil ich mehr Zeit in der Luft als auf der Erde verbringe.?Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Köln und schreibt eine Promotion zur Rolle der Remigranten in China.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.07.2004