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Wenn der Jäger zum Gejagten wird

Von Dirk Heilmann
Nur wenige Wochen nach seinem Amtsantritt als Rio-Tinto-Chef schluckte Tom Albanese den Konkurrenten Alcan. Nun ist sein Unternehmen selbst ins Visier eines Jägers geraten: Rohstoff-Gigant BHP Billiton macht Albanese ordentlich Druck mit seinem Übernahmeangebot.
Vom Jäger zum Gejagten: Tom Albanese Foto: rtr
LONDON. Als Tom Albanese am 9. September seinen 50. Geburtstag feierte, war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Auf einer Board-Sitzung in Johannesburg gratulierten ihm seine Kollegen aus der Führungsspitze des Rohstoffkonzerns Rio Tinto. Ein ereignisreiches halbes Jahr lag hinter ihnen, seit Albanese am 1. Mai das Chefbüro in London bezogen hat.Dabei hatte er mit einem Bluff begonnen: Zum Amtsantritt hatte der Mann mit den kurzen, welligen Haaren Kontinuität versprochen und versucht, Analysten von der Erwartung abzubringen, dass er einen aggressiveren Kurs als sein Vorgänger Leigh Clifford steuern werde.

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Nur zehn Wochen später stand Tom Albanese auf einer Bühne in Montreal und besiegelte die größte Übernahme der Firmengeschichte. Für 38 Milliarden Dollar verleibte er Rio Tinto den kanadischen Aluminiumkonzern Alcan ein. Rio ist nun mit einem Schlag größter Aluminiumhersteller der Welt. Kein schlechter Einstand für Albanese.Und nur zwei Monate später sieht die Welt schon wieder ganz anders aus: Der neue Chef des Rohstoff-Weltmarktführers BHP Billiton, Marius Kloppers, hat ein Angebot für Rio Tinto auf den Tisch gelegt ? drei BHP-Aktien für eine Rio-Aktie.Der Jäger wird zum Gejagten: Der 45-jährige Kloppers macht Albanese ordentlich Druck. Als der Board von Rio Tinto das erste Angebot abwies, wendete sich der ehrgeizige Kontrahent umgehend an die Rio-Tinto-Aktionäre. Kloppers will unbedingt einen der fünf größten Konzerne der Welt schmieden, der mit einer Marktkapitalisierung von an die 400 Milliarden Dollar wertvoller wäre als Microsoft. Für Tom Albanese allerdings wäre darin wohl kein Platz mehr.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Albanese bastelt an einer AbwehrstrategieKloppers und sein BHP-Billiton Finanzchef Alex Vanselow bearbeiten nun die Investoren ? in der Hoffnung, dass diese Albanese Druck machen. Am Donnerstag waren die Australier dran, am Freitag war Kloppers in Südafrika. Vanselow weilt in den USA, während Kloppers diese Woche durch Asien tourt. Die Botschaft ist klar: BHP Billiton will es wissen.Albanese bastelt indessen mit Bankern und Beratern an einer Abwehrstrategie. Laut "Wall Street Journal? schließt er sogar ein Gegenangebot nicht aus. Auch wenn Analysten und Fondsmanager das für unwahrscheinlich halten, zeigen sie sich aufgeschlossen für die ganz große Fusion. Banker und Anwälte wollen sie sowieso ? schließlich locken bei einem Rekorddeal Rekordhonorare. Und der Rio-Tinto-Chef ist klug genug, um zu wissen, dass es nicht lohnt, sich gegen eine Fusion zu stemmen, die die Märkte wollen.Tom Albanese wirkt zwar wie ein Finanzexperte, ist aber wie Vorgänger Clifford ein Bergbau-Mann durch und durch. Mit 18 Jahren verließ der Outdoor-Fan das Elternhaus in New Jersey, um in Alaska Geologie zu studieren. Mit 24 heuerte er bei einer Goldminenfirma an, die der Bergbaukonzern Nerco übernahm. Dort stieg Albanese auf und bereitete eine Serie von Übernahmen vor ? bis Nerco selbst von Rio Tinto geschluckt wurde. In dem Weltkonzern steigt er über Stationen in London, den USA und Australien in den Vorstand auf. Mitarbeiter beschreiben ihn als "echt netten Kerl?, der über ein enormes Detailwissen verfügt.Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in der Nähe von London. Dort hat sich Albanese gerade ein Hausboot gekauft, um über die englischen Kanäle zu schippern. Vielleicht hat er dafür bald ganz viel Zeit.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.11.2007