Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Weltreisender Risikomanager

Von Chrostoph Hardt
Wenn es einen Job gibt, der belegt, dass Versicherung längst globales Geschäft ist, dann der des Risikoingenieurs bei der Allianz. Seine Aufgabe: Vermeidung von Unglück. Eine Handelsblatt-Reportage.
MEDELLIN. Als der Hubschrauber, den die Allianz-Tochter Colseguros in Medellin gechartert hat, am Rande des Kraftwerks Termocentro niederschwebt, fallen zwei Dinge auf. Die Schlote, die nicht rauchen, und die halbe Hundertschaft Soldaten, die den Landeplatz und die Hügel rund um das staatliche Gasturbinen-Kraftwerk bewacht.Die Stromversorgung ist ein Schwachpunkt Kolumbiens, die Guerilleros der ?Farc? sprengen bevorzugt Strommasten in die Luft. Und mitunter haben sie es auch auf das Gas abgesehen.

Die besten Jobs von allen

Schon von oben hat einer der zehn Passagiere ganz genau hingesehen. Er hat blonde Locken, ist groß gewachsen, man sieht ihm von weitem schon an, dass er nicht von hier ist. In Kolumbien nennen sie ihn ?Doctor Rudiger?. Sein bürgerlicher Name ist Rüdiger Beauvais. Er stammt aus München und reist im Auftrag der Allianz. Seine Aufgabe: die Vermeidung von Unglück.?Doctor Rudiger? ist Risikoingenieur, ein Weltreisender in Sachen Risikomanagement, einer von weltweit 140 Mitarbeitern der Allianz Risk Consultants. Beauvais ist auf Südamerika-Tour, ein gutes Dutzend Stromfabriken hat er schon besichtigt. Hier Dampfturbinen von General Electric, da Gasturbinen von Westinghouse, mal ein japanisches Fabrikat, dann deutsche Wertarbeit.Wenn es einen Job gibt, der belegt, dass Versicherung längst zu einem globalen Geschäft geworden ist, dann der des deutschen Ingenieurs mit den blonden Locken.Beauvais hat früher für Alstom selbst Kraftwerke gebaut, seit acht Jahren schaut er für die Allianz überall auf der Welt nach dem Rechten. Seine Einheit ist Teil des neuen Industrieversicherers unter dem Dach der Allianz, der ?Global Corporate and Speciality? heißt und für die richtig großen Risiken verantwortlich ist, Kundschaft ab 500 Millionen Euro Umsatz aufwärts.Kraftwerksspezialisten wie Beauvais sind besonders gefragte Leute. Denn der 11. September 2001 hat gezeigt, dass auch das vorher Undenkbare möglich ist, mit entsprechenden Folgen für die Versicherungswirtschaft: Milliardenschäden.Seither hat das Qualitätsmanagement für den Umgang mit Gefahren aller Art eine ganz neue Qualität und Wertigkeit bekommen. Längst wissen Unternehmen und Versicherer, dass sie beide profitieren, wenn sie intelligent mit ihrem Risiko umgehen, Schäden im Vorfeld vermeiden, statt sie hinterher mühsam zu reparieren. Risikomanagement, das ist aber auch eine Frage von Vertrauen. Beauvais schaut dorthin, wo das Innerste eines Industriebetriebs zusammengehalten wird. So seziert er Notfallpläne, begutachtet Brandschutzsysteme, checkt Wartungspläne, prüft Turbinenschaufeln. Fragt man ihn hinterher, was er gesehen hat, ist der lustige Münchener die Einsilbigkeit in Person. ?Dazu möchte ich nichts sagen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Einsatz des Risikoingenieurs ist für das Unternehmen auch strategisch sinnvoll.Termocentro ist eines der modernsten Gaskraftwerke Kolumbiens. Doch wegen der heiklen Gasversorgung im Land und der dauernden Gefahr terroristischer Attacken läuft das Gas-Dampfkraftwerk, das die staatliche Gesellschaft Isagen direkt ans Ufer des Rio Magdalena gesetzt hat, nur im Notfall ? wenn der Blackout droht. Umso wichtiger ist der Strom von hier im entscheidenden Moment, umso wichtiger ist auch der Versicherer, der diese Notfallversorgung garantiert. Deswegen steht in dem Werk so viel Prestige auf dem Spiel, deshalb ist Termocentro für ?Doctor Rudiger? mehr als Alltag. ?Wir sind sehr froh, dass Sie hier sind?, begrüßt Alfonso Salazar, der Cheftechniker von Isagen, den deutschen Ingenieur.?Risikomanagement ist eines unserer Instrumente, um mit unseren Kunden in direkten Kontakt zu kommen?, sagt Francis Desmazes, CEO der kolumbianischen Allianz-Tochter Colseguros, auf deren Anfrage hin Beauvais unterwegs ist. Gerade im heiklen Industriegeschäft sind die Versicherungsmakler stark, in Kolumbien kassieren sie bei 80 Prozent der Geschäfte mit. So ist es zumeist der Makler, der mit dem Versicherungsnehmer in Kontakt tritt, er ist in Kolumbien in der Regel auch für das Risikomanagement verantwortlich. Der Versicherer hat daher meist nur die wenig prickelnde Aufgabe, für die finanzielle Deckung des Risikos zu sorgen und den Vertrag zu unterschreiben.Aus dieser einseitigen Bindung an die Makler will die Allianz heraus. Insofern ist der Einsatz des Münchener Risikoingenieurs für das Unternehmen auch strategisch. Der Besuch des Deutschen im kolumbianischen Kraftwerk ist Teil der weltumspannenden Kundeninitiative unter dem Dach des Erneuerungsprogramms ?Drei plus eins?. Das stammt bekanntlich aus der Feder von Konzernchef Michael Diekmann. Er will damit vom fernen München sein blaues Reich näher an den verehrten Kunden bringen. ?Solche Inspektionen sind eines der besten Instrumente, die wir zur Kundenbindung haben?, sagt Francis Desmazes, der Colseguros-Chef.In Termocentro ist der staatliche kolumbianische Versicherer Previsora noch immer führender Versicherungsgeber. Hier, nahe dem Äquator, ist das Personal vor allem mit Wartungsarbeiten beschäftigt. Und weil das Objekt dieser staatlich finanzierten Rundumbetreuung auch rund um die Uhr bewacht ist, hat ihm der jahrzehntelange Bürgerkrieg in Kolumbien bisher nichts anhaben können. ?Das Terrorrisiko in den Anlagen ist vergleichsweise klein?, sagt Rüdiger Beauvais.Dann geht er auf Ortsbesichtigung, sichtet wieder Evakuierungswege, Feuertüren, Brandschutzinstallationen. Der promovierte Maschinenbau-Ingenieur kommt ruhig daher, er weiß allerdings von der Bedeutsamkeit seiner Arbeit. Denn fällt sein Risikoreport zufrieden stellend aus, dann winkt dem Versicherungsnehmer bei der Erneuerung seiner Verträge Rabatt. Fällt die Expertise schlecht aus, hat der Kunde ein echtes Problem: eines in der Realität und eines mit seiner Prämie. Beauvais inspiziert und schweigt. Welcher Hersteller von Gasturbinen möchte schon in der Zeitung lesen, dass eine Kraftwerkshavarie mit einem Konstruktionsfehler in seinen Turbinenschaufeln zu tun hat?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Beauvais? wichtigstes Instrument ist das Interview.Beauvais? wichtigstes Instrument ist das Interview, Punkt für Punkt arbeitet der Ingenieur seine Frageliste ab, die von den Bauplänen der Stickstoff-Feuerlöschanlage bis zum Organigramm der Personalabteilung reicht. Mal sind es die harten Risikofaktoren wie Feuerschutz oder Evakuierungspläne, es geht aber auch um ?weiche? Themen. Das können Dienstpläne sein oder das ziemlich entscheidende Thema ?limpieza y orden?, Ordnung und Sauberkeit. Da ist man als Deutscher sozusagen von Natur aus Experte.Termocentro ist so sauber wie die Hauptverwaltung der Allianz. Tags zuvor hat Beauvais eine Zuckerfabrik nahe der Millionenstadt Cali besichtigt. Die Fabrik gehört einer der reichsten Familien des Landes, mit den Abfällen der Produktion befeuern die Zuckerkocher ihr hauseigenes Kraftwerk. In der Etage unter den Generatoren stehen offene Fässer mit Altöl, Staubwolken wirbeln durch die Luft, als ein Gabelstapler vorbeirollt. Da will ?Doctor Rudiger? seinen Augen doch nicht trauen, obwohl er zunächst nur schaut und gar nichts sagt. Später, im kleinen Kontrollraum der Anlage, fragt er nach dem Sprinklersystem. Er erntet ein Kopfschütteln. Auf dem Schreibtisch des Direktors liegt demonstrativ ein Lexikon für Ingenieure, es stammt aus den 60er-Jahren.Der schöne Schein in Termocentro, er täuscht übrigens: Im Juni letzten Jahres ist in der Anlage der Rotor vor der Dampfturbine kollabiert, ein Stück hatte sich gelöst und im Probelauf verheerende Schäden angerichtet. Zwar hatte Colseguros im Vertrag für die Betriebsunterbrechung eine Karenzzeit von acht Wochen vereinbart, erst danach wurde der komplette Versicherungsschutz fällig. Da das aus den USA eingeflogene Reparaturteam aber gut neun Wochen brauchte, ehe die Turbine wieder lief, blieben an der Allianz noch immer 800 000 Dollar Schaden hängen.Allerdings hat sich Colseguros, glaubt man kolumbianischen Versicherungsmaklern, für Schäden in Termocentro rückversichert. Deshalb dürften Teile der 800 000 Dollar in England beglichen worden sein, bei zwei bekannten Rückversicherern.Der Makler, der das erzählt, er lächelt schelmisch. Denn diese beiden britischen ?Companias? hätten sich weiter rückversichert, sagt er. Am Ende sei ein nicht unbeträchtlicher Teil der Schadenssumme vom sauberen Kraftwerk am Ende der Welt wohl am Mythenkai in Zürich bezahlt worden, beim inzwischen weltgrößten Rückversicherer Swiss Re.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.01.2007