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Weltbürger aus Villach

Von Siegfried Hofmann
Peter Löscher hat sich in der Pharmabranche als Stratege und Organisator bewährt. Rund um den Globus war er für Weltkonzerne unterwegs, auch für einen deutschen. Jetzt soll der Österreicher den Siemens-Konzern auf Vordermann bringen. Ein Porträt des neuen Vorstandschefs.
Peter Löscher übernimmt zum 1. Juli den Siemens-Chefposten von Klaus Kleinfeld. Foto: dpa
FRANKFURT. Ein Faible für Veränderungen hatte Peter Löscher wohl schon immer. Sonst wäre er kaum so weit herumgekommen in der Welt. Und fast immer ging es in seinen Jobs darum, neue Strategien zu entwerfen, Geschäfte umzubauen, zu integrieren oder neu auszurichten. Japan, Großbritannien und New York waren die letzten Stationen.Seine größte Herausforderung wartet auf den gebürtigen Österreicher nun aber in München, wo er den Siemens-Konzern aus dem Morast von Führungskrise und Korruptions-Affären herausführen soll.

Die besten Jobs von allen

Löscher ist auf den ersten Blick eine überraschende Wahl für den Chefposten in München. Fast seine gesamte Karriere machte er in der Pharmaindustrie, einen Großteil davon bei Hoechst und der Nachfolgefirma Aventis. Und seinem aktuellen Job als zweiter Mann beim amerikanischen Pharmariesen Merck & Co mangelt es weder an Prestige noch an Perspektive. Erst vor gut einem Jahr holte ihn Merck-Chef Richard Clark als einen Außenseiter in den einst führenden Arzneimittelhersteller, den diverse Flops in der Forschung und die Krise um das Schmerzmittel Vioxx ins Straucheln gebracht hatten. Löscher sollte die verkrusteten Strukturen bei Merck aufbrechen und neue strategische Impulse geben. Branchenkenner handelten ihn bereits als Kandidaten für den Chefposten. Und das bei einem Konzern, der an der Börse trotz mancher Probleme noch immer einen Tick höher bewertet wird als Siemens.
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Wenn er nun dennoch nun nach München wechselt, mag dabei auch ein wenig Lokalpatriotismus im Spiel sein. Vor ein paar Jahren beschrieb er sich einmal als Weltbürger, der sich wieder zum Heimat verbundenen Europäer gewandelt habe. Es mag aber auch eine Rolle gespielt haben, dass Löscher nie der typische, detailversessene Pharmamanager war, der sich in Forschungsfragen oder Verschreibungsdaten versenkt und darüber den Blick verlor, was darum herum passierte.Schon als Student seien Fernweh und Interesse für andere Länder stetig gewachsen, schreibt Löscher in einem Beitrag für das Wiener Außenministerium, das ihn als einen der ?berühmten Auslands-Österreicher? aufführt. Keine Sekunde habe er deshalb gezögert, als sich die Möglichkeit ergab, über ein Stipendium an einem MBA-Programm der chinesischen Universität Hongkong teilzunehmen.Zwei Jahre lang arbeitete er später bei der Unternehmensberatung Kienbaum, bevor er 1988 seine Industrie-Karriere beim damals noch stolzen Chemie- und Pharmakonglomerat Hoechst startete.Schon sein erster Job in der Pharmabranche führte ihn in die strategische Planung. Wenig später war er damit befasst die Veterinärsparten von Hoechst und Roussel in Spanien und Portugal zusammenzuführen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Spannende Zeit bei Hoechst.Seine ?schönste und spannendste berufliche Aufgabe? habe er ab 1994 als Leiter der weltweiten Konzernplanung von Hoechst erlebt, berichtet Löscher später. Unter Hoechst-Chef Jürgen Dormann habe er damals den Umbau des Konzerns hautnah miterlebt und mit gestaltet.Die zweite wichtige Station auf dem Weg nach oben bewältigte Löscher ab 2002 beim britischen Pharma- und Diagnostik-Konzern Amersham, der wenig später von General Electric übernommen wurde. Dort spielt er seither eine wichtige Rolle für die Strategie des Siemens-Konkurrenten im Gesundheitssektor. Auch bei Amersham bewährte sich Löscher offenbar bei der Integration und Neuordnung, was ihm schließlich den Chefposten der GE-Sparte Healthcare-Biosciences eintrug.Löscher machte sich aus Sicht von Branchenkennern vor allem einen Namen, weil er sowohl die Effizienz bei Amersham deutlich verbesserte als auch die Marketing-Strategie voranbrachte. Als besondere Stärke gilt zudem seine ungewöhnlich breite multikulturelle Erfahrung. Der Österreicher spricht fünf Sprachen und bringt als einer der wenigen Vertreter der Pharmabranche Management-Erfahrungen sowohl aus Europa als auch aus Asien und Nordamerika mit. Zudem wirkte er bei GE an einer Schnittstelle, die in jüngerer Zeit stark an Bedeutung gewonnen hat.Denn die Übernahme von Amersham durch den US-Konzern im Jahr 2003 markierte eine Trendwende: Erstmals drang ein Elektrotechnik-Konzern mit seiner Gesundheitssparte in den Bereich der Biochemie vor ? ein Strategie, der inzwischen auch Siemens mit dem Kauf der US-Firma Diagnostic Products und der Labordiagnstika-Sparte von Bayer gefolgt ist.Aber nicht nur vor diesem Hintergrund dürfte einiges von Löschers Management-Philosophie aus dem Hause General Electric an der Isar willkommen sein. ?Speed, Speed Speed? sei eines der entscheidenden Kriterien, und der Mut neue Ansätze zu testen, sagte er vor einigen Monaten in einem Interview der ?Financial Times? ? damals noch mit Blick auf Merck & Co. Dort sei die Schmerzgrenze für Veränderungen zu niedrige. Das führe letztlich zu einem Mangel an Flexibilität, wenn sich die Dinge einmal nicht entsprechend dem perfekten Plan entwickelten, erklärte Löscher.Gut möglich, dass er mit einer solchen Diagnose auch bei Siemens an den Start geht.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kurzer Lebenslauf.Peter Löscher 1957 wird er am 17. September im österreichischen Villach geboren. Nach der Schule studiert er Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien sowie an der Chinese University of Hong Kong. Seinen und machte einMBA erwirbt er an der Harvard Business School.1988 geht er nach einer Station bei Kienbaum zum Pharmakonzern Hoechst.1999 wird er Japan-Chef des Hoechst-Nachfolgers Aventis.2002 geht er als Präsident zu Amersham, einer Tochter von General Electric und steigt auf zum COO.2004 steigt er auf zum Chef der Healthcare-/Bio-Sciences-Sparte von GE.2006 holt ihn der US-Pharmakonzern Merck als Bereichsvorstand.2007 übernimmt er das Ruder bei Siemens.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2007