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"Welche Flaute ?"

Das Gespräch führte Katja Wilke
Jürgen Großmann, Chef der Georgsmarienhütte, über die Vorzüge einer verkannten Branche.
Jürgen Großmann, Chef der Georgsmarienhütte, über die Vorzüge einer verkannten Branche.

Wie stark leidet die Georgsmarienhütte unter der Konjunktur-Flaute?

Welche Flaute? Unsere Auftragsbücher sind voll.

Die besten Jobs von allen


Heißt das, Sie stellen Personal ein?

Gute Ingenieure haben bei uns immer eine Chance. Zwar hat die Mitarbeiterzahl in der Stahlindustrie insgesamt über die Jahre stark abgenommen, gleichzeitig ist aber die Zahl der benötigten qualifizierten Kräfte gestiegen. Stahl muss ständig weiterentwickelt werden und die Produktionsverfahren sind intelligenter geworden. Während der Mitarbeiter früher sehr kräftig sein musste, um schwere Schippen voll Schlackenbildner in die Pfanne zu schaufeln, geht es heute darum, die Computer zu pflegen, die die Legierungszugabe berechnen, und Produkte zu entwickeln

Ihre großen Wettbewerber und Kunden aus der Automobilindustrie locken die jungen Ingenieure unter anderem mit attraktiven eigenen Forschungszentren. Ärgert Sie das?

Sehen Sie sich die Geschichte der Innovationen an: Nicht dort, wo viele theoretische Forscher beschäftigt sind, wurden die wichtigen Neuerungen vorangebracht, sondern eher in kleinen Clustern. Große Forschungsinstitute entwickeln häufig ein Eigenleben und ersticken die Innovation

Dennoch: Wie kann ein relativ kleiner Produzent wie die Georgsmarienhütte beim Recruiting gegen die Großen ankommen?

Wir holen junge Leute in die Betriebe, indem wir Studenten Diplomarbeiten oder Praktika machen lassen. Überhaupt arbeiten wir eng mit Universitäten zusammen: Wir sind Gründungsmitglied der Business School Gisma in Hannover, an der unsere Mitarbeiter ihren MBA machen können. Generell gilt: Junge Menschen wollen ein interessantes Berufsumfeld und ein gutes Arbeitsklima. Als kleineres Unternehmen haben wir flachere Hierarchien, was uns sicherlich attraktiv macht. Außerdem fordern wir Einsteiger am Anfang stärker, und wenn sie sich bewähren, geben wir ihnen schnell Verantwortung.

Wie schnell?

Das hängt vom Geschick des Einzelnen ab. Über den Daumen gepeilt: In fünf bis acht Jahren kann er Produktionsleiter werden

Wen suchen Sie?

Am liebsten Eisenhüttenkundler. Die werden konzentriert auf ihren Einsatz in der Industrie vorbereitet. Jede andere ingenieurmäßige Fachrichtung sehen wir aber auch gern. Was häufig übersehen wird: Auch Naturwissenschaftler wie Chemiker oder Physiker fühlen sich ganz wohl in der Stahlbranche. Grundsätzlich achte ich darauf, ob ein Bewerber zügig studiert hat. Lieber mit einer Zwei minus kurz, als mit einer Eins lange studieren! Interessant ist, ob jemand Pioniergeist bewiesen hat, etwa durch Praktika in einem exotischen Land. Wichtig ist auch, ob der Absolvent betriebswirtschaftliche Kenntnisse hat.

Der Wirtschaftsingenieur hat bei Ihnen also gute Chancen.

Nicht unbedingt. Die ideale Kombination ist deutscher Diplom-Ingenieur plus MBA, und das sage ich nicht nur, weil ich es selbst gemacht habe. Der Wirtschaftsingenieur hat sicherlich einen hoch qualifizierten Berufsabschluss, aber unter den Ingenieuren gilt er als Wirtschaftler und unter den Wirtschaftlern als Ingenieur. Das ist so eine Zwitterposition

Was bringt die Zukunft: Fürchten Sie die neue Konkurrenz aus dem Osten nach der EU-Erweiterung im nächsten Jahr?

Im Gegenteil. Zwar müssen wir mit Nachteilen wie hohen Personalkosten, Mehraufwendung für Umweltschutz und teurer Energie leben. Aber die Automobilindustrie fertigt in Deutschland Motoren und Getriebe für die ganze Welt - da haben wir natürlich den Vorteil der kurzen Lieferwege. Bei den anspruchsvollen Kunden müssen morgens zu einer bestimmten Uhrzeit 50 Tonnen Stahl von einer bestimmten Qualität da sein. Die werden sich nicht darauf verlassen, irgendwelche Stähle aus dem Osten anzukarren. Luxusgüter werden weiter aus Deutschland gekauft, da bin ich mir sicher. Wenn wir diese Chance nicht nutzen, sind wir selbst schuld.

Jürgen Großmann ist Geschäftsführer der Georgsmarienhütte Holding GmbH. Der ehemalige Klöckner-Vorstand kaufte 1992 mit 39 Jahren seinem ehemaligen Arbeitgeber das hochverschuldete Werk zum symbolischen Preis von zwei Mark ab und machte die Hütte innerhalb von kurzer Zeit wieder profitabel.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.04.2003