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Weißer Riese aus Russland

Von Mathias Brüggmann, Handelsblatt
Die Machtzentrale von Russlands Kosmetik- und Waschmittelriesen ist braun. Aus edlem Wurzelholz sind die Tische im obersten Stockwerk seines Arbeitszimmers im Kalina-Konzern in Jekaterinburg, der Hauptstadt des Ural.
JEKATERINBURG. Dunkelbraun und schwer sind die genoppten Ledersessel, dunkelbraun auch die holzgetäfelten Wände und sein Schreibtisch. Stolz platziert Timur Gorjajew den Besucher direkt gegenüber den Auszeichnungen für seinen Konzern, die wie goldene Schallplatten hinter seinem Schreibtisch hängen: Design- und Qualitätspreise. Und einmal durfte sich der nicht gerade groß gewachsene Mann im Nadelstreifenanzug bereits ?Russlands Unternehmer des Jahres? nennen ? viel Ehre für einen erst 36-Jährigen.Die Karriere des studierten Juristen begann mit dem Aufstieg eines Mannes aus seiner Heimatstadt: mit Boris Jelzin. Als dieser 1991 den KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow aus dem Sessel jagte und die kommunistische Kommandowirtschaft abschaffte, fing Gorjajew, der heute wie selbstverständlich eine teure Schweizer Uhr trägt, als Student ganz klein an. Er kopierte Pornohefte aus dem Baltikum und verkaufte sie im Ural.

Die besten Jobs von allen

?Ich war stolz, dass ich mit meinem Kopf mehr verdiente, als meine Kommilitonen mit schwerer körperlicher Arbeit beim gut bezahlten Laden von Eisenbahnwaggons?, erinnert sich der Kalina-Chef. Mit diesem Geld und weiteren von Freunden geliehenen 200 000 Dollar stieg er in den schwunghaften Handel mit Wodka ein, den er aus Israel importierte. Ein gewinnbringendes Geschäft bei seinem trinkfesten Volk.Das Geld investiert er Anfang der 90er Jahre geschickt an den Börsen, die nach Russlands Wirtschaftsreformen boomen. Dann kauft er Privatisierungs-Schecks auf ? Anteilsscheine, die jeder Russe bei der Entstaatlichung von Fabriken und Kombinaten erhielt ? und sammelt so beachtliche Anteile an der Ural-Fluggesellschaft, einem Glaswerk und eben der Seifenfabrik Uralskije Samozwety (Ural-Edelsteine). ?Mich interessieren Waren, die ich selbst benutze und verstehe?, begründet er mit verlegenem Lächeln und leiser Stimme, die so gar nicht zum protzigen Stil seines Generaldirektoren-Kabinetts und seinen Hobbys (?Ich jage und sammle Messer?) passen will, seinen Einstieg in die Kosmetikbranche. ?Das ist doch ein schönes Geschäft.?Vor allem ein lohnendes: Der Kosmetik-Konzern, den er mit damals 28 Jahren unter seine Kontrolle bekam und nach der russischen Märchenfigur Kalina umtaufte, ist heute größter russischer Hersteller von Seifen, Cremes, Zahnpasten, Duftwässern, Shampoos und Waschmitteln ? eine Art Henkel Russlands.Aber einige Produktlinien will er wieder verkaufen. ?Wir werden uns auf Körper- und vor allem Gesichtspflege konzentrieren.? Er will den Konzern mit 2 100 Mitarbeitern im Stammwerk Jekaterinburg, einer Filiale im sibirischen Omsk sowie in der Ukraine und Usbekistan fit machen für den Börsengang in Moskau, den er noch für dieses Jahr plant.Das lässt er sich einiges kosten. 30 Millionen Dollar will er in die Werbung der Marken stecken, die übersetzt ?Schwarze Perle?, ?Reine Linie?, ?Mia? oder ?Waldbalsam? heißen. Denn Gorjajew, der aus einer moslemischen Tataren-Familie stammt, setzt wie seine Vorbilder Henkel (?Weißer Riese?, ?Persil?) oder Unilever (?Omo?) auf die Macht der Marken. Bis zum Jahr 2008 will er Marktführer im GUS-Raum werden. Ein recht ehrgeiziges Ziel: denn Procter & Gamble, Schwarzkopf und LŽOréal drängen in den Osten und haben bereits die Hälfte des Kosmetik-Marktes in Russland erobert, der auf rund vier Milliarden Dollar geschätzt wird.Wie die West-Konkurrenten ärgert Gorjajew die weit verbreitete und staatlich kaum bekämpfte Markenpiraterie. Doch auf schnelle Änderung hofft er nicht. Es dauere ?noch Generationen, bis es zu wirklichen politischen Reformen kommt?, meint der Mann, der im Parteivorstand der liberalen Union Rechter Kräfte sitzt.?Auf den meisten Posten hocken noch immer die gleichen kommunistischen Kader ? nur sind sie noch fetter geworden?, mahnt er Reformen an, die er im eigenen Unternehmen längst durchgesetzt hat. Nicht alles müsse selbst produziert werden, wichtiger seien starke Marken, bricht er mit altem Sowjet-Denken. Gelernt hat er das ? nach jahrelangem ?Learning by doing? ? inzwischen an der London School of Economics, wo er seinen Masters of Business Administration (MBA) macht. ?Aber oft herrschen da noch alte Stereotypen vor, und ich werde nach Wodka und Kaviar gefragt.?Als größte persönliche Leistung wertet er neben dem Rauswurf unfähiger Altkader, dass es ihm gelungen sei, fähige Manager um sich zu versammeln. Und dass Kalina ?heute faktisch ein westlich geführter Konzern? sei ? mit Management-Regeln, die der zweifache Familienvater in einem kleinen blauen Heftchen für alle Vorgesetzten zusammen gefasst hat. Das überzeugt Analysten wie Alexander Swinow von der Moskauer Alfa-Bank: ?Kalina hat starke Marken und eine moderne Strategie.?Dies und der im vergangenen Jahr von 130 Millionen auf 165 Millionen Dollar gestiegene Umsatz ? bei einem Gewinn im ersten Halbjahr von 13 Millionen Dollar ? lockt Partner an. Die Osteuropabank EBRD hat rund 19 Prozent der Kalina-Aktien gekauft. Gorjajew entschied sich trotz höherer Angebote anderer Investoren für die Förderbank.Er will nicht nur Kapital, sondern auch Kritik. ?Wir wollen, dass sie uns mit westlichen Erfahrungen korrigiert, wo wir etwas falsch machen?, erklärt der Vorstandschef freimütig in seinem braunen Büro.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.01.2004