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Wegwerfen, kaufen! Wegwerfen, kaufen!

Von Helge Hesse
Aus dem Amerikaner King Camp Gillette wurde mit der Erfindung der auswechselbaren Rasierklinge eín reicher Mann. Doch der gewiefte Geschäftsmann interessierte sich nicht nur für sein Unternehmen, sondern auch für sozialistische Ideen.
DÜSSELDORF. Man muss nur seinem Traum auf den Fersen bleiben, dann wird es irgendwann klappen. Dass diese Maxime zum Erfolg führen kann, bewies der Amerikaner King Camp Gillette. Wie sein Vater und seine Brüder war er eigentlich Erfinder. Doch als die Familie nach dem großen Brand von Chicago im Jahr 1871 Hab und Gut verlor, musste er sich mehr als 20 Jahre lang als Handelsvertreter durchschlagen. Die Suche nach der Erfindung, die ihn reich machen könnte, gab er allerdings nie auf.Sein Chef William Painter, der Erfinder des Kronkorkens, gab Gillette eines Tages den Rat, das Prinzip, das hinter seinem eigenen erfolgreichen Geschäft stand, für seine Erfindungen zu übernehmen: ein Produkt anzubieten, das preiswert ist und das die Leute nach Gebrauch wegwerfen und wieder neu kaufen müssen. Gillette verinnerlichte den Rat. Unablässig suchte er nach dem einen, dem entscheidenden Einfall. Er wälzte Lexika, notierte alle Produkte, die ihm einfielen, um dann über eine mögliche Verbesserung nachzudenken. Eines Morgens beim Rasieren, kam ihm die zündende Idee: eine auswechselbare Rasierklinge. Sicherheitsklingen waren bereits erfunden, aber keine auswechselbaren Klingen.

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Mit dem Tüftler William Nickerson fand Gillette einen Partner, der die technische Herausforderung annahm, eine Klinge herzustellen, die zu einem niedrigen Preis angeboten werden kann. 1903 begann Gillette die serienmäßige Herstellung. Zunächst verkaufte Gillette die Rasierklingen zu einem Preis, der niedriger war als die Herstellungskosten. Er hoffte so, viele Kunden zu gewinnen und über die wachsende Nachfrage und somit höher zu fertigende Mengen die Kosten unter den Verkaufspreis zu drücken. Um sein Ziel zu erreichen, sich einen möglichst großen Kundenkreis zu schaffen, verschenkte er sogar Rasierapparate.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Trotz seines großen Erfolges war Gillette gegen Lebensende nahezu ruiniert.Es dauerte einige Jahre, in denen Gillette sich immer wieder neue Angebotsformen einfallen ließ ? zum Beispiel preiswerte Rasierer mit zahlreichen Gratisklingen ?, doch spätestens 1910 war der Durchbruch geschafft. Gillette beherrschte den amerikanischen Markt. 1915 verkaufte Gillette, der inzwischen auch Fabriken in Europa betrieb, weltweit mehr als 70 Millionen Rasierklingen. Seine Marktstellung festigte er im Ersten Weltkrieg als er die amerikanischen Soldaten mit seinem Sicherheitsrasierer ausrüstete. Neben seinen geschäftlichen Aktivitäten fiel der gewiefte Geschäftsmann Gillette durch besonderes Sendungsbewusstsein auf. Er veröffentlichte antikapitalistische Schriften, vertrat einen utopischen Sozialismus, plante die Errichtung von Megastädten. Auf seinen Reisen wurde er oft erkannt, weil sein Konterfei die Packungen der Rasierklingen zierte. Viele waren erstaunt, dass es ihn tatsächlich gab, denn sie hatten die Person Gillette für eine Marketingidee gehalten.Trotz seines großen Erfolges war Gillette gegen Lebensende nahezu ruiniert. Seine Investitionen waren am Schwarzen Freitag und in der anschließenden Wirtschaftskrise vernichtet worden.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.09.2006