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Weg von der Masse, hin zu neuen Fächern

Germanistik, Geschichte oder andere Geisteswissenschaften werden viel zu oft aus Verlegenheit studiert. Falsch, meint Klaus Landfried, und plädiert für einen Wechsel im System.
Wer Studierende fragt, wieso sie ein geisteswissenschaftliches Fach studieren, hört oft: Auf Natur- oder Technikwissenschaften war ich nicht gut genug vorbereitet. Oder: Das hat sich so ergeben. Selten nur: Da liegen bei mir Begabung und Neigung. Ob ein Studium aus Verlegenheit wirklich erfolgreich sein kann, lasse ich offen. Ideal ist es nicht. Dass leider nur ein geringer Prozentsatz der vielen, die ein solches Fach studieren, zu einem erfolgreichen Abschluss kommt, lässt sich kaum bestreiten. Unter den vielen Gründen sollten uns zwei besonders beschäftigen: Da sind einmal die für Akademiker unterdurchschnittlichen Chancen, eine dem Bildungsniveau entsprechende Beschäftigung zu finden. Zum zweiten gibt es immer noch viele Professoren, die meinen, sie könnten mit der Didaktik von vorgestern junge Leute be-lehren, die später nicht in ihrer Fachwissenschaft, sondern in vielen anderen Berufen arbeiten.

Aber wie viel Geisteswissenschaften brauchen unsere Hochschulen und in welcher Form? Wer eine breit angelegte, kreatives und ethisch verantwortetes Denken und Handeln fördernde Bildung will, muss antworten: Viel! Wer will, dass transdisziplinäre Fragen den Erkenntnis-Fortschritt treiben, kann die auch in einem geisteswissenschaftlichen Studium zu gewinnenden Kompetenzen wie zum Beispiel analytisches Denken, das Erschließen von Quellen, philosophisch begründbare Werte nicht gering schätzen. Aber: Braucht es dazu an fast allen Unis eine Hauptfach-Ausbildung? Nein. Richtig ist zwar, dass viele Vertreter geisteswissenschaftlicher Fächer über zu viele Studenten und über eine Demontage "ihrer" Ausstattung klagen. Ob uns aber die vielen verteilten "Kleinforscher" wirklich helfen? In der geisteswissenschaftlichen Forschung erringen nur wenige herausragende Gelehrte internationale Anerkennung. Das ist nicht 80mal in Deutschland zu schaffen.

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Wo soll es hingehen? Was Forschung und forschendes Lernen im Hauptfach angeht, so halte ich eine Konzentration auf deutlich weniger Standorte als heute, aber ausgestattet mit fachübergreifenden Graduiertenschulen und der kritischen Masse für nötig. Zweitens: weg von der Massenausbildung, hin zur gezielten Stärkung von Sprachfähigkeit, Geschichtsbewusstsein, sozialer wie künstlerischer Sensibilität für alle Studenten. Das bedeutet unter anderem neue Fächerkombinationen zu fördern: wirtschaftsnahes Fach plus Geisteswissenschaft. Und ein verpflichtendes Studium fundamentale für alle. Das alles sei nicht vorstellbar, sagen mir die Bedenkenträger und Besitzstandswahrer. Ich sage ihnen: Bietet den jungen Leuten neue Fächer, die zu ihren persönlichen Zielen passen. Und sie werden in Scharen die aus Verlegenheit studierten Fächer der alten akademischen Fachzünfte verlassen und sich für die neuen entscheiden.

Klaus Landfried war von 1997 bis 2003 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Im Unruhestand betätigt sich der emeritierte Politikprofessor als Wissenschaftsberater und Headhunter. Mit kritischem Blick kommentiert er für Junge Karriere monatlich die Hochschulszene.

Dieser Artikel ist erschienen am 09.01.2008