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Wechselspiele bei Infineon

Von Joachim Hofer, Handelsblatt
Harald Eggers, Chef der Speicherchip-Sparte, geht überraschend. Den Posten übernimmt Thomas Seifert.
MÜNCHEN. Der Münchener Chip-Produzent Infineon kommt nicht zur Ruhe: Zwei Monate nach dem überraschenden Rauswurf des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Ulrich Schumacher verabschiedet sich nun ein weiterer Top-Manager. Der Chef des Speicherchip-Geschäfts, Harald Eggers, verlasse das Unternehmen, teilte Infineon am Mittwoch mit. Er wolle sich ins Privatleben zurückziehen.Die hohen Verluste, die der größte Infineon-Bereich in den vergangenen Jahren hinnehmen musste, hätten beim Abgang des 54-Jährigen keine Rolle gespielt, betonte ein Sprecher. Eggers gehe aus rein privaten Gründen und werde sich einer ganz anderen Aufgabe widmen.

Die besten Jobs von allen

Neuer Bereichs-Chef wird Thomas Seifert, 40, der bislang für die Sparte drahtgebundene Kommunikation zuständig war. Erst Anfang vergangener Woche hatte der Aufsichtsrat Wolfgang Ziebart zum neuen Infineon-Chef ernannt. Der Manager, bisher beim Autozulieferer Continental in Hannover, wird seinen Job in den nächsten Wochen antreten.Der Führungswechsel in der Speicherchip-Sparte kommt unerwartet. Eggers war bei Mitarbeitern, Kunden und Partnern hochangesehen. ?Durch sein riesiges Netzwerk an Kontakten ist Eggers schwer zu ersetzen?, heißt es im Unternehmen. In den letzten Jahren hat der gebürtige Bremer vor allem das Infineon-Werk in Dresden ausgebaut und weltweit zahlreiche Allianzen mit Partnern gebildet.Eggers? Abschied fällt in eine Phase, in der Infineon prüft, wie es mit der Sparte weitergehen soll. Nach Angaben aus Branchenkreisen soll in den nächsten vier bis acht Wochen eine Entscheidung darüber fallen, ob das risikoreiche Speicher-Geschäft abgespalten oder sogar ganz verkauft werden wird. Nach Ansicht von Analysten ist es am wahrscheinlichsten, dass Infineon ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem Wettbewerber gründet. Ein kompletter Verkauf sei nicht zu erwarten, heißt es in der Belegschaft.Eggers? Nachfolger Thomas Seifert wäre der ideale Mann für ein Joint Venture. Mitte der 90er-Jahre war der gebürtige Nürnberger bereits als Finanzchef in dem gemeinsam mit IBM betriebenen Werk im französischen Essonnes tätig. Im Anschluss wechselte er nach Richmond und war dort für ein Joint Venture mit Motorola zuständig. ?Der kann mit Partnern gut umgehen und hat viel Erfahrung im Ausland gesammelt?, heißt es anerkennend in der Infineon-Zentrale in München. Dass die von Seifert bislang geleitete Sparte tiefrote Zahlen schreibt, lastet ihm offenbar niemand an. Der designierte Konzernchef Ziebart soll in die Entscheidung eingebunden gewesen sein.Sollte es tatsächlich zu einer Abspaltung des Speicher-Geschäfts kommen, könnte Seifert bald Chef eines eigenständigen Unternehmens sein. So ging es auch Ex-Vorstandschef Schumacher. Vor der Trennung von Siemens führte er die Halbleiter-Sparte des Technologiekonzerns, die dann unter dem Kunstnamen Infineon an die Börse gebracht wurde.Die Belegschaft nimmt die Rochaden an der Spitze derweil gelassen. ?Keiner weiß genau, was in den nächsten Monaten passieren wird?, heißt es im Unternehmen. Es sei schwer einzuschätzen, was sich unter dem neuen Vorstandschef ändern werde.Zuletzt hatte Infineon im Herbst den Chef der schwächelnden Handy-Sparte ausgetauscht. Im Zuge der Absetzung Schumachers mussten zudem der Konzernsprecher und der einflussreiche Chef der Zentralfunktionen (Marketing und Investor-Relations) gehen. Seit längerem wird schon spekuliert, dass noch weitere Vertraute des ehemaligen Vorstandschefs ihren Hut nehmen müssen.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2004