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Wechsel an der TV-Mautstelle

Von H.-P. Siebenhaar
Im Auftrag von Europas größtem Satellitenkonzern SES Astra sollte der frühere T-Online-Chef Wolfgang Keuntje den Einstieg in die umstrittene Satellitengebühr organisieren. Dafür war er erst im April als Geschäftsführer der jungen Münchener SES-Tochter Entavio geholt worden. Nun sorgte Keuntje selbst dafür, dass es nur ein kurzes Intermezzo wurde.
Als Geschäftsführer von Entavio entlassen: Wolfgang Keuntje. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Alles, was Rang und Namen hatte in der TV-Branche, versammelte sich am 14. November in den Räumen des Goethe-Instituts in München. Die Fernsehmanager warteten mit großer Spannung auf den Auftritt von Wolfgang Keuntje. Der frühere Chef des Internetkonzerns T-Online sollten ihnen erklären, wie die Verschlüsselung von Programmen per Satellit funktioniert und wie damit Geld verdient werden kann. Im Auftrag von Europas größtem Satellitenkonzern SES Astra sollte Keuntje den Einstieg in die umstrittene Satellitengebühr organisieren. Dafür war er erst im April als Geschäftsführer der jungen Münchener SES-Tochter Entavio geholt worden.Doch Keuntjes Auftritt war für die Führungskräfte der TV-Branche eine Überraschung: Er war nach Aussagen von Teilnehmern unzureichend vorbereitet. Vielfach sei Keuntje den bereits vorher eingereichten Fragen des Moderators Werner Lauf ausgewichen und habe Zweifel am Erfolg genährt. ?Das war ein skandalöser Vorgang?, berichtet ein erfahrener Fernsehmanager aus München. ?Für uns als Teilnehmer war dieser Auftritt schlichtweg eine Frechheit.?

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Keuntjes Kollegen aus Luxemburg kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie hatten den Eindruck, Keuntje selbst stehe nicht richtig hinter dem ehrgeizigen Projekt. ?Die versammelten Astra-Manager liefen nur noch mit betretenen Mienen herum?, berichtet ein Teilnehmer. Vorstandschef Ferdinand Kayser, der wegen Krankheit in München nicht dabei sein konnte, wurde informiert. Der frühere Chef des Bezahlsenders Premiere handelte sofort: Keuntje ist seit vergangenen Freitag nicht mehr Geschäftsführer von Entavio.Den Chefsessel nimmt jetzt Wilfried Urner ein. Der frühere Manager der Kirch-Gruppe war bisher Entwicklungschef bei Entavio und kennt die Aufbauarbeit bei der neuen Digitalplattform aus dem Effeff. Der frühere Unternehmensberater und Ökonom leitete bei Kirch das digitale Sendezentrum, das Astra von Premiere gekauft hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Überraschende Wechsel sind für Keuntje kein NovumKeuntje will unterdessen das Ende seines Intermezzos bei SES Astra nicht kommentieren. Doch überraschende Wechsel sind für ihn kein Novum. Auch sein Ausscheiden bei T-Online auf dem Höhepunkt der New Economy im Jahr 2000 glich einem Paukenschlag. Keuntje trat völlig überraschend ? ausgerechnet an seinem 43. Geburtstag ? zurück. Die Börse reagierte damals geschockt: Der Aktienkurs von T-Online brach ein.Das jetzige Zerwürfnis an der Spitze von Entavio kommt für SES Astra zu einem unglücklichen Zeitpunkt. Denn derzeit prüft das Kartellamt die Einführung einer Satellitengebühr über die Verschlüsselung von Fernsehprogrammen. ?Wir hoffen auf eine Entscheidung noch in diesem Jahr?, sagte ein Astra-Sprecher am Wochenende.Vor allem für die Privatsender ist eine Verschlüsselung ihrer Programme eine wichtige Voraussetzung, zusätzliche Einnahmen außerhalb der Werbung zu generieren. Die monatliche Satellitengebühr von bis zu 3,50 Euro pro Haushalt ist heftig umstritten.Entavio versucht, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. ?Der Sender entscheidet, ob er sich grundverschlüsseln lässt ? und nicht Astra?, argumentiert der neue Entavio-Chef Urner. Ob er damit die Kartellwächter überzeugen kann, steht allerdings in den Sternen.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.11.2006