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Weber sieht sich ?in der Transformation?

Von Marietta Kurm-Engels, Handelsblatt
Bundesbank-Mitarbeiter sind voll des Lobes über ihren neuen Chef. Auf internationalem Parkett hat er sich bewährt. Allerdings keimt im EZB-Rat erste Enttäuschung auf.
Der neue Mann an der Spitze der Bundesbank; Foto: dpa
FRANKFURT/M. Der neue Präsident hat sich aber gut geschlagen. Das bestätigen Mitarbeiter und Vorstandskollegen. Irritationen gibt es lediglich im Verhältnis zur Europäischen Zentralbank (EZB).Weber selbst zieht nach 90 Tagen im Amt Bilanz. ?Ich habe es als Herausforderung angesehen, eine gewisse geschäftspolitische Kontinuität zu wahren. Ich denke, dass das zumindest ansatzweise gelungen ist?, sagte er vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. Die ?Transformation vom Akademiker zum Notenbanker? sei aber nicht abgeschlossen. ?Es gibt keine Spezies, die eine komplette Transformation in 90 Tagen schafft.?

Die besten Jobs von allen

In der Bundesbank hat Weber es offenbar geschafft, den Blick wieder nach vorne zu richten. ?Der Präsident verdient ohne Einschränkung das Qualitätsmerkmal ,gut??, sagte ein ranghoher Mitarbeiter. ?Damit können wir sehr zufrieden sein.? Bisher laufe alles ohne Reibungsverluste. Das Arbeitsklima sei ausgezeichnet. Auch im Vorstand finde Weber den richtigen Ton. Ohne ihn hätte sich dieser nicht so schnell auf einen so strikten Verhaltenskodex geeinigt, wie er in der vergangenen Woche verabschiedet worden sei.Seit April hatte der Vorstand unter Druck gestanden, sich klare Verhaltensregeln zu geben, um eine Wiederholung des Falls Welteke auszuschließen. Webers Vorgänger Ernst Welteke musste wegen einer Einladung der Dresdner Bank ins Berliner Nobelhotel Adlon zurücktreten. Im Ansehen der Öffentlichkeit war die Bundesbank auf den tiefsten Punkt in ihrer Geschichte gefallen. Das Selbstverständnis der Mitarbeiter, ohnehin von der laufenden Strukturreform betroffen, war erschüttert.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Anfangsbedenken scheinen unbegründetAnfängliche Bedenken, dass sich Weber mit der Verwaltung einer Großorganisation schwer tun könnte, scheinen unbegründet. ?Er hat sich enorm schnell in die Verwaltungsprobleme eingearbeitet und liefert die Grundlage für gute Entscheidungen?, sagte ein Bundesbanker. Im Juni musste sich die Institution dem Vorwurf jahrzehntelanger ineffizienter Immobilienbewirtschaftung stellen. Webers Antwort: eine groß angelegte eintägige Strategiesitzung mit allen Beteiligten, die Verabschiedung eines Konzepts, und die Sache war vom Tisch.Ein gutes Verhältnis hat Weber zu seinem Stellvertreter Jürgen Stark. Ein Vortrag Webers zu ?Sechzig Jahre nach Bretton Woods?, eigentlich Starks Fachgebiet, liege ?im Rahmen dessen, was der Präsident abhandeln muss?, verlautet aus Webers Umfeld. Solange er ?Augenmaß? beweise, sei mit Rivalitäten nicht zu rechnen. Stark, der zeitweise auch als Welteke-Nachfolger im Gespräch war, hatte den Schulterschluss mit Weber bereits im Mai in Helsinki bei der auswärtigen Sitzung des EZB-Rats eindrucksvoll demonstriert.Auch auf internationalem Parkett, wo nicht sicher war, ob der neue Bundesbankpräsident über genügend Erfahrung verfüge, scheint sich Weber zu bewähren. ?Er macht einen extrem guten Eindruck?, heißt es etwa bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. ?Er ist sehr kenntnisreich in der Geld- und Finanzpolitik. In Konferenzen trägt er zur Diskussion bei. Er verschafft sich Geltung, ohne aggressiv zu sein.? Bei der BIZ trifft sich Weber regelmäßig mit den Notenbankgouverneuren der zehn wichtigsten Industrienationen. Im Juni besiegelte er dort für die Bundesbank die Basel- II-Vereinbarung.Schwächen zeigt der neue Bundesbankpräsident ausgerechnet dort, wo niemand es erwartet hätte: im Zusammenspiel mit der EZB. Im EZB-Rat kommt erste Enttäuschung auf. ?Anfangs dachten wir, Weber sei eine Bereicherung?, verlautet aus dem kollegialen Gremium. ?Er weiß, worüber er redet, argumentiert gut, hat gute Ideen und weiß, sie in Englisch auszudrücken. Er hat aber die Schwäche, dass er nicht genug auf die Argumente der anderen hört. Darum ist er weniger konstruktiv, als er eigentlich sein könnte.? Weber fehle das ?natürliche Talent?, eigene Argumente mit fremden zu integrieren. ?Er muss noch lernen, kompromissbereiter zu sein. So funktioniert das Gremium nun einmal.?Den in einem Interview mit der ?Frankfurter Allgemeinen Zeitung? entstandenen Eindruck, dass er nicht vollständig mit der geldpolitischen Strategie der EZB konform gehe, hat Weber unverzüglich als Missverständnis klargestellt. Er hat dort zwar nicht viel anderes gesagt als in den Gutachten des Sachverständigenrates, dem er von 2002 bis 2004 angehörte. Es ist aber nicht dasselbe, ob ein Professor oder ein Mitglied des EZB-Rates spricht.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.07.2004