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Wassermann mit Parteibuch

Von Markus Hennes
Ausgespannt hat Manfred Scholle auf der Nordseeinsel Juist. Um den Kopf freizubekommen, bevor er heute wieder losgeht, der Medienrummel um seinen neuen Job: Vorsitzender des Vorstands der Gelsenwasser AG, dem bis vor kurzem größten privaten Wasserversorger Deutschlands.
GELSENKIRCHEN. ?Filz!? kreischte die CDU, als SPD-Mitglied Scholle Ende Mai zum Gelsenwasser-Chef berufen wurde. Andere sprachen von einer endgültigen Richtungsentscheidung für das Gelsenkirchener Unternehmen. Das gehörte früher dem Düsseldorfer Energiekonzern Eon, jetzt aber den SPD-regierten Städten Dortmund und Bochum. Die Kritiker brandmarkten die umstrittene Personalie als ?Vollendung der Re-Kommunalisierung von Gelsenwasser?: Statt Unternehmen in öffentlicher Hand zu privatisieren, laufe es im Ruhrpott genau andersherum.Ein halbes Jahr zuvor, beim Kampf um die Eigenständigkeit der RWE Gas AG, war Scholle ebenfalls in den Schlagzeilen. Bis heute ist nicht klar, ob er sich damals tatsächlich zu wenig für die Interessen des Essener RWE-Konzerns eingesetzt hat. Verhindern konnte Scholle die Integration der Dortmunder Tochter in den Konzernverbund aber nicht. Ende April verließ er RWE. ?Wir haben uns freundschaftlich getrennt?, behauptet er.

Die besten Jobs von allen

Entspannt scheint er, mit sich im Reinen, die Beine übereinander geschlagen, den linken Arm auf der Rückenlehne ausgestreckt. Nein, anders als vielfach behauptet, habe er sich als Vorstandschef der RWE Gas nicht auf die Seite der kommunalen Minderheitsaktionäre geschlagen. Nur habe er sich in seiner damaligen Position nicht wehren können gegen die Spekulationen in der Presse. Die Frage, wie es mit RWE Gas weitergehen soll, ?hatten allein die Eigentümer zu entscheiden, und nicht der Vorstand?.Ein Kenner des Ruhrgebiets, der Scholles Karriere seit Jahren verfolgt, sagt: ?Scholle ist immer ein Mann der Kommunen gewesen. Er war es bei VEW, dann bei RWE, und jetzt ist er es bei Gelsenwasser.?Der Lebenslauf des Berliner Juristen scheint das zu bestätigen: Schon sein Vater war Beamter. Nach dem Studium muss er sich entscheiden: Entweder seine eigene, kleine Industriegeneralvertretung für vier Ruhrgebietsfirmen in Berlin ? oder die Beamtenlaufbahn.Er wählte den Staatsdienst. In seiner Heimatstadt holte er sich politisches Rüstzeug durch Tätigkeiten bei verschiedenen Senatsverwaltungen. 1981 wechselte er als Stadtrat nach Salzgitter, dann als Sozialdezernent nach Dortmund. 1991 steigt er zum Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe auf. Erst 1998, mit 52, wurde Scholle zum Vertriebsvorstand des Dortmunder Energieversorgers VEW berufen. Nach dessen Fusion mit RWE rückte er 2000 an die Spitze der Konzerntochter RWE Gas.Lesen Sie weiter auf Seite 2Scholles Berufung zum Gelsenwasser-Chef ist keine Überraschung. Zwei SPD-Städte, ein SPD-Mann als Unternehmenslenker ? das passt im Ruhrgebiet traditionell gut zusammen. Vielleicht war es eine der letzten Möglichkeiten zum Postengeschachere: Bei der Kommunalwahl im September bahnt sich in vielen Städten ein Machtwechsel in Richtung CDU an.?Ich kann das nicht mehr hören?, entgegnet Scholle den Filz-Vorwürfen und fährt ruckartig aus dem Sofa nach vorn. Es trifft ihn persönlich, wenn man seine Qualifikation als Manager in Zweifel zieht. Dann verweist er fast trotzig auf seine langjährige Branchenerfahrung, seine Erfolge bei RWE Gas und auf den Kauf der tschechischen Gaswirtschaft. Damit habe er ?ein Werkstück abgeliefert, das sich sehen lassen kann?.Aber wäre ein Mann aus der freien Wirtschaft und ohne Parteibuch nicht die bessere Besetzung für den Chefsessel bei Gelsenwasser? Allein um den Vorwurf der Re-Kommunalisierung zu entkräften? ?Wasserwirtschaft?, erwidert Scholle, ?hat wegen der engen Verzahnung von hoheitlichen Aufgaben immer etwas mit Kommunen zu tun. Außerdem erwarte ich, dass sich Spitzenmanager auch in Parteien engagieren.? Er selbst tue das aus Überzeugung seit 1966 in der SPD.In erster Linie sei er aber jetzt Vorstandsvorsitzender der Gelsenwasser AG, ?dem einzigen deutschen Konzern, der seinen Sitz in Gelsenkirchen hat?, fügt er nicht ohne Stolz hinzu. Und, das ist dem neuen Chef wichtig: ? Gelsenwasser ist ein nicht beherrschtes Unternehmen.? Es bestehe lediglich ein Gewinnabführungsvertrag. Im Tagesgeschäft habe der Vorstand weitgehend freie Hand. Die Kritik, dass die klammen kommunalen Großaktionäre Dortmund und Bochum kein Geld für die Finanzierung einer Wachstumsstrategie hätten, lässt er nicht gelten: ?Gelsenwasser hat auch schon zu Eon-Zeiten seine Akquisitionen ausschließlich mit Bankkrediten finanziert.?Der neue Job wird Scholles letzter sein. Im September wird der schlanke, einsvierundachtzig große Mann 58. Mit seinem vollen, dunkelbraunen Haar sieht er allerdings jünger aus, und ob schon mit 63, nach Ablauf seines Fünfjahresvertrags, Schluss ist, vermag er im Moment nicht zu sagen. ?Ich könnte ja auch noch zwei Jahre dranhängen.?Dafür hält er sich fit. Samstags und Sonntags joggt er eine Dreiviertelstunde. Allein läuft er nie, sondern immer in Begleitung, oft mit seinem Freund und Nachfolger als Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, Wolfgang Schäfer. Der ist, wie Scholle, in der SPD ? und auch ein Verfechter kommunaler Interessen.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.08.2004