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Was Wölfe stark macht

Wer amerikanische Krimis guckt, kennt das Prinzip "good cop, bad cop": Ein Polizist gebärdet sich verständnisvoll, der andere knallhart. Genauso geht es im Wolfsrudel zu. Dort betreiben Alpha- und Beta-Männchen eine clevere Arbeitsteilung: Der eine mimt den Harten, der andere den Zarten.
Wer amerikanische Krimis guckt, kennt das Prinzip "good cop, bad cop": Ein Polizist gebärdet sich verständnisvoll, der andere knallhart. Genauso geht es im Wolfsrudel zu. Dort betreiben Alpha- und Beta-Männchen eine clevere Arbeitsteilung: Der eine mimt den Harten, der andere den Zarten

Flüchtige Beobachter könnten zunächst das Beta-Männchen für den Chef halten: Der Zweitstärkste im Ring bringt knurrend Ordnung ins Rudel und beißt die Halbstarken in ihre Schranken. Entsprechend unbeliebt ist er bei den übrigen Tieren. Ganz anders der Leitwolf: Das Alpha-Männchen ist für die Streicheleinheiten zuständig, tritt freundlich und kooperativ auf. Muss eine Entscheidung getroffen werden, bezieht er andere Rudelmitglieder mit ein, bis ein Konsens gefunden ist.

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Lehnt sich ein rangniederes Tier auf, dann fordert es nicht etwa den Leitwolf heraus, sondern dessen Blitzableiter, das Beta-Männchen. Zum Dank hält der Boss seine schützende Pfote über den Stellvertreter. Stirbt der oberste Wolf, dann erobert ein anderes Tier den Premium-Platz in der Hierarchie. Das Beta-Männchen bleibt, was es war: der Wolf fürs Grobe und Diener seines Herrn

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Für einen Chef ist es ebenso verführerisch wie gefährlich, einen Klon seiner selbst als Stellvertreter zu berufen. Schlauer ist es, dem Prinzip der Wölfe zu folgen und auf eine klare Rollenverteilung in der Chefetage zu achten. Dass der Boss dabei den freundlichen Part übernimmt, ist sinnvoll: Ein Tyrann würde sein Unternehmen schnell in die Krise treiben, und ein weicher Stellvertreter könnte das nicht verhindern. Ein allseits beliebter, charismatischer und verständnisvoller Chef hingegen braucht seine Kraft nicht auf interne Konflikte zu verschwenden, sondern kann sich auf den Wettbewerb nach außen konzentrieren.

Schwierig wird es, wenn der menschliche Leitwolf abtritt. Oft hat sich sein Stellvertreter so gut bewährt, dass er jetzt selbst den Chef spielen darf - und nicht mehr aus seiner knallharten Rolle herausfindet. Das aber tut der Stimmung im Unternehmen nicht gut. Besser wäre es, einen neuen Chef zu finden, der fürs Zuckerbrot zuständig ist, während der Stellvertreter weiter die Peitsche schwingt

Wer es umsetzt

Erst war er der ungeliebte Stiefsohn, heute hat die Stadt Detroit Dieter Zetsche fast schon adoptiert. Mit großen Vorbehalten traten die Bewohner der US-Autostadt dem Deutschen gegenüber, der ihr weltberühmtes Unternehmen führen wollte. Aber der neue Alpha-Mann bei Chrysler gewann mit seiner verbindlichen Art selbst die Herzen der Skeptiker. Er gilt als sympathisch und bescheiden, interessiert sich für die Meinung der Arbeiter, schüttelt ihre Hände und isst mit ihnen in der Werkskantine

Ganz anders Zetsches Stellvertreter Wolfgang Bernhard, ein ehemaliger McKinsey-Mann. Der Mann fürs Grobe gilt als knochenharter Kostendrücker und soll 2003 eine Milliarde Dollar zusätzlich eingespart haben. Kein Freund der Arbeitnehmervertreter, aber für Zetsche Gold wert.

Dieser Artikel ist erschienen am 26.03.2004