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Was Sieger auszeichnet

Astrid Oldekop
Zum dritten Mal in Folge kürt karriere die besten Nachwuchsmanager Deutschlands. Clas Neumann von SAP, Karoline Beck von IWG Isolier Wendt und Michael Krause von Siemens gewinnen den größten Talentwettbewerb der deutschen Wirtschaft. Ihre Beispiele zeigen, worauf es wirklich ankommt, wenn man es in die Chefetage schaffen will.
Ungläubige Blicke, Kopfschütteln Warnungen - bei seinen Karriereentscheidungen erntete Clas Neumann erst mal Skepsis von Kollegen, Freunden und Familie. Doch der eigensinnige Konstanzer ließ sich nie beirren. Mit sicherem Instinkt setzt er seine Schritte - auch wenn sie auf den ersten Blick wie ein Umweg aussehen.
Kaum hatte Neumann seine Banklehre bei der Landesgirokasse Baden-Württemberg abgeschlossen, kündigte er den sicheren Job und wechselte zu einer kleinen Software-Firma. Bekam dort die Chance, als Teilhaber einzusteigen, doch entschloss sich zu studieren. Wieder brüskierte er alle Erwartungen, denn er wählte nicht die Uni, sondern ein exotisches FH-Studium, das Manager für China fit machen sollte.
Das war 1990, wenige Monate nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, als alle Welt das Reich der Mitte abgeschrieben hatte. "Ich war jedoch davon überzeugt, dass China für deutsche Firmen wichtig werden würde", erinnert er sich. Wieder hatte Neumann seinen nächsten Karriereschritt aus einem "Bauchgefühl" heraus entschieden, sich nicht um kurzsichtige Warnungen geschert. Wieder schien es, als hätte er einen Umweg gewählt

Einer aus einer Million
Doch eben dieser Weg führte ihn schnurstracks in jenen Kreis, der über die Zukunft des Software-Riesen SAP entscheidet: Heute ist Neumann das jüngste Mitglied im SAP-Senior Executive Team. Nach zehn Jahren beim Walldorfer Software-Unternehmen als Manager in China, Vorstandsassistent in Walldorf und Geschäftsführer einer indischen Niederlassung ist Neumann auf der Ebene unterhalb des Vorstands angelangt. Am 23. November zeichnet ihn karriere für seinen ungewöhnlich erfolgreichen Werdegang mit dem Medienpreis "Karriere des Jahres 2005" aus.

Die besten Jobs von allen


Bei der feierlichen Preisverleihung im Alten Wartesaal in Köln nimmt Neumann die vom Kristalldesigner Volker Heise geschaffene Skulptur entgegen, die sich als wichtigste Auszeichnung für herausragende Berufsverläufe in Deutschland etabliert hat. Verliehen wird der Medienpreis von karriere; in der Jury sitzt neben der Redaktion auch die Deutsche Gesellschaft für Karriereberatung e.V. Der Finanzdienstleister MLP, der Automobilkonzern Volkswagen und die Warenhauskette Wal-Mart sponsern den Wettbewerb der Nachwuchstalente bis 40 Jahre

Die Jury konnte in diesem Jahr aus einem enormen Bewerber-Pool schöpfen: Unternehmen, Universitäten, Alumni-Netzwerke und Leser schlugen Kandidaten aus insgesamt über einer Million Beschäftigten vor. Die Unternehmen hatten ihre Kandidaten nach den von karriere vorgegebenen Anforderungen ausgewählt und ins Rennen um den Hauptpreis und die beiden Sonderpreise geschickt. Die Leservorschläge wurden von der Redaktion auf die Anforderungen hin geprüft. In mehreren Runden zog die Jury anschließend den Kreis der Favoriten immer enger, bis schließlich die drei Preisträger feststanden

Die meisten Bewerber kommen noch immer aus den großen Unternehmen, allerdings ist die Anzahl der Kandidaten aus Mittelstand und Gründermilieu in diesem Jahr noch einmal stark gestiegen. Erstmals hat es mit Professor Axel Ockenfels auch ein Kandidat aus der Wissenschaft unter die Top 25 der vielversprechendsten Karrieren Deutschlands geschafft.

Bilder von der Preisverleihung am 23. November im Alten Wartesaal in Köln finden Sie hier. Bangalore statt Walldorf
Der diesjährige Hauptpreisträger Clas Neumann verantwortet inzwischen die für SAP strategisch wichtige Entwicklung und Einführung einer Software-Lösung für den Mittelstand. Noch immer trifft er weitsichtige Karriereentscheidungen, an denen sich Mitarbeiter und Freunde erst einmal reiben. Als der zweifache Vater im Dezember 2004 zum Senior Vice President berufen wurde, blieb er entgegen allen Gepflogenheiten in Indien und dachte nicht daran, in die Konzernzentrale ins badische Walldorf zu ziehen. "Meine Botschaft an die indischen Kollegen lautete: ,Ich bleibe hier und verschwinde nicht bei der ersten Beförderung'. Damit habe ich gute Mitarbeiter an unser Unternehmen gebunden", erklärt Neumann. Gute Leute zu halten, das ist das A und O im boomenden Bangalore, wo internationale Software-Schmieden um hoch qualifizierte Programmierer buhlen.

Multi-Talent Neumann, der auch in stressigsten Situationen gelassen bleibt, hat die Gabe, andere zu begeistern und zu fördern. In Indien organisierte der BWLer Programmier-Olympiaden, bei denen seine Spezialisten drei Tage und Nächte lang fiktive Projekte wie die Leitung einer Farm entwickelten. Jeden indischen Mitarbeiter schickte er zur Weiterbildung nach Walldorf. Neumann selbst unternahm in der Zentrale regelmäßige "Werbefeldzüge", um attraktive Projekte nach Bangalore zu ziehen, denn die SAP-Entwicklungsabteilungen können ihre Aufträge weltweit nach Gutdünken verteilen. "Clas ermutigte andere, ihm nach Asien zu folgen, und leistete so einen sehr wichtigen Beitrag für den Erfolg in dieser Region", lobt Harald Borner, Leiter des SAP-Toptalent-Managements

Obwohl Neumann durch seine Entscheidung, in Indien zu bleiben, weite Reisen in Kauf nimmt, büffelt er nebenher für seinen Insead-MBA. "Was ich vor zehn Jahren gelernt habe, ist nicht mehr aktuell", erklärt er das große zeitliche Engagement. "Ich setze mich für die Weiterbildung meiner Mitarbeiter ein, also muss ich auch etwas gegen meine Lücken tun." In seiner knappen Freizeit unterstützt der 40-Jährige mit Management-Know-how und Sammelaktionen zwei Kinderheime für Kinder von Untersuchungshäftlingen und Aids-Kranken

Jurymitglied Doris Brenner sieht in Neumann eine "gefestigte Persönlichkeit". "Er ist unkompliziert, offen und Menschen-orientiert. Ihn zeichnet eine große soziale Kompetenz aus. Er hat es als BWLer geschafft, unter promovierten Informatikern eine hohe Akzeptanz zu erringen. Sein Ziel ist das Empowerment der Mitarbeiter.

Jeden Tag ein Lob
Mitarbeitermotivation ist auch ein wichtiges Thema von Karoline Beck, der Gewinnerin des Preises "Karriere des Jahres im Mittelstand 2005". "Jeden Tag ein Lob", steht auf dem Zettel, der an Becks PC klebt und sie an ihre 55 Mitarbeiter erinnert. Beck ist geschäftsführende Gesellschafterin von IWG Isolier Wendt und erste weibliche Vorsitzende des Bundes Junger Unternehmer. IWG stellt Isolierungen für große Maschinen und Bauten her.

Dass ihr Tagesgeschäft nicht gerade als sexy gilt, stört Beck wenig. Denn die 39-Jährige hält sich nicht mit Vergleichen auf. Wo Beck auftaucht, packt sie an und mischt mit, sei es beim Bund Junger Unternehmer, dem sie neue Strukturen verpasste, sei es im maroden Familienbetrieb. "Ich war nie an Karriere, sondern nur an der konstruktiven Lösung von Aufgaben interessiert", resümiert die allein erziehende Mutter zweier Kinder. "Als Unternehmerin habe ich mich nie danach gerichtet, ob jemand meinen Lebensweg als überdurchschnittlich bewertet."

Im Studium gründete Beck ein Leasing-Unternehmen für Konsumgüter wie Rolex-Uhren. Als es mit der Unternehmensgruppe bergab ging, die ihr Ur-Ur-Großvater vor über hundert Jahren gegründet hatte, zog sie von Passau nach Berlin. Ohne Mandat der Familie richtete sie sich in der Zentrale ein verlassenes Postzimmer als Büro ein, führte Gespräche mit Managern und Mitarbeitern, analysierte, zeigte die Fehler der vergangenen Jahre auf, legte den Finger präzise in die Wunde. Und holte schließlich gegen den Willen der Familie einen fremden Investor

Zunächst begleitete Karoline Beck die Sanierungswellen als angestellte Projektmanagerin, später als Geschäftsführerin einer Gesellschaft. 1999 kaufte sie diesen Unternehmensteil mit Fremdkapital zurück und veränderte das Geschäftsmodell: weg von der handwerklich intensiven Isolierung für das Einfamilienhaus, hin zu Industrieprojekten im Wärme-, Kälte-, Schall- und Brandschutz. Die Rechnung ging auf, Beck schaffte den Turnaround. Seit 2001 ist der Umsatz um 75 Prozent gestiegen, für 2006 peilt sie die Verdopplung an.

Obwohl Beck sagt, sie halte Distanz zu ihren Mitarbeitern, sind die Grillfeste im Sommer und das freitägliche Currywurst-Essen in der Werkstatt ebenso fester Bestandteil der Kultur von IWG Wendt wie die regelmäßigen Gespräche mit ihren Mitarbeiterinnen über Weiterbildung oder Kindererziehung. Bereits 1999 wurde das Unternehmen mit dem Total-E-Quality-Prädikat für besonders familienfreundliche Unternehmenskultur ausgezeichnet

Der ganzheitliche Karrierebegriff, den Karoline Beck verkörpert, ist typisch für die Generation der 30- bis 40-Jährigen, weiß Jurorin Doris Brenner: "Es genügt dieser Generation nicht, nur einseitig einem engen beruflichen Ziel nachzustreben. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch gesellschaftliches Engagement sind feste Bestandteile ihrer Karrieren. Persönliche Zufriedenheit und Balance werden durch die Übernahme von Verantwortung in sehr unterschiedlichen Lebensbereichen erreicht, die wiederum zu einer persönlichen Weiterentwicklung und Reife führt.

Bilder von der Preisverleihung am 23. November im Alten Wartesaal in Köln finden Sie hier. Keine Frage des Alters
Dass diese persönliche Reife keine Frage des Alters ist, zeigt Michael Krause, Gewinner des Sonderpreises "Junge Karriere 2005". Der 29-Jährige hat in nur fünf Jahren bei Siemens eine steile Konzernkarriere durchlaufen. Bereits mit 28 war er als jüngster Kaufmännischer Leiter eines Geschäftsgebiets für 6.000 Mitarbeiter verantwortlich, hatte die Hierarchieebene vor dem Bereichsvorstand erreicht und stramme Erfolge als interkulturell erfahrener Manager und Sanierer vorzuweisen: Turnaround in zwei Transformatorenwerken, Geschäftsausbau eines kroatischen Joint Ventures.

Der gelernte Industriekaufmann fährt seit einem Jahrzehnt zweigleisig und bildet sich über den Job hinaus weiter: Nebenher hat der eloquente 29-Jährige BWL studiert, einen MBA gemacht, zurzeit promoviert er. Krause ist Vater einer Tochter, spricht sechs Sprachen, arbeitete in drei Kontinenten und ist Mitglied im Weltleitkreis von Siemens. "Mut zum Risiko und der Wunsch, schnell Verantwortung zu übernehmen" waren die Triebfeder seiner Aktivitäten. Als Gewinner des internationalen McKinsey-Preises "CEO of the Future" wird Krause persönlich von Jürgen Kluge gecoacht

Obwohl ihm alles zuzufliegen scheint, hat der gebürtige Oldenburger niemals die Bodenhaftung verloren. "In Brasilien habe ich das Vertrauen meiner Mitarbeiter durch Fußballspielen gewonnen." Bisher hat er in jedem Land die künstliche Welt der Expat-Compounds gemieden und unter Einheimischen gewohnt. In der Freizeit lehrt er als Gastdozent an der Zagreber Uni und fördert Nachwuchskräfte. "Krause besticht durch sein außerordentliches Talent, Vertrauen zu schaffen und Konfliktparteien auf gemeinsame Ziele hin auszurichten", fasst Walter Huber, Leiter der Abteilung Arbeitsbeziehungen bei Siemens, zusammen.

Breite Basis
Kommunikationsfähigkeit auch in schwierigen Situationen zeichnet gleichermaßen die Kandidaten aus, die es neben SAP-Manager Clas Neumann unter die Top drei im Rennen um den Hauptpreis geschafft haben. Als erste und jüngste Direktorin der Allianz-Versicherungen leitete die Juristin Daniela Breidbach das Integrationsteam Personal beim Zusammenschluss Allianz und Dresdner Bank. Die 40-Jährige begleitete und koordinierte die personalpolitische Umsetzung sämtlicher Umstrukturierungen in der Allianz Gruppe Inland. Breidbach arbeitete an "kreativen Instrumenten der Personalführung" wie Zielvereinbarungen für Referenten und Arbeitszeitmanagement. Sie bereitete eine gesellschaftsübergreifende Human-Resources-Organisation vor und engagiert sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Profitieren konnte sie dabei von ihren Erfahrungen bei früheren Arbeitgebern: im Deutschen Bundestag, beim Arbeitgeberverband, in einer Wirtschaftskanzlei. "Geplant habe ich meine Karriere nicht, doch ich habe mich breit umgeschaut und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort", beschreibt die zweifache Mutter ihr Erfolgsrezept

Ziel vor Augen
Anders, aber ebenso selbstbewusst, ist Stefan de Loecker seine Karriere angegangen: "Von Anfang an wusste ich, wo ich hinwollte", sagt der 38-Jährige: "Ich wollte die Verantwortung für ein komplettes Unternehmen." Ganz Pragmatiker, suchte er nach "einem realen Produkt, das ich anfassen kann". Als Geschäftsführer von Nestlé Schöller leitet er heute 2.400 Mitarbeiter und verantwortet einen Umsatz von mehreren hundert Millionen Euro. Der gebürtige Siegener belgischer Nationalität kam 2001 als jüngstes Mitglied des Managements zu Nestlé Deutschland.

Seine Begabung im Verkauf und in der Zusammenstellung von Teams erkannte er schon früh, als er mit 22 Jahren während einer Studienpause sechs Monate lang eine Strandbar in Kenia leitete und den Umsatz um 200 Prozent steigerte. "Meine Stärke ist es, Dinge zusammenzubringen und Visionen zu entwickeln, die alle unterschreiben." Eine Stärke, die er für Nestlé nutzt, wenn er ein Traditionshaus wie Schöller in den internationalen Konzern integriert oder Geschäftsfelder erschließt.

Obwohl er mit 38 Jahren sein Karriereziel erreicht hat, sei er noch lange nicht am Ende des Weges angekommen. "Es ist höchst gefährlich, immer das Gleiche zu machen. Man muss sich immer wieder in Frage stellen." Vielleicht fängt de Loecker auch noch mal etwas ganz Neues an. "Karriere machen bedeutet für mich, meine eigenen Grenzen zu verschieben.

Bilder von der Preisverleihung am 23. November im Alten Wartesaal in Köln finden Sie hier.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.11.2005